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Schuldzuweisung: "Katrina" und der Ölpreis

Der Wirbelsturm "Katrina" soll Schuld daran sein, dass der Ölpreis wieder einmal neue Rekordhöhen erklommen hat. Doch die Ölwirtschaft will sich nicht länger den schwarzen Peter zuschieben lassen - und hat längst andere Schuldige ausgemacht.

Seit der Handel mit Ölkontrakten an der New York Mercantile Exchange (NYMEX) 1983 begann, kostete mit 70,80 Dollar noch nie zuvor ein Barrel (159 Liter) US-Leichtöl so viel. Die magische 70-Dollar-Marke wurde im asiatischen Handel gerissen - und ist wohl keine einmalige Erfahrung. Nachdem die Stärke des Hurrikans etwas nachließ, rutschte der Ölpreis auf rund 69 Dollar ab. In London wurde die in Europa gängige Nordsee-Ölsorte Brent wegen eines Feiertages nicht gehandelt. Doch an den Terminmärkten schossen montags auch die Preise für Benzin, Heizöl und Erdgas kräftig in die Höhe.

Hurrikan schürt Angst vor Ölknappheit

Denn auch, als sich der Wirbelsturm von der gefürchteten Stärke fünf auf "nur" Stärke drei abschwächte, drohen der Region um New Orleans und damit einem der wichtigsten Ölregionen der USA im Golf von Mexiko weiterhin hohe Schäden. Mehr als 40 Prozent der US-Rohölproduktion im Golf von Mexiko liegt aufgrund des Hurrikans bereits brach. Mit weiteren Schließungen von Ölplattformen und Raffinerien wird gerechnet. Schon in der vergangenen Woche hatte die Sorge über mögliche Versorgungsengpässe bei der Ölförderung sowohl im Golf von Mexiko als auch in Ecuador und im Irak den Ölpreis erstmals auf 68 Dollar je Barrel gehievt.

Im Golf von Mexiko werden normalerweise täglich rund 1,4 Millionen Barrel Öl gefördert, etwa ein Viertel des gesamten US-Austoßes beziehungsweise zwei Prozent der weltweiten Ölförderung. "Wir können mit einem zweimonatigen Produktionsausfall rechnen, und das auch noch auf dem Höhepunkt der Nachfrage", erklärt David Thurtell, Ölstratege bei der Commonwealth Bank of Australia. "Die einige Möglichkeit, noch höhere Preise zu vermeiden, ist die Freigabe der Strategischen Ölreserven der USA durch den Präsidenten", fügte Thurtell hinzu.

Nach "Ivan" strategische Ölreserven ausgeliehen

Die Regierung von US-Präsident George W. Bush hat in der Vergangenheit die Freigabe von Öl aus der strategischen Reserve von schweren Versorgungsengpässen abhängig gemacht, aber nie Einzelheiten dazu genannt. Die strategische Ölreserve der USA beläuft sich auf 700 Millionen Barrel. Nach dem Hurrikan "Ivan" im vergangenen Jahr hatte das Energieministerium einige Millionen Barrel Öl ausgeliehen.

Seit dem Frühjahr 2003 hat sich der Ölpreis fast verdreifacht. Allein in diesem Jahr verteuerte sich der Barrel US-Leichtöl um 60 Prozent. Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), die etwa die Hälfte der Öl-Exporte weltweit kontrolliert, hat kaum Spielraum für die Erhöhung der Fördermengen, denn die Förderung der Opec-Mitglieder, darunter Saudi-Arabien, liegt schon am oberen Rand der Kapazitäten.

Abkühlung der Weltwirtschaft

Die Aktienbörsen reagierten europaweit mit Kursverlusten auf den Ölpreisanstieg. "Falls sich der Ölpreis auf dem heutigen Niveau stabilisiert, würde das recht rasch zu einer deutlichen Abkühlung der Weltwirtschaft führen", sagte Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank. Händler erklärten, der hohe Ölpreis verteuere die Produktion sowie den Transport und schmälere somit die Gewinne der Unternehmen. Zudem sinkt die Kaufkraft der Verbraucher, die mehr für Benzin und Heizöl ausgeben müssen.

