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Für eine faire Gesellschaft Unternehmerin Tijen Onaran will Strukturen verändern: "Es sind nicht nur die weißen Männer"

Tijen Onaran steht in einem roten Blazer vor einer grauen Wand
Tijen Onaran (35) ist Unternehmerin, Speakerin und Autorin 
© Foto: Andrea Heinsohn
Was bedeutet eigentlich "Empowerment", und wie wird aus dem schmückenden Marketing-Begriff eine echte Hilfe für echte Menschen? Unternehmerin Tijen Onaran erklärt im stern-Interview, warum Empowerment ausgerechnet bei Männern in Führungspositionen anfängt. 

Die Sprache von Unternehmerinnen und Unternehmern klingt für Menschen außerhalb der Branche oft wie eine willkürliche Zusammensetzung von bedeutungsschwangeren Fantasiewörtern und Anglizismen. Doch was bedeuten Wörter wie "Diversität" oder "Empowerment" eigentlich? Und wie macht man aus den abstrakten Begriffen konkrete Leistungen, damit sie nicht nur eine Dekoration auf den Instagram-Profilen großer Firmen sind, sondern auch realen Menschen weiterhelfen?

Genau das überlegt sich Tijen Onaran tagtäglich. Die Karlsruher Speakerin und Autorin kümmert sich mit ihrem Unternehmen Global Digital Women darum, dass Frauen im Arbeitsumfeld gleiche Chancen und die notwendige Unterstützung bekommen. Onaran wird zudem am "UpdateDeutschland" teilnehmen, einem Hackathon zur Lösung gesellschaftlicher Probleme in Deutschland, den der stern unterstützt. 

Im Interview erklärt die 35-Jährige, wie Empowerment funktioniert, wie Pflegerinnen und Reinigungskräfte mehr Aufmerksamkeit auf sich lenken können – und warum es noch immer zu viele "Thomasse" in Chefpositionen gibt. 

Wir reden aktuell viel über "Empowerment". Was ist das und wie wird aus der schwammigen Idee tatsächliches Empowerment?

Das Interessante an Empowerment ist ja, dass es keine richtige deutsche Übersetzung für den Begriff gibt. Alles, was wir versuchen, im Deutschen als Übersetzung zu nutzen, leitet irgendwo fehl. Wenn man es Eins zu Eins übersetzt, bedeutet es "bestärken" oder "ermächtigen". Empowerment heißt für mich Unabhängigkeit. Das ist das, was ich mit Global Digital Women mache. Menschen empowern bedeutet, sie darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen – ohne sich verbiegen zu müssen. In meinem Fall sind das hauptsächlich Frauen.

Wie empowern Sie sich selbst?

Ich empowere mich jeden Tag selbst, indem ich sehe, was ich mit meiner Arbeit bewirken kann. Das fängt im Kleinen an, wenn mir Menschen – meistens Frauen – schreiben, dass sie Dinge über mich oder die Organisation gelesen haben, die sie in ihrem eigenen Weg bestärken. Und das unabhängig davon, welche Steine sie in den Weg gelegt bekommen oder an welche gläserne Decke sie stoßen. 

Für eine faire Gesellschaft: Unternehmerin Tijen Onaran will Strukturen verändern: "Es sind nicht nur die weißen Männer"

Stichwort gläserne Decke: Hilft Empowerment auch gegen gesellschaftliche Hürden?

Ich würde zwischen dem individuellen Self-Empowerment und dem strukturellen Empowerment unterscheiden. Ersteres ist das, was bei einem selbst ansetzt. Dass man sich ein starkes Netzwerk aufbaut, dass man Sichtbarkeit generiert, dass man so wahrgenommen wird, wie man wahrgenommen werden will. 

Das strukturelle Empowerment empowert eine Gruppe. Da geht es dann um Frauen generell, oder Menschen mit diversen Hintergründen. Das ist, wie der Name es schon sagt, auch eine strukturelle Herausforderung. Da müssen Personen in machtvollen Rollen und Entscheidungspositionen überlegen: Warum ist es so wichtig, dass ich als Unternehmen divers und inklusiv bin? Und was muss ich tun, damit Frauen auf das nächste Level oder in eine Führungsposition kommen?

Bedeuten Frauen in Unternehmensvorständen denn automatisch auch eine fairere Gesellschaft?

Ich würde schon sagen, dass es mit mehr Vielfalt wahrscheinlicher ist, dass es in Unternehmen gerechter zugeht. Die Repräsentation von verschiedenen Gruppen steigert die Wahrscheinlichkeit, dass unterschiedliche Interessen gesehen und wahrgenommen werden. Viel wichtiger ist aber Inklusion. Bei Vielfalt geht es darum, dass man zählt: Wie viele Frauen gibt es? Wie viele Menschen dritten Geschlechts? Bei Inklusion geht es einen Schritt weiter: Wie lassen wir diese Menschen partizipieren und an Entscheidungsprozessen teilhaben? 

Diversität ohne Inklusion geht nicht. Geschlechterparität auf Managementebene reicht nicht, wenn die Unternehmenskultur gleich hierarchisch oder ausschließend bleibt. Sonst ist es eher etwas für die Broschüre. Diversität und Inklusion brauchen in Unternehmen die gleiche Aufmerksamkeit und die gleichen Budgets wie andere Innovationsprojekte. Man kann basisdemokratisch viel verändern. Aber am Ende des Tages muss Diversität Chef- und Chefinnensache sein. 

Das bedeutet, dass man für Empowerment auch Macht haben muss.

