VG-Wort Pixel

"Update Deutschland" Die Pandemie zeigt, wo es in Deutschland hakt – nun wollen junge Menschen gemeinsam Probleme lösen

Menschen vernetzt
Vernetzen in Zeiten der Pandemie ist sehr wichtig
© Getty Images
Mit Schwarmintelligenz zum Ziel: "Update Deutschland" macht sich auf die Suche nach den aktuellen Sorgen in unserer Gesellschaft – und will Hilfestellungen geben. Das Besondere: Jeder kann mitmachen.

Das ganze Leben ist ein Start-up. Früher setzte sich die sogenannte Jugend auf die Startbahn West und machte Remmidemmi und Randale. Heute macht sie einen Hackathon. Was ist das nun schon wieder?

Der Begriff kommt aus der Software-Industrie. Er beschreibt ein Treffen vieler Programmierer, die möglichst schnell gemeinsam ein Computerprogramm erstellen. Fein säuberlich wird eine Aufgabe nach der anderen abgearbeitet, und nach 48 Stunden, circa 450 Hektoliter Red Bull und 56 Kilo Pizza hat man ein neues Produkt. Effizienter als nach solchen agilen Projektmanagement-Methoden kann man heutzutage wohl nicht arbeiten. Ein Traum für alle Kostensenker und Durchrationalisierer. Da jubiliert der CEO.

Wäre es nicht wunderbar, wenn man diese Methode nun auch auf gesellschaftliche Probleme anwenden könnte? Wenn endlich einmal ein echter Ruck durch die Gesellschaft ginge. Nicht immer nur dröges Verwalten, sondern ein wahrer Innovationstornado. Die Geburt des 21. Jahrhunderts aus dem Geiste des Silicon Valley.

Das zumindest dachten sich im März vergangenen Jahres einige junge Menschen aus dem digitalen Musterland Estland und suchten während eines Hack­athons nach Lösungen für ganz konkrete Probleme in der Pandemie.

Die Probleme: Datenfluss und Einsamkeit

Schnell wurde die Idee hierzulande von sozial engagierten Unternehmern und Aktivisten aus der Technologieszene aufgegriffen. Ein Zusammenschluss aus gemeinnützigen Start-ups und Internetaktivisten organisierte innerhalb kürzester Zeit einen der größten virtuellen Hackathons der ­Geschichte. Ende März 2020 fanden sich rund 28000 Freiwillige über Videochat und die Messenger-App Slack zu 1500 Projektteams zusammen, die dem Coronavirus den Kampf ansagten: #WirVsVirus war geboren.

Die Probleme waren klar umrissen: Wie können die Daten in den Gesundheitsämtern schneller fließen? Wie könnte man verhindern, dass Menschen in der Corona-­Krise in Einsamkeit sterben müssen?

Während des Kreativwochenendes entstanden zahlreiche Projekte, die noch heute zur Bewältigung der Pandemie beitragen. So entwickelte eine Gruppe von Programmierern den Chatbot "U:DO", der Arbeitgeber dabei unterstützt, Kurzarbeit zu beantragen. Und schon damals entwickelte ein IT-Experte von Daimler die Grundlagen für eine Corona-App.

So groß war der Erfolg des Hackathons, dass die Initiatoren beschlossen, dieselbe Methode noch einmal zu nutzen. Nun koordiniert das gemeinnützige Unternehmen "Project Together" einen zweiten ­Hackathon unter dem Namen "UpdateDeutschland". Dieses Mal möchte man Lösungen für die tiefgreifenden gesellschaftlichen Probleme finden, die unter dem Brennglas der Pandemie deutlich zutage traten. Das Bundeskanzleramt hat die Schirmherrschaft übernommen und unterstützt die Initiative finanziell.

