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Wendelin Wiedeking: Protokoll eines Abschieds

Der Machtkampf zwischen Wendelin Wiedeking und Ferdinand Piech gehört zu den heißesten Krimis, die die deutsche Wirtschaftsgeschichte zu bieten hat. Und das große Finale hatte es erst recht in sich. Eine Chronik des Showdowns in Stuttgart.

Von M. Lambrecht, K. Spiller, L. Heiny und H. Fischer

Im Morgengrauen, endlich, haben die Spekulationen ein Ende: "Der Aufsichtsrat der Porsche Automobil Holding SE, Stuttgart, hat sich heute mit Dr. Wendelin Wiedeking und Holger P. Härter über ihre Demission geeinigt", heißt es nüchtern im ersten Satz der Pressemitteilung, die das Unternehmen Porsche am Donnerstag um 6.49 Uhr verschickt.

Tagelang hat zuvor das Gerücht die Runde gemacht, dass Porsche-Chef Wiedeking und sein Finanzvorstand Härter das Unternehmen verlassen werden. Es kursieren Falschmeldungen, Namen, angebliche Pläne. Immer wieder lancieren Berater und Spindoktoren aus dem Umfeld Nachrichten und Informationen zum angeblichen Stand der Verhandlungen - je nach Interessenlage. Wiederholt jagen die Nachrichtenagenturen Eilmeldungen zu Wiedekings Ende als Porsche-Chef heraus. Wiederholt dementiert der Sportwagenbauer umgehend. Es ist der Showdown eines öffentlich ausgetragenen Machtkampfs um die Vorherrschaft bei Porsche und VW. Ein Machtkampf zwischen den Eigentümerfamilien, vertreten durch VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und seinen Cousin, Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche. Am Ende sind Wiedeking und Härter die Opfer.

Coup misslingt

Das bizarre Verwirrspiel dauert bis in die letzten Stunden. Am Mittwochnachmittag finden sich die Porsche-Aufsichtsräte zu einem bis dahin streng geheimen Sitzungstermin im Forschungs- und Entwicklungszentrum in Weissach zusammen. Nach Mitternacht ist die historische Zusammenkunft noch in vollem Gange. Und zunächst scheint noch einmal alles nach Wiedekings Plan zu laufen: Um kurz nach eins teilt Porsche mit, der Aufsichtsrat habe dem Vorschlag des Vorstandschefs zugestimmt und eine Kapitalerhöhung über mindestens 5 Mrd. Euro beschlossen.

Gut eineinhalb Stunden später legt die Pressestelle der Holding nach, dass der Vorstand ermächtigt worden sei, mit Katar über einen Einstieg der zahlungskräftigen Scheichs zu verhandeln, mit deren Hilfe Wiedeking doch noch zum Ziel kommen wollte.

Selbst zu diesem Zeitpunkt, um halb vier in der Nacht, weist Porsche alle Gerüchte über einen Wechsel an der Spitze entschieden zurück: Wiedeking und Härter, versichert ein Unternehmenssprecher, seien weiterhin im Amt.

Doch als die zwölf Aufsichtsräte um viertel vor sechs auseinandergehen, haben sie anders entschieden. Der Abstieg des Porsche-Chefs hat schon vor Monaten begonnen. Sein ursprünglicher Plan, VW über einen Beherrschungsvertrag zu dominieren, geht nicht auf, der Griff in VWs volle Kassen bleibt Wiedeking verwehrt. Ihm fehlt das Geld, um die rund 10 Mrd. Euro Bankschulden zu begleichen, die Porsche im Zuge des Übernahmeversuchs aufgehäuft hat.

Plötzlich leuchtet der lange alles überstrahlende Star der deutschen Automobilindustrie, der Porsche in seinen 17 Jahren an der Spitze vom defizitären Nischenanbieter zum weltweit profitabelsten Autobauer machte, nicht mehr ganz so hell. Der große Coup, die Krönung seines Lebenswerks scheint ihm zu misslingen.

Öffentliche Hinrichtung

Im Frühjahr dann geht Ferdinand Piëch erkennbar auf Abstand zu seinem Wundermanager. Der Aufsichtsratschef von VW will Porsche lieber als Marke wie Audi, Bentley oder Seat im von ihm kontrollierten Konzern sehen. Erstmals flackert die Abneigung während der VW-Hauptversammlung Ende April auf, Piëch erteilt mehrfach "Herrn Dr. Wedeking" das Wort, ohne "i" - eine subtile Bösartigkeit.

Im Mai, an einem lauen Frühsommerabend auf der Terrasse eines Luxushotels an Sardiniens Costa Smeralda geht Piëch mit seinem Gegenspieler öffentlich ins Gericht: "Zurzeit habe ich noch Vertrauen zu Wiedeking", sagt er vor Journalisten. "Streichen Sie das Wort ,noch‘", fügt er süffisant lächelnd hinzu. Er könne sich nicht vorstellen, dass Wiedeking im neuen Gesamtkonzern Markenvorstand werden wolle, legt er dann noch nach. "Der müsste sehr viele Stufen runtersteigen. Das Rollenspiel müsste wechseln, vom Durchmarschierer zur Demut - ich weiß nicht."