Die Ölwirtschaft will sich dennoch nicht alleine den schwarzen Peter zuschieben lassen. Denn der derzeitige Rekordpreis ein unter den herkömmlichen Gesichtspunkten von Angebot, Nachfrage und rationalen Erwartungen nicht mehr erklären. "Die meisten in der Öffentlichkeit verbreiteten Einschätzungen stammen inzwischen von Bankern, Investmentfirmen und Analysten, die sich früher nicht zum Ölmarkt geäußert haben", stellt Karl-Heinz Schult-Bornemann von ExxonMobil fest. "Das hat sogar eine gewisse Logik, weil sich die Finanzwirtschaft immer stärker des Marktes bemächtigt hat und auf kurzfristige Gewinne setzt." Finanzstarke Investmentgesellschaften haben Milliarden Dollar in Rohstoff-Fonds und vor allem in Ölpapiere investiert.

Experten begreifen Preisanstieg nicht

Für die Ölexperten, die wirklich mit Rohöl und Raffinerien zu tun haben und nicht nur mit Futures und Optionen, sind die gängigen Erklärungen für die Preissteigerungen nicht einleuchtend. So soll der Super-Hurrikan "Katrina" am Montag den deutlichen Preisanstieg um gut drei Dollar verursacht haben. Mehr als 20 Produktionsanlagen im Golf von Mexiko wurden kontrolliert stillgelegt, etliche Raffinerien und Umschlaganlagen waren in Gefahr. "Dennoch ist die Versorgung nicht gefährdet", sagt Schult-Bornemann. "Das System der Ölförderung und -verteilung enthält genug Mengenpuffer, um flexibel zu reagieren und die Verbraucher wie gewohnt mit Ölprodukten zu beliefern."

Die kurzfristig orientierten Finanzgesellschaften ziehen neben Hurrikans im Golf von Mexiko auch Streiks in Nigeria oder Norwegen, Anschlänge im Irak oder politische Entwicklungen in Iran, kalte Winter, heiße Sommer und alle möglichen anderen Alltagsphänomene als Erklärungen herbei, um die immer höheren Preise zu begründen. Ulrich Winkler von Aral/BP fühlt sich schon an die Internet-Blase auf den Aktienmärkten der späten neunziger Jahre erinnert. "Jetzt werden schon privaten Anlegern in großen Tageszeiten Öl-Zertifikate angeboten." Das sei ein sicheres Zeichen für eine Überhitzung.

Realwirtschaftliche Grundlage

Doch wahr ist auch: Die Ölpreis-Hausse hat eine realwirtschaftliche Grundlage. Die Weltwirtschaft wächst stetig und in den vergangenen ein bis zwei Jahren ist die Nachfrage kräftig gestiegen. Allein China hat seinen Energieverbrauch im vergangenen Jahr um mehr als 13 Prozent erhöht. Der Energieverbrauch der Welt kletterte um 4,3 Prozent, die stärkste je gemessene Steigerung.

Wenn der Preis für Rohöl steigt, werden auch Gas, Kohle und Strom teurer. "Erdöl ist mit Abstand wichtigster Energieträger und damit auch Preisführer", sagt Schult-Bornemann. Öl steuert mehr als ein Drittel zum Welt-Energieverbrauch bei und solche Mengen können kurzfristig weder eingespart noch ersetzt werden. Doch noch ist nicht erkennbar, dass der Energiesektor in großem Umfang zusätzliche Investitionsmittel anzieht. "Es wird einen Investitionsschub geben, aber man sieht ihn noch nicht", sagt Öl-Experte Klaus Matthies vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA). Bei den Investoren gebe es eine gewisse Zögerlichkeit, denn die Ölkonzerne stünden nicht unter Druck: Sie verdienen gut bei den hohen Preisen.

Kapazitäten nicht schnell steigerbar

Doch die Öl-Multis wissen auch, wie stark der Ölpreis schwanken kann: Vor sechs Jahren lag er noch bei zehn Dollar je Barrel. Wer heute in eine Raffinerie oder eine Ölförderanlage investiert, kann erst in fünf bis zehn Jahren den ersten Tropfen Öl oder Benzin aus dieser Anlage verkaufen. Ob das Barrel Öl dann immer noch 70 Dollar kostet, weiß niemand. In ihren Modellrechnungen haben die Ölfirmen den Rechenpreis nun heraufgesetzt, von 25 bis 30 auf 40 Dollar für ein Barrel. Doch allein die Entscheidung für eine Investition, die oft in den Milliardenbereich geht, dauert länger als ein Jahr.

DPA, Reuters / DPA / Reuters