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Schadstoff-Ritter in der Abstellkammer

Axel Friedrich eckte an, war unbequem, manchmal nervte er gewaltig. Als man ein Bauernopfer für die Betrugsaffäre mit unwirksamen Dieselpartikelfiltern suchte, wurde der Experte in die Abteilung "Unsere Städte sollen schöner werden" versetzt. Ironie: Ausgerechnet er warnte vor dem drohenden Desaster.

Von Dirk Vincken

Mit ihm geht ein Aufrechter, ein Urgestein der modernen Umweltbewegung. Jahrzehntelang galt Axel Friedrich (60), Leiter der Abteilung "Verkehr und Lärm" im Umweltbundesamt, als unbequemer, aber sachkundiger Kritiker der Automobilindustrie. Lange vor der Betrugsaffäre mit unwirksamen Dieselpartikelfiltern warnte er das Bundesumweltministerium vor dem drohenden Desaster, legte ein vernichtendes Gutachten vor. Nun schickte ihn sein Dienstherr letzte Woche überhastet aufs Altersteil. Prominentes Bauernopfer, um das Umweltministerium aus der Schusslinie zu nehmen?

Schweigerunde und Denkpause

Nein, Herr Dr. Friedrich gebe keine Interviews. Für niemanden. Und nein, er sei auch nicht strafversetzt worden. Reine Spekulation. Punkt. Martin Ittershagen, Pressesprecher des Umweltbundesamtes, lässt sich auch von der unvermeidlichen Frage nicht aus dem Konzept bringen: Musste Friedrich gehen, weil er zu unbequem wurde? Von offizieller Seite heißt es lapidar, Friedrichs behördliche Versetzung habe "interne Gründe" und war "seit längerem vorgesehen", er werde künftig "konzeptionell arbeiten". Und ja, Axel Friedrich werde auch in Zukunft in der Öffentlichkeit auftreten. Und zwar aus einer Abteilung heraus, die sich mit der Lebensqualität in Städten befasst. Dauer dieses Projekts mit dem Arbeitstitel "Umwelt- und Lebensqualität": ein Jahr. Danach: Niemand weiß es. Ein Nachfolger Friedrichs wurde noch nicht benannt. Das opportune Ende einer bewegten und scharf ausgebremsten Karriere?

Friedrich war und ist nicht irgendwer. Insbesondere die Minderung des Kohlendioxid-Ausstoßes durch den Straßenverkehr und der Kraftstoffeinfluss auf die Schadstoffemissionen zählten zu den erklärten Zielen des promovierten Chemikers. 2006 erhielt Friedrich als erster Europäer überhaupt den "Haagen-Smit Clean Air Award", eine Art Ritterschlag vom blauen Umweltengel. Das weltweit renommierte kalifornische Umweltministerium würdigte mit dieser Auszeichnung das langjährige Engagement Friedrichs zur Reduzierung der Schadstoff-Emissionen im Straßenverkehr.

Immer auf Konfrontationskurs

Er galt als feurigster Verfechter für Umweltfragen in der Verkehrspolitik. Er liebte es anzuecken, galt als schwierig, war nicht sonderlich beliebt. Aber er wurde geachtet, respektiert, im besten Sinne gefürchtet. Selbst innerhalb der Autoindustrie, seinem erklärten Lieblingsfeind