Helge Braun: "Moment großer Hoffnung"

Die Auftaktveranstaltung des Kreativ-Marathons fand pandemiegemäß als Zoom-Call mit fast 600 Teilnehmern statt: eine Stunde perfekte Videokonferenzchoreografie mit Liveschalten, Videoeinspielern, Flowcharts und Grußworten. Helge Braun meldete sich aus dem Bundeskanzleramt und sagte vor Deutschlandfahne und Bundesadler: "Dass uns mit #WirVsVirus so viele Menschen bei der digitalen Bekämpfung der Pandemie geholfen haben, war ein Moment großer Hoffnung in einer für uns alle schweren Situation."

Aus dem Lederhosen- und Laptop-Paradies Bayern wurde die Bundes-Digitalisierungsbeauftragte Dorothee Bär zugeschaltet und sagte, es sei falsch, den Gesellschaftszustand vor Corona zurückhaben zu wollen. Man müsse aus der Pandemie lernen. Genau dazu könne "Update Deutschland" beitragen.

Das Team von "UpdateDeutschland" verströmt einen bisweilen beängstigenden Optimismus. Jedes gesellschaftliche Problem scheint nur dafür gemacht, junge Bürger mit leuchtenden Augen zu innovativen Höchstleistungen anzustacheln. Krise als Kreativtherapie für die Gesellschaft.

Es greift zu kurz, nur zu nörgeln. Man muss auch mal anpacken

Einer der nicht zu bremsenden Turbo- Macher ist Philipp von der Wippel, als Gründer und Co-Geschäftsführer von "Project Together" einer der Köpfe hinter "UpdateDeutschland". Er steht für einen ganz neuen Typus gesellschaftlichen Engagements. Er sagt: "Es greift zu kurz, nur zu nörgeln. Man muss auch mal anpacken und machen. Sich selbst in die Pflicht nehmen und schauen: Wie kann man es besser machen. Neue Lösungsansätze und konkrete Alternativen aufzeigen."

Philipp von der Wippel
Philipp von der Wippel, 25, einer der Köpfe von "UpdateDeutschland"
© Project Together / Samuel Groesch

Von der Wippel hat in Oxford studiert, war Stipendiat in renommierten Stiftungen und hat schon mit 16 die gemeinnützige Organisation "Project Together" gestartet. Mit 25 Jahren ist er inzwischen ein Musterexemplar dessen, was man heute "Social Entrepreneur" nennt. Solche Sozialunternehmer versuchen, gesellschaftliche Probleme mit den Mechanismen der Marktwirtschaft zu lösen.

Mal setzen sie sich für Zugang zu sauberem Trinkwasser, Sanitärversorgung und Hygiene ein wie das Unternehmen "Viva Con Agua", mal produzieren sie Klopapier gegen Rassismus wie "Goldeimer". Ihre Devise: Tu Gutes und verdien damit genug Geld für dich und dein Team. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es in Zukunft nur noch solche Unternehmen sind, die für die "Fridays for Future"-Generation überhaupt noch attraktiv sind.

Philipp von der Wippel sieht sich als Brückenbauer. Seine Methode nennt er "Open Social Innovation". Die beschreibt er wie folgt: "Wir schaffen einen Testraum, in dem Bürger:innen ganz viele Lösungen ausprobieren können. Einige davon dürfen auch scheitern. In Politik und Verwaltung versucht man oft eher, Fehler zu vermeiden. Dadurch entsteht eine gewisse Zurückhaltung, Dinge einfach einmal auszutesten. Wir wollen eine neue Zusammenarbeit etablieren zwischen Bürger:innen, die mitwirken wollen, und denen, die an den großen wirksamen Hebeln sitzen und neue Lösungen dann auch in der Breite umsetzen können. Bislang arbeiten die beiden Parteien zu wenig zusammen. Meine Generation will nicht zurück zu all den ungelösten Problemen, die wir vor der Pandemie hatten. Jetzt kann ein Moment des Aufbruchs sein, um vieles besser zu machen. Deswegen bringen wir alle Macher:innen an einem Wochenende zusammen, ein Wochenende als Start eines Prozesses."

