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Insiderin verrät Warum nachhaltiges Investment häufig ein Schwindel ist

Die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energien besteht aus unzähligen Projekten. Sie alle müssen finanziert werden.
Die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energien besteht aus unzähligen Projekten. Sie alle müssen finanziert werden.
© Gary Kavanagh / Getty Images
Wer nachhaltig investiert, will etwas für den Planeten tun. Häufig täuscht er sich aber über die ökologische Wirkung seiner nachhaltigen Anlage, erklärt Theresa Hauck von Econos, einem Portal für grüne Investitionen.

Frau Hauck, Sie haben im vergangenen Jahr mit ihren Mitstreitern Econos gestartet, eine Plattform für nachhaltige Investmentmöglichkeiten. Um es einmal böse zu formulieren: Heute behauptet jeder, nachhaltig zu arbeiten. Was macht Sie besonders?

Wir fahren eine Investmentstrategie, die eine attraktive Rendite mit dem zusammenbringt, was unser Planet jetzt für den Klimaschutz braucht. Dafür investieren wir in naturbasierte Lösungen, wie z. B. nachhaltig bewirtschaftete Wälder und in Klimatechnologien. Wir sind in einem Bereich tätig, wo es um direkte Lösungen für diese Zukunftsfragen geht. Das sind Investments, die traditionell den großen institutionellen Investoren vorbehalten waren. Die haben schon seit Jahrzehnten Wälder als Investment in ihrem Portfolio liegen. Oder sie tätigen größere Investments in Solarenergie oder in Windparks, Batteriespeicher und Co. Solche Projekte sind immer mit einem großen Kapitalbedarf verbunden und waren normalen Anlegern nicht zugänglich. Und da treten wir auf und machen solche Möglichkeiten auch für kleinere Anlegerinnen und Anleger möglich. Wir orientieren uns bei der Auswahl nicht an abstrakten Kriterien, das Projekt, das Investment selbst muss ökologisch sein.

Sie treten auf wie ein institutioneller Investor – etwa eine Pensionskasse –, und Ihr Kunde kann dann mit einem Stück des Investments einsteigen?

Technisch gesehen sind wir eine digitale Investmentplattform. Das heißt, Investoren kommen auf unserer Webseite und investieren digital in unterschiedliche Anlageprodukte. Wir bringen aber nicht nur bereits existierende Produkte mit Investoren zusammen, so wie viele andere Plattformen. Wir sind zusätzlich Asset-Manager. Wir investieren in die jeweiligen Produkte und kümmern uns um das professionelle Management. Durch die Bündelung des Kapitals können wir attraktive Rendite erzielen. Dabei stellen wir durch unsere erfolgsbasierten Gebühren sicher, dass wir die Interessen unserer Anleger verfolgen.

Investor ist ein schönes Wort, aber wird metaphorisch mit großen Summen verbunden. Über welche Dimension sprechen wir?

Die Investments, die wir als Plattform machen, sind Millionenbeträge. Aber als Kunde können Sie ab kleinen Summen einsteigen. Wir wollen jedem und jeder, die in die Zukunft des Planeten investieren möchten, diesen Zugang ermöglichen. Dieser Demokratisierungsgedanke ist bei uns sehr wichtig. Theoretisch kann man ab geringen Beträgen und bis zu 500.000 Euro bei Econos investieren. Im Durchschnitt investieren unsere Kunden im fünfstelligen Bereich.

Nachhaltigkeit ist ein beliebter Begriff. Selbst die Rüstungsbranche gilt als nachhaltig. Was bedeutet das heute noch?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Nachhaltigkeit ist kein geschützter Begriff, es ist nicht einmal ein definierter Begriff. Es gibt einfach in diesem Bereich keine Standards, die allumfassend gelten. Es gibt Stimmen, die sagen, man bräuchte so eine Definition. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, das ist eigentlich gar nicht so förderlich.

Auf der Plattform Econos von Theresa Hauck kann man auch mit kleinen Summen in konkrete ökologische Projekte einsteigen.
Auf der Plattform Econos von Theresa Hauck kann man auch mit kleinen Summen in konkrete ökologische Projekte einsteigen.
© PR

Warum sollte es keinen verbindlichen Standard geben? Gibt es nicht sonst viel Betrug oder zumindest Schwindel und Greenwashing?

Weil es unterschiedliche Auslegungen gibt, was Nachhaltigkeit bedeutet. Es gibt ökologische Kriterien, es gibt soziale Kriterien. Und es gibt Grenzen der Überprüfbarkeit. Biodiversität ist wichtig. Doch stand heute, kann ich CO2-Emissionen messen, aber Biodiversität kann ich noch nicht messen.

Es gibt doch den Begriff von Environmental Social Governance (ESG). Ist der nicht definiert?

ESG ist der zentrale Begriff in diesem Bereich. Das sind Kriterien, die angelegt werden, wenn Investments getätigt werden. Mit den Jahren ist es aber zu einer Verwechslung gekommen. Diese Kriterien wurden irrtümlich mit einer guten Wirkung für die Umwelt verwechselt.

Wieso Irrtum? Ist Environmental Social Governance nicht nachhaltig?

Der Irrtum liegt darin, zu glauben, dass, wenn Projekt oder eine Anlage gemäß ESG als nachhaltig ausgezeichnet wurde, es gleichzeitig eine positive ökologische Wirkung erzielen wird. Das ist falsch, weil ESG zunächst eine Risikoabschätzung ist.