In den Medien findet Piëchs Auftritt den beabsichtigten Nachhall: Das ist die öffentliche Hinrichtung des Porsche-Chefs, lautet die übereinstimmende Einschätzung - zumindest aber eine Attacke, von der sich der bis dahin siegesgewohnte Wiedeking nicht mehr erholen wird. Zu einem Trommelfeuer verdichten sich die gezielt gestreuten Indiskretionen und Falschmeldungen gegen den Porsche-Chef in der letzten Woche vor dem Abgang. Mit immer neuen Nadelstichen bringt Piëchs wichtigster Verbündeter, der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff, das Porsche-Management in Rage. Ihr Favorit für die Spitze des fusionierten Unternehmens ist der VW-Chef und langjährige Piëch-Protegé Martin Winterkorn.

"Einfach mal die Klappe halten"

Wulff drückt am Dienstag vergangener Woche aufs Tempo, fordert schnell Klarheit. Es gebe kaum ein Modell, das mit "kollektiven Doppellösungen" funktioniere, kommentiert er den Streit um die Spitzenjobs. Wiedeking muss weg, heißt das im Klartext. In Porsche-Kreisen ist da noch von Verhandlungen über Lösungen die Rede, bei denen beide Seiten ihr Gesicht wahren. Tags darauf, um halb fünf am Nachmittag, meldet das Magazin "Wirtschaftswoche" ohne Angabe von Quellen, über einen Nachfolger von Wiedeking werde in Kürze entschieden. Zum kommissarischen Nachfolger solle ein Konzernmanager ernannt werden, der sowohl bei Porsche als auch bei VW Führungsaufgaben hatte. "Das ist falsch, und das ist Mobbing", lautet wenige Minuten später die durch Agenturen verbreitete Reaktion eines Porsche-Sprechers: "Hier wird ein Medienkrieg geführt."

Noch am Abend positionieren sich auch Wiedekings Verbündete, neben dem Porsche-Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Porsche vor allem dessen Vize, der mächtige Gesamtbetriebsratschef Uwe Hück. Der reitet im ZDF die Gegenattacke: Wiedeking werde so lange im Unternehmen bleiben, wie es sein Vertrag zulasse - und das sei bis zum Jahr 2012. Und übrigens: Wulff solle jetzt "einfach mal die Klappe halten". Doch während Hück noch öffentlich poltert, ist Wiedeking längst klar, dass er sich an der Spitze von Porsche nicht mehr lange halten kann.

Hinter den Kulissen haben sich die Familien nach Informationen der FTD bereits auf ein Konzept geeinigt, das den Vorstellungen Piëchs entspricht - und in dem für Wiedeking kein Platz ist. Jetzt geht es eigentlich nur noch um die Bedingungen des Ausstiegs. Wiedeking beauftragt den angesehenen Stuttgarter Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer, seine Interessen wahrzunehmen - ein Mandat, von dem man zu diesem Zeitpunkt in der Porsche-Pressestelle nichts wissen will.

Dort hat man in den kommenden Tagen alle Hände voll zu tun, weitere Meldungen über den bevorstehenden Abgang Wiedekings zu dementieren. So berichtet die "Süddeutsche Zeitung", dass über eine Abfindung in der Größenordnung von 100 Mio. Euro verhandelt werde, später machen sogar Spekulationen über ein Abschiedspaket mit 250 Mio. Euro die Runde.

"Gezielte Falschmeldungen"

Am Freitagnachmittag wartet der "Spiegel" dann mit Wiedekings Nachfolger auf: Die Familien hätten sich auf Produktionsvorstand Michael Macht geeinigt. Diesmal ist es Wolfgang Porsche selbst, der das Wort ergreift: "Ich weise diese Spekulationen entschieden zurück", lässt er am Freitagabend mitteilen. Das alles seien, assistiert der andere Wiedeking-Verbündete Hück am gleichen Tag, "gezielte Falschmeldungen". Nun ist es doch so gekommen. Am Donnerstagmorgen, nach der Entscheidung im Aufsichtsrat, stehen sie alle zusammen vor der Belegschaft: Porsche und Hück, Wiedeking, Härter und Macht. Es regnet in Strömen auf die rund 5000 Porsche-Mitarbeiter, die sich auf dem Werksgelände in Zuffenhausen versammelt haben. Noch einmal feiern sie die große Vergangenheit Porsches, jubeln ihrem ehemaligen Vorstandschef zu. Klatschen. Rufen Bravo. Minutenlang. Der sonst so coole Wiedeking hat rote Flecken auf den Wangen und dem Doppelkinn. Er schluckt, bevor er zu seinen Leuten spricht. Das letzte Mal. "Es tut mir in der Seele weh", sagt er. Doch die ganzen Streitereien wolle er ihnen nicht mehr zumuten. "Ihr habt es nicht verdient, dass der Name Porsche beschädigt wird." Wolfgang Porsche verschlägt es die Stimme, als er ans Mikrofon tritt. "Verlassen Sie sich auf mich", ruft er den Beschäftigten zu. "Der Mythos Porsche lebt und wird nie untergehen!" Dann dreht er sich um, nimmt Wiedeking in den Arm und drückt ihn. Später tritt ein siegeszufrieden lächelnder Christian Wulff vor die Presse. Am Morgen mussten seine Leute noch Gerüchte zerstreuen, er liebäugle mit dem Posten des Südamerika-Chefs bei VW. "Emotion ist gut, gehört auch dazu, aber nun müssen wir gemeinsam nach vorn schauen", sagt er. "Jetzt ist Schluss mit lustig."

FTD