Edel geht die neue M-Klasse ins Gelände. Der Nachfolger übertrifft die alte Generation in allen Punkten, vor allem ist er schöner und komfortabler.

Ich kann auch anders! Über Stock und Stein macht die M-Klasse gute Laune© Martin Steinkasserer
Runter von der Straße, rein ins Gelände! Die meisten SUVs bekommen nur Asphalt unter die Reifen. Ausgerüstet mit dem optionalen Geländepaket kann die neue M-Klasse auch anderes Terrain bewältigen. Im Parcours des Chateau de Berne lässt Mercedes den neuen SUV durch knietiefe Kuhlen krauchen und gewaltige Gesteinsbrocken besteigen. Unterstützt von der Geländeelektronik wird die Tour-de-Force für den Fahrer zur gemütlichen Spazierfahrt. Ein Knopfdruck und die Karosserie hebt sich bis zu 290 Millimeter in die Höhe. Der zweite Knopfdruck: Mit leisem Brummen tastet sich der Luxus-Offroader im Schritttempo durch die Marterstrecke. Die leichte Aufgabe für den Fahrer: Er muss in die richtige Richtung lenken. Der Rest geht wie von selbst. Die schwere Aufgabe für den Fahrer: Er muss auch in extremen Positionen Ruhe bewahren und Fahrzeugvertrauen entwickeln. Das ist weit schwerer, traut man die Tortur dem Wagen doch kaum zu. Ein paar Minuten später ist die Hemmschwelle überwunden, man überlässt sich dem Schieben und Schnaufen und Drehen der Antriebsräder. Der Besitzer einer M-Klasse würde vermutlich dennoch unruhig hin und her rutschen. Denn vor den im schweren Gelände unvermeidlichen Kratzern schützt die allmächtige Elektronik - noch - nicht. Wer es sich leisten will, könnte so vollklimatisiert und in Lederluxus gebettet die Hölle des Amazonas im Komfortambiente eines Kreuzfahrtschiffes erleben.
Manchmal fahren deutsche Hersteller hinterher, aber beim Start der alten M-Klasse hatte Mercedes die Nase ganz weit vorn. 1997 rollte das Sport Utility Vehicle im neu errichteten Werk Tuscaloosa im US-Staat Alabama vom Band. Damals rümpften viele die Nase: Ein Fahrzeug, dass weder ein Geländegänger wie die G-Klasse sein wollte, aber im Vergleich zum patenten Kombi ungleich klobiger wirkte, wer sollte so etwas schon haben wollen? Inzwischen avancierten die SUVs aller Preisklassen zum Fahrzeugtyp mit dem größten "Will-Haben-Faktor". Der ehemalige Trendsetter M-Klasse wurde von Mercedes nun komplett neu aufgebaut, um auch in der zweiten Generation die Akzente in diesem lukrativen Markt zu setzen.

Sehr viel dynamischer als der Vorgänger© Martin Steinkasserer
Überraschung Nummer Eins: Die neue M-Klasse sieht anders und viel besser aus als der Vorgänger, ohne die Abstammung zu verleugnen. Notwendig wäre die Ähnlichkeit nicht gewesen, das Fahrzeug wurde komplett neu entwickelt. Rüstete die alte M-Klasse noch auf einem klassischen Leiterrahmen nach Art traditioneller Geländerkraxler auf, basiert die neue Variante auf einer selbsttragenden Karosserie. Die Idee dabei: Man wollte den Vorgänger durch ein zu abweichendes Design nicht auf einen Schlag zum Altmetall abwerten. Ein schöner Zug, auch mal an die Kunden zu denken. Mercedes Benz setzt beim zweiten M auf ein bekanntes Rezept: Ein bisschen mehr darf es schon sein. Die neue M-Klasse wurde 15 Zentimeter länger (jetzt 4,78 Meter), 7 Zentimeter breiter (jetzt 1,91 Meter), der Radstand wurde um 9 Zentimeter auf nun 2,92 Meter verlängert. Nur in der Höhe verzichtete man auf einen Zentimeter. Optisch führt das zu einem gestreckten, kraftvollen Auftritt. Die Assoziation der alten Baureihe mit einem schwankenden Lastkasten stellt sich nicht mehr ein. Im direkten Vergleich ist zu sehen, wie viel sich beim Mercedes-Design in den letzten Jahren getan hat. Der Vorgänger kommt wie eine nicht zu Ende modellierte Rohform daher, der Nachfolger hingegen ist vollkommen durchgestylt. Die Seiten ragen nicht mehr trostlos in die Höhe, der ganze Wagen signalisiert Power, die zum Sprung ansetzt. Aggressive Scheinwerfer und vor allem die im breiten Rund abgesetzten Kotflügel vermitteln einen sportlichen Touch. Die alte Förster-Seligkeit unkonturierter Bleche wurde radikal beendet. In einen Bildband für bahnbrechendes Design wird es die neue M-Klasse vermutlich nicht schaffen, dafür fehlt die Innovation in der Formsprache. Dem Kunden kann es egal sein, das Zusammenspiel vertrauter Formen und Details wurde dafür perfekt gelöst.
Vom Wachstum der Karosse profitieren vor allem die Insassen. Im SUV mit dem Stern sitzt man so elegant und behaglich, wie in den Limousinen des Hauses. Hinzu kommt die hohe Sitzposition, die dem Fahrer zu gehobener Stimmung verhilft. Aber auch die Kinder sitzen nicht im Karnickelstall, insbesondere das Platzangebot auf den hinteren Reihen ist opulent. Wie in allen SUVs geht es im Innenraum hoch hinaus, man sitzt luftig und weit, fühlt sich gut aufgehoben in einem eleganten Raum. Optional lassen sich die beiden hinteren Sitzkissen entfernen, nach dem Umlegen der asymmetrisch geteilten Rücksitze wächst das Ladevolumen dann auf 2050 Liter, die ebene Ladefläche besitzt eine Länge von 2,1 Metern. Wurde zum Start der alten M-Klasse noch über lieblose US-Verarbeitung gemäkelt, fand sich an den Test-Modellen bei allem Suchen kein Grund zum Tadel. Nur einigen Plastik-Teile etwa in den Lüftungsschlitzen hätte ein etwas weicheres Material gut getan, manche Lamellen wirken so scharfkantig, als könnte man sich daran schneiden.
MB M-Klasse