Es wird gefragt, ob der Klimawandel eine Auswirkung auf das Invest hat, ob es "safe" ist. Es wird nicht gefragt, ob das Invest dem Klimawandel entgegenwirkt. So in etwa?

Ja. Investitionen in Öl und Gas können durchaus nach ESG als nachhaltig gelten, obwohl sie überhaupt nicht zum Klimaschutz beitragen. Wir legen für jedes unserer Projekte fest, was die zentralen Kriterien sind, die es erfüllen muss. Und: Wir finanzieren ausschließlich Lösungen zum Klimaschutz. Wir suchen uns Projekte heraus, die nachweisbar eine positive ökologische Wirkung haben. Das kann ein Solarpark oder Batteriespeicher sein. Den bekannten Satz "Investiere nur in das, was du verstehst" muss man auf Nachhaltigkeit anwenden. Ich muss verstehen, wo diese positive Wirkung für den Planeten herkommen soll.

Wie sieht das konkret aus?

Bei einem Solarpark kann ich abschätzen, wie viel Strom er produziert und basierend darauf die Menge an eingespartem CO2 berechnen. Und die Ersparnis kann ich runterbrechen auf jeden investierten Euro. Das ist aber kein allgemeiner Standard für die "Nachhaltigkeits"-Debatte. Das ist unsere pragmatische Herangehensweise an das Problem. Und wir überprüfen das in jedem Projekt.

Der normale Anleger hat immer Angst, dass moralisch saubere Anlagen sich nicht lohnen. Dass ein gutes Gewissen in einem Spannungsverhältnis zu einer guten Rendite steht.

Diese Vorstellung ist einfach veraltet. Aus meiner Sicht ist es eine Matrix: Ich kann ein ökologisches Investment vornehmen, das finanziell interessant ist. Und umgekehrt kann man mit nicht-ökologischen Investments Geld verlieren. Wenn ich mein Portfolio optimal aufstellen möchte, dann möchte ich unterschiedliche Profile für Risiko, Rendite, und Laufzeiten haben. Ich habe auch Liquiditätspräferenzen. Je nachdem was mein persönliches Ziel der Geldanlage ist. Die Kunst ist nun, diese einzelnen Elemente so grün oder so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Das kann dann in den unterschiedlichen Elementen mehr oder weniger möglich sein.

Sie wollen damit sagen: Der Anleger hat nun einmal verschiedene Ziele. Um die zu erreichen, können manche seiner Anlagen dann nachhaltiger als andere sein?

Sie können auch in einen Indexfond nach ESG investieren. Das ist dann nicht so wirkungsvoll wie unsere Investments, aber Sie achten zumindest darauf, dass keine Unternehmen vertreten sind, die gar nicht nachhaltig sind. Mit anderen Elementen können sie dann stärker ökologisch gewichten. Zum Beispiel Venture Capital in Klimatechnologie – das ist ein großer Wachstumstreiber. Mit hoher Ertragsperspektive. Es ist absolut legitim, eine gute Rendite zu erwarten.

In den letzten Jahren wurden Indexfonds, insbesondere mit weltweiter Streuung, immer empfohlen. Das ist bei Ihnen ganz anders, viel konkreter. Was bewegt Anleger dazu gegen diesen Mainstream eine andere Richtung einzuschlagen?

Ich würde das nicht als ein gegeneinander betrachten. Man sollte sein Vermögen nicht nur in eine Anlage geben, man sollte diversifizieren. Unsere Aufgabe ist dabei, dass wir Anlageformen demokratisieren, die einem exklusiven Klub vorbehalten waren. Nehmen wir zum Beispiel Wald. Diese Anlage ist ein Stabilitätsanker, der sich komplett antizyklisch verhält. Gerade heute ist das wichtig, wo der Aktienmarkt sich nicht mehr nur nach oben bewegt. Wir schauen darauf, dass die Produkte, die wir anbieten, diversifiziert sind. Das sind Wälder in Europa und Nordamerika – die Anlage ist gestreut und wird aktiv gemanagt.

Die andere Sache, warum Indexfonds so unglaublich beliebt geworden sind, sind, dass sie eigentlich keine oder minimale Verwaltungskosten produzieren.

Ein ETF, der komplett auf einem Index basiert, benötigt kein Team. Da wären merkliche Kosten nicht zu rechtfertigen. Bei Investments in Projekte, so wie wir es tun, wäre es gefährlich, wenn es kein Team geben würde. Angenommen, Sie investieren in ein Produkt, das eine Laufzeit von acht Jahren hat. In diesen acht Jahren kann unglaublich viel passieren. Man muss sich aktiv um das Investment kümmern.

Sie wollen damit sagen, wenn ich als Anleger wünsche, dass mein Geld wirklich etwas bewirkt, dann muss sich auch jemand darum kümmern?

Ja. Für uns alle ist es wichtig, dass jeder Privatanleger weiß, welche Kraft seine Investments haben. Auch nichts tun, hat eine Wirkung. Das Geld, das ich auf meinem Tagesgeldkonto liegen habe, wird von meiner Bank dann "irgendwo" angelegt. Die Aufgabe eine Dekarbonisierung des Planeten lässt sich auf unzählige Projekte herunterbrechen, die alle mit Kapital versorgt werden müssen. Es besteht die Gefahr, dass die Green-Washing-Skandale zu einem Verdruss gegenüber Nachhaltigkeit führen. Mit Transparenz und konkreten Projekten, die Rendite und Nachhaltigkeit vereinen, wirken wir dem entgegen.


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