HOME

Sanierungschancen: "Das haben wir vereinbart und dabei bleibt's"

Für den angeschlagenen Handelsriesen KarstadtQuelle ist die heutige Hauptversammlung entscheidend auf dem Sanierungsweg.

Für den angeschlagenen Handelsriesen KarstadtQuelle ist die heutige Hauptversammlung entscheidend auf dem Sanierungsweg. Dort müssen die Aktionäre über die geplante Kapitalerhöhung abstimmen. Die Nachrichtenagentur AP sprach mit ver.di-Bundesvorstandsmitglied Franziska Wiethold, die auch Mitglied des Aufsichtsrates des Unternehmens ist, über Sanierungschancen, eine Reform der Mitbestimmung und die Verantwortung des Aufsichtsrates. Im Folgenden das Interview im Wortlaut:

Das beschlossene Sanierungskonzept verlangt von den Arbeitnehmern Einsparungen von knapp 500 Millionen Euro. Jetzt werden Forderungen nach einer Nachbesserung des Planes laut. Ist so etwas mit den Gewerkschaften zu machen?

An uns sind solche Forderungen nicht herangetragen worden, aber unabhängig davon: Wir haben ein Paket geschnürt, das allen Beteiligten für drei Jahre Planungssicherheit gibt. Die Beschäftigten leisten den geforderten Beitrag und erwarten im Gegenzug, dass sie ihre Arbeitsplätze behalten. Das haben wir vereinbart und dabei bleibt's. Was das Unternehmen in erster Linie braucht, ist Ruhe, um sich erfolgreich neu auszurichten. Spekulationen über einen Nachbesserungsbedarf sind da wenig hilfreich.

Wie ist die Stimmung unter den Mitarbeitern. Werden nach Ihrer Meinung den Kollegen nicht zu viele Einschnitte abverlangt?

Die Lage ist für alle nicht leicht und das, was den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern im Portemonnaie fehlt, tut vielen richtig weh. Aber unsere Leute sagen auch: Wir schauen nach vorne, wir gehen engagiert daran, KarstadtQuelle wieder richtig erfolgreich zu machen. Deshalb erwarten die Beschäftigten, dass jetzt die Vorstände endlich mit der Neuausrichtung der Warenhäuser und des Versandhandels beginnen.

Sie selbst sind als Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat von KarstadtQuelle. Was sagen Sie zu Vorwürfen, das Gremium habe Fehlentwicklungen nicht frühzeitig mitbekommen und nicht entsprechend reagiert? Haben die Aufsichtsratsmitglieder eine Teilverantwortung für die Krise des Handelsunternehmens?

Wir haben unsere Verantwortung immer sehr ernst genommen und früh auf Dinge hingewiesen, die aus unserer Sicht nicht richtig gelaufen sind. Wir haben zum Beispiel kritisiert, dass nur mit kurzfristigen Kostensparprogrammen reagiert wurde, beziehungsweise der Konzern sein Heil in Investitionen in neuen Geschäftsfelder gesucht hat. Er hätte stärker am Kerngeschäft arbeiten müssen. Da wir aber als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat nicht die Mehrheit haben, konnten wir uns oft nicht durchsetzen.

In Zusammenhang mit den Krisen bei Karstadt und Opel werden Forderungen nach einer Reform der Mitbestimmung laut. Wie stehen die Gewerkschaften dazu?

Aus den beschriebenen Gründen sollte man in der Tat darüber nachdenken, ob eine echte Parität, also Stimmengleichheit für Arbeitnehmer- und Eignervertretern, helfen könnte, Fehlentwicklungen rechtzeitig zu korrigieren. Im übrigen hat gerade das Beispiel KarstadtQuelle gezeigt, dass die Arbeitnehmerseite bereit ist, in schwierigen Zeiten in die Verantwortung zu gehen und gemeinsam mit der Unternehmensleitung tragfähige Lösungen zu entwickeln. So etwas geht immer nur mit, nicht ohne oder gar gegen die Beschäftigten.

Ein Argument der Arbeitgeber ist, dass es in keinem EU-Land eine paritätische Mitbestimmung wie in Deutschland gibt. Mit welchen Argumenten wollen die Gewerkschaften denn diese Errungenschaft verteidigen? Ist die paritätische Mitbestimmung denn überhaupt zu halten unter dem Druck des internationalen Wettbewerbs?

Unterschiedliche Studien belegen, dass die Mitbestimmung sowohl auf der betrieblichen als auch auf der Unternehmensebene bei ausländischen Investoren als Standortvorteil für Deutschland gesehen wird. Eben weil die Beschäftigten in wesentliche Fragen, die die Geschicke eines Unternehmens betreffen, eingebunden sind. Und weil in Betrieben, in denen die Arbeitnehmerinteressen von gewählten Betriebsräten vertreten werden, meist ein produktives Miteinander herrscht. Im Übrigen haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den letzten Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, dass sich die deutsche Wirtschaft so ausgezeichnet entwickelt hat: durch ihre Arbeit, aber auch durch ihre Bereitschaft, im Rahmen der Mitbestimmung Verantwortung zu übernehmen.

Interview: Susann Kreutzmann, AP