Er sagt, vor einem Jahr habe er nicht gedacht, wie viele innovative Köpfe auch in der Verwaltung säßen. Man müsse sie nur mit der Zivilgesellschaft zusammenbringen, damit beide dann ihre volle Wirkung entfalten können.

Social Entrepreneurship killt den Sozialstaat

Die Politik zeigt sich rundum begeistert von der Initiative. Endlich mal junge Menschen, die nicht nur Kritik und Spott übrig haben wie dieser nervige Youtuber Rezo, sondern die auch einfach mal mit anpacken wollen. So groß und parteiübergreifend war der Enthusiasmus aller Politiker bei der einleitenden Zoom-Konferenz, dass man den Verdacht nicht loswurde, hier könnten Politik und Verwaltung eine Truppe von hoch motivierten Freiwilligen und Tech-Experten dazu nutzen, all die Probleme zu lösen, die sie selbst in den vergangenen 20 Jahren verschlafen haben.

"#WirVsVirus" hat gezeigt, wie viel Energie und Innovationskraft von der Schwarmintelligenz ausgehen kann. Kritiker sehen in dem neuen Phänomen des Sozialunternehmertums allerdings die Gefahr, dass solche marktwirtschaftlich organisierten Initiativen die Kollateralschäden des Neoliberalismus noch vergrößern könnten.

So kritisiert die Ökonomin Anita Roitner: "Die Idealvorstellung des Social Entrepreneurship delegiert in einer beinahe romantisch-verklärten Weise die Verantwortung für gesellschaftliche und soziale Probleme an Individuen, die ohne öffentliche Mittel soziale Leistungen erbringen und zu einer Demokratisierung der Gesellschaft beitragen. Ob dieses Bild der Realität standhalten wird, ist äußerst fraglich." Die Gefahr sei, "dass Social Entrepreneurship den Rückzug des sozialstaatlichen Modells in Europa befördert und zu einer weiteren Entpolitisierung führt".

Initiativen wie "UpdateDeutschland" können wichtige Inkubatoren für neue Ideen sein. Besonders in Krisen wie der Pandemie braucht man schnelle und pragmatische Lösungen. Aber die dürfen nicht als Alibi und PR-Show für einen Staat herhalten, der sich immer mehr aus dem sozialstaatlichen Modell zurückzieht. Natürlich müssen in einer Pandemie alle Probleme in den Gesundheitsämtern möglichst schnell gelöst werden. Aber in einem ruhigen Moment muss die Gesellschaft sich der Frage stellen: Was ist uns Gesundheit wert? Und wie viel Kostensenkung können wir uns in diesem Sektor leisten?

Sozialunternehmen verfolgen mit unternehmerischem Ansatz eine soziale Zielsetzung. Aber manche sozialen Probleme lassen sich einfach nicht mit einem rein ökonomischen Ansatz verbinden. Denn sie kosten schlichtweg mehr, als sie einbringen. Für Regierungen sind hoch motivierte Freiwilligenteams attraktiv, denn man kann an sie Aufgaben delegieren, die eigentlich vom Staat erfüllt werden müssten. Aber Politik darf nicht immer nur sagen: Jetzt setzt euch mal zusammen und macht selbst.

Natürlich kann ein modern organisiertes Tech-Start-up in 48 Stunden eine Couchsurfing-App für Obdachlose entwickeln. Aber es bleibt Aufgabe der Politik, eine Gesellschaft zu schaffen, in der niemand auf der Straße leben muss. Und das muss in einer breiten öffentlichen Debatte immer wieder angemahnt werden.

Es fehlen Strukturen

Für ebensolche Diskussionen könnten Projekte wie "UpdateDeutschland" wichtige Anregungen liefern. Als hoch produktive Ideenlabors dürfen sie aber nicht nur schnelle und pragmatische Lösungen liefern, sondern müssen auch als Impulsgeber für öffentliche Debatten wirken.