Nein, auf der individuellen Ebene geht das einfacher. Zum Beispiel bei der Netzwerkbildung: Wem folge ich in sozialen Medien? Man kann einem diversen Kreis an Menschen folgen oder nur Menschen, die genauso aussehen wie man selbst. Der nächste Schritt wäre, seine eigene Plattform zu nutzen, um andere sichtbar zu machen. Wenn man die Möglichkeit hat, kann man Menschen für Jobs oder Positionen vorschlagen. Dazu muss man selbst keine Machtposition haben. 

Was ist mit Arbeitern, Pflege- oder Reinigungskräften, wer empowert die?

Ich finde, dass die sozialen Medien der Ort sind, wo sich Menschen zusammentun. Wir haben dort in den letzten Monaten zum Beispiel gesehen, wie Menschen aus der Pflegebranche ihre Stimme eingesetzt haben. Das fand ich Empowerment pur, weil wir lange Jahre nur über diese Berufsgruppe gesprochen haben. Jetzt sind sie im Fokus politischer Bestrebungen. Sie reden mit, weil sie einen Instagram- oder einen Twitter-Account haben und weil sie ihre Arbeitsbedingungen teilen. Ich würde Menschen dazu raten, sich zusammenzutun, sich Verbündete zu suchen, Koalitionen zu bilden. So kann man Interessen bündeln und auf kleiner Ebene anfangen. Auch wenn die sozialen Medien an anderer Stelle extrem verhasst sind, bieten sie hier einen guten Ort, Stimmen von Menschen sichtbar zu machen, die sonst nicht gehört werden. Damit können sie am Ende auch in wirtschaftliche und politische Sphären durchdringen.

Wer braucht in Deutschland gerade besonders viel Empowerment?

Menschen mit einem schwierigen Zugang zu Berufen oder Teilhabe können noch so viel empowert werden: Wenn die Strukturen nicht durchlässig sind, kommen sie nicht weiter. Ich würde also bei den Menschen ansetzen, die diese Strukturen verändern können. Das ist zum Einen die Politik, aber in Unternehmen sind es eben die Menschen in den entscheidenden Positionen. 

Die alten weißen Männer.

Es sind nicht nur die weißen Männer. Klar, der alte weiße Mann – der "Thomas" – ist in solchen Rollen überrepräsentiert. Aber ich würde sagen, dass sich die Führungskräfte in Deutschland auf allen Ebenen und in allen Branchen verändern müssen. Sie müssen sehen, dass sie aktiver Teil im Empowerment anderer Menschen sind. 

Wie vermeidet man, dass Begriffe wie Empowerment und Diversität zu Marketing-Begriffen verkommen?

Diversität und Inklusion müssen messbar und greifbar gemacht werden. Daran führt kein Weg vorbei. Man braucht konkrete Ziele, zum Beispiel eine Quote. Aber es geht auch darüber hinaus. Der Bayer CEO hat vor kurzem gesagt, er wolle bis 2030 Geschlechterparität auf allen Ebenen erreichen. Wenn es keine konkreten Ziele für Diversität gibt, bleibt das Thema in der Charityprojekt-Ecke: "Wow, das ist aber toll, dass ihr was für euer Unternehmen macht und ein Bild auf Linkedin teilt." Aber es bleibt dann genau dort. 

Wie sähe eine ideale Gesellschaft aus?

Wir müssten darin nicht mehr über Diversität und Inklusion reden, weil es selbstverständlich gelebt wird. Wir bräuchten keine Quoten. Es würde allen auffallen, wenn nur ein Geschlecht am Tisch sitzt. Nicht nur den Betroffenen, die nicht mit am Tisch sitzen können. Und, was mir in den letzten Monaten oft aufgefallen ist: Viele Unternehmen fallen auf und bekommen Applaus, wenn sie sich für Diversität positioniert haben. Ich wünsche mir, dass es andersrum ist. Dass es auffällt, wenn sie sie nicht positionieren. 

"UpdateDeutschland" – so können Sie mitmachen

Wer kann mitmachen?

Jeder. Bürgerinnen und Bürger können einerseits ganz konkrete Problemstellungen einreichen. Außerdem können sie sich um eine Teilnahme am Hackathon bewerben. Auch Kommunen können ihre Probleme einreichen. Schon bestehende Initiativen oder Teams können ihre Projekte im Rahmen des Hackathons weiterentwickeln. Und Unternehmen und Organisationen können die Teams während des Kreativwochenendes mit ihrer Expertise unterstützen.
 

Welche Probleme kann man einreichen?

Bei "UpdateDeutschland" heißen Problemstellungen "Herausforderungen". Sie sollen aus den folgenden sechs Themenfeldern kommen:

1. Klimaneutrale, lebenswerte Zukunft

2. Gesundheit und mentales Wohlbefinden

3. Digitaler Staat und digitaler Verbraucherschutz

4. Bildung, lebenslanges Lernen und neue Arbeit

5. Demokratie, Partizipation und Engagement

6. Lebendiges Stadt- und Landleben
 

Beispiel:

Herausforderungen werden als "Wie können wir…"-Fragen eingereicht. Zum Beispiel: "Wie können wir die Teilhabe im digitalen Raum von älteren Menschen stärken?"
 

Wann passiert was?

Bis zum 17.3.2021, 18 Uhr, können Fragen eingereicht werden.

Vom 19.–21.3.2021 findet der Hackathon statt.

Vom 15.4.–19.8.2021 werden die Projekte aus dem Hackathon umgesetzt.
 

Alle Infos und Anmeldeformulare unter https://updatedeutschland.org


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