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Verkehrschaos nach "Kyrill": Kritik am Krisenmanagement der Bahn

Der Bahn-Reiseverkehr läuft auch zwei Tage nach dem Orkan "Kyrill" noch nicht reibungslos. Nun kritisieren Politiker und Fahrgastverbände das Krisenmanagement der Bahn; Konkurrenten hatten den Verkehr nicht eingestellt.

Zwei Tage nach dem Orkan "Kyrill" ist der Bahnverkehr in weiten Teilen Nordrhein-Westfalens noch immer außer Betrieb. Viele Strecken seien wegen umgestürzter Bäume und anderer Gegenstände auf Gleisen und Oberleitungen erst in mehreren Tagen wieder befahrbar, sagte Bahn-Sprecher Jürgen Kugelmann am Samstag. "Sämtliche Mitarbeiter sind draußen und versuchen ihr Möglichstes, wieder einen geregelten Zugverkehr herzustellen."

Im Sieger- und Sauerland sowie in Ostwestfalen sind die Gleise den Angaben zufolge frühestens ab Montagmorgen wieder befahrbar. Auf anderen Strecken - zum Beispiel von Köln nach Krefeld - sei das Ende der Aufräumarbeiten noch nicht absehbar. "Um die Nebenstrecken kümmern wir uns erst, wenn die Hauptverbindungen wieder befahrbar sind", sagte Kugelmann. Zu den zentralen Verbindungen zählt die Strecke zwischen Essen und Dortmund, die die Bahn bis zum späten Samstagabend freilegen wollte. Auf der stark frequentierten Route zwischen Köln und Düsseldorf fuhren die Züge bereits seit dem Morgen wieder, allerdings mit starken Abweichungen vom Fahrplan.

Probleme wirken bis ins Ausland

Die von dem Orkan ausgelösten Probleme der Deutschen Bahn haben auch im Ausland Folgen. Nach einem Bericht des niederländischen Rundfunks vom Samstag strandeten in der Grenzstadt Maastricht vier Züge mit Wintersportlern, weil sie am Freitagabend nicht durch Deutschland weiterfahren konnten. Die deutsche Seite habe zu verstehen gegeben, dass der Zugverkehr aus den Niederlanden nicht vor Montag wieder aufgenommen werden könne, hieß es.

Während "Kyrill" über Deutschland wütete, hatte die Bahn am Donnerstagabend erstmals in ihrer Geschichte fast im ganzen Land den Verkehr gestoppt. Wie viele Reisende von den Störungen betroffen waren, ist unklar. Im Fernverkehr gibt es nach Angaben der Bahn pro Tag durchschnittlich 300.000 Fahrgäste, im Regionalverkehr sind es mehrere Millionen. Kritik an der Informationspolitik der Bahn wies der Sprecher zurück. "Wenn man sich vor Augen hält, wie massiv die Auswirkungen des Sturms waren, dann haben wir insgesamt eine erfreuliche Entwicklung genommen."

"Katastrophale Informationspolitik"

Der Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann kritisierte das Krisenmanagement der Bahn in der Sturmnacht: "Der Stopp des Zugverkehrs wegen des Sturms war richtig, aber die Information der Kunden katastrophal und stümperhaft." Diese Ansicht vertrat auch der Fahrgastverband "Pro Bahn". "Es gab offensichtlich keinen ausreichenden Notfallplan", sagte der Verbandsvorsitzende Karl-Peter Naumann dem Blatt. Reisende seien nicht ausreichend über Verspätungen und gestrichene Zugverbindungen informiert worden. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sagte der Tageszeitung "Die Welt", die Bevölkerung habe sehr gelassen reagiert und gut verstanden, dass es richtig gewesen sei, Züge nicht fahren zu lassen.

Der Vorstandschef des Bahn-Konkurrenzunternehmens AKN-Bahn, Johannes Kruszynski, sagte laut "Spiegel"-Vorabmeldung, eine Stilllegung der Bahn sei vor allem im Regionalverkehr "überhaupt nicht notwendig" gewesen. In Schleswig-Holstein habe die AKN-Bahn planmäßig verkehrt, nachdem die Strecken abgesucht und gesichert worden seien.

Berljn: Mängel durch Einsparungen?

Kritik gab es auch wegen der Sturmschäden am Neubau des Berliner Hauptbahnhofs. "Man muss fragen, ob es nicht durch hemdsärmlige Einsparungen beim Bau des Hauptbahnhofes zu Mängeln gekommen ist", sagte der Grünen-Politiker Hermann. Die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, sprach sich im "Spiegel" für die Suche nach möglichen Konstruktionsfehlern aus. "Ich gehe davon aus, dass bei der Planung, beim Bau und bei der Prüfung alle verantwortlich gehandelt haben", sagte die SPD-Politikerin, deren Behörde den zuständigen Prüfingenieur bestellt hatte. "Dann darf so etwas aber eigentlich nicht passieren."

Nach den Zugausfällen können sich Fahrgäste auch jetzt noch um Entschädigung bemühen. "Wer sich nicht sofort bei uns gemeldet hat, kann es nun noch tun", sagte ein Bahnsprecher am Samstag der dpa. "Wir werden uns jeden Einzelfall anschauen und prüfen." Vermutlich können die Betroffenen auf Reisegutscheine hoffen. "In Einzelfällen werden wir aber vielleicht auch die Hotel- und Taxikosten erstatten." Es gebe zwar keinen Anspruch auf Entschädigung, doch könnten die Fahrgäste auf Kulanz hoffen.