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Rückrufe: Neuwagenkäufer als Testfahrer

Nachdem die Zahl von Rückrufaktionen wegen Sicherheitsmängeln dramatisch angestiegen ist, fordert der ADAC strengere Gesetze. Besonders ärgerlich: Viele Autohersteller tarnen Rückrufe aus Imagegründen als "Serviceaktion".

Die Zahl der Rückrufaktionen der Autohersteller wegen Sicherheitsmängeln steigt rasant an. Nach Berechnungen des ADAC wurden im vergangenen Jahr fast eine Million Fahrzeuge von den Herstellern in die Werkstätten gerufen, weil Zweifel an der Verkehrssicherheit bestanden. Die Zahl der offiziellen Rückrufaktionen vervierfachte sich in den vergangenen vier Jahren auf rund 100, wenn Wiederholungsaufrufe nicht mitgezählt werden. 2004 erwartet der ADAC einen neuen Höchststand.

ADAC fordert strengere Gesetze

Angesichts dieser Entwicklungen forderte der Automobilclub auf einer Fachtagung am Donnerstag in München Konsequenzen für Autoindustrie und Gesetzgeber. Denn nicht immer beseitigen die Hersteller Sicherheitsmängel auf eigene Kosten oder sie tarnen aus Sorge vor Imageschäden notwendige Rückrufe als normale Serviceaktionen, oft zum Nachteil der Fahrzeugbesitzer, wie der ADAC-Technikexperte Anton Demmel berichtet.

Jüngst habe ein Hersteller sogar den möglichen Bruch eines Teils der Radaufhängung als nicht sicherheitsrelevant bezeichnet und somit einen offiziellen Rückruf vermieden. "Oft ist das Argument, das Fahrzeug bleibe beherrschbar", sagt Demmel. "Doch man darf nicht nur vom versierten Autofahrer ausgehen, der mit solchen Gefahrensituationen umgehen kann."

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Mängelbeseitigung auf eigene Kosten

Besonders ärgerlich findet es der ADAC, wenn Fahrzeugbesitzer für den Kosten für die Mängelbeseitigung selbst aufkommen sollen. Demmel verweist auf einen Rückruf von VW und Audi, von dem laut ADAC insgesamt 1,3 Millionen Wagen der Typen Passat, A4, A6 und A8 betroffen waren, weil ein Bruch des Traglenkers drohte. "Der Hersteller hat die Kostenübernahme von Bedingungen abhängig gemacht, wie Laufleistung, Alter und erfolgten Inspektionen", berichtet Demmel. Der ADAC fordert, Hersteller mit einem eigenen Gesetz klar zu Rückrufen zu verpflichten, wenn die Sicherheit bedroht ist, und darin auch die Kostenfrage zu regeln. Da dies nicht im nationalen Alleingang möglich sei, werde eine entsprechende Regelung aber noch auf sich warten lassen, sagt der ADAC-Experte.

Insgesamt bewertet der Automobilclub die Entwicklung der Rückrufzahlen aber positiv: "Der Anstieg ist nicht Besorgnis erregend", betont Demmel. "Die Sensibilität der Hersteller ist heute viel höher." Eine Rückrufaktion sei nicht mehr wie früher ein außergewöhnlicher Imageschaden. "Heute haben wir zwei Rückrufe pro Woche, wovon in der Öffentlichkeit kaum noch Kenntnis genommen wird." Probleme gebe es eher mit den kleineren Herstellern, die häufiger den Spielraum ausreizten, Rückrufe mit Serviceaktionen zu umgehen. Allerdings betrachteten einige Autofahrer diese Aufrufe oft als Vorwand, mit dem sie zum Händler oder die Werkstatt gelockt werden sollten.

Probleme mit Elektronik

Tatsächlich zugenommen haben laut ADAC die Elektronik-Probleme, die in den vergangenen zehn Jahren einen Anstieg von fast 0 auf über 20 Prozent verzeichnen. Fahrassistenzprogramme verbessern zwar generell die Sicherheit, können aber bei gravierenden Fehlfunktionen auch das Gegenteil bewirken. Zudem erhöhen laut Demmel die zunehmende Vielfalt von Modellen und die Ausstattungsvarianten die Anfälligkeit für mögliche Pannen. Gleiches gelte für die kürzer werdenden Entwicklungszeiten.

Dass Neuwagenkäufer aber mittlerweile die Testfahrer der Autoindustrie seien, hält Demmel für einen unberechtigten Vorwurf: "Rückrufaktionen sind wesentlich teurer als Maßnahmen innerhalb der Produktion", betont Demmel.

Michael Pohl, AP / AP