Eben das ist der selbst erklärte Anspruch von "UpdateDeutschland". So sagt Philipp von der Wippel, ihm sei durchaus bewusst, dass pragmatische Problemlösungen mithilfe neuer Technologien schnell vergessen machen können, dass wirklich tiefgreifende Strukturreformen eingeleitet werden müssen. Daraus ergebe sich für ihn jedoch eine ganz besondere Verantwortung: "Viele der Lösungsvorschläge können in der Ausarbeitung dann zeigen, dass Strukturen fehlen", sagt er. "Und ein Prozess wie ‚UpdateDeutschland‘ kann transparent machen, wo genau die Probleme der Institutionen liegen. Und das muss man dann auch öffentlich machen. Solche Erkenntnisse hervorzubringen, das ist schon auch unser Anspruch."

Es wird spannend zu sehen, wie Politik und Verwaltung mit den Vorschlägen aus der Zivilgesellschaft umgehen werden. Welche Kräfte werden die Prozesse in den kommunalen Institutionen freisetzen? Sind die jungen Tech-Experten mehr als nur ein PR-Aushängeschild für eine Politik, die das Thema Digitalisierung seit Jahren verschlafen hat? Sind agile Projektmanagement-Methoden wirklich immer die richtigen Werkzeuge, um gesellschaftliche Probleme zu lösen? Oder könnte es sein, dass sie Ausdruck eines Geistes sind, der am Ursprung vieler Probleme steht? Welches gesellschaftliche Gut wiegt mehr: die Kunst des Kompromisses oder maximale Effizienz? Wie demokratisch ist es wirklich, gesellschaftliche Probleme an eine Tech-Elite zu delegieren? Sind die Lösungen von "UpdateDeutschland" mehr als nur behelfsmäßige Flickschustereien an einem maroden System? Oder besteht tatsächlich die Bereitschaft, das System selbst tiefgreifend zu reformieren?

"UpdateDeutschland" – so können Sie mitmachen

Wer kann mitmachen?

Jeder. Bürgerinnen und Bürger können einerseits ganz konkrete Problemstellungen einreichen. Außerdem können sie sich um eine Teilnahme am Hackathon bewerben. Auch Kommunen können ihre Probleme einreichen. Schon bestehende Initiativen oder Teams können ihre Projekte im Rahmen des Hackathons weiterentwickeln. Und Unternehmen und Organisationen können die Teams während des Kreativwochenendes mit ihrer Expertise unterstützen.
 

Welche Probleme kann man einreichen?

Bei "UpdateDeutschland" heißen Problemstellungen "Herausforderungen". Sie sollen aus den folgenden sechs Themenfeldern kommen:

1. Klimaneutrale, lebenswerte Zukunft

2. Gesundheit und mentales Wohlbefinden

3. Digitaler Staat und digitaler Verbraucherschutz

4. Bildung, lebenslanges Lernen und neue Arbeit

5. Demokratie, Partizipation und Engagement

6. Lebendiges Stadt- und Landleben
 

Beispiel:

Herausforderungen werden als "Wie können wir…"-Fragen eingereicht. Zum Beispiel: "Wie können wir die Teilhabe im digitalen Raum von älteren Menschen stärken?"
 

Wann passiert was?

Bis zum 17.3.2021, 18 Uhr, können Fragen eingereicht werden.

Vom 19.–21.3.2021 findet der Hackathon statt.

Vom 15.4.–19.8.2021 werden die Projekte aus dem Hackathon umgesetzt.
 

Alle Infos und Anmeldeformulare unter https://updatedeutschland.org

Als passionierter Nörgler ist stern-Autor Stephan Maus, 53, doch etwas verwirrt von all dem Machertum der Jugend. Im Laufe der kommenden Recherche wird er versuchen herauszufinden, ob all die ­dynamischen Projektmanager auch mal ganz ­ineffizient ein Osterglöckchen betrachten

Erschienen in stern 11/2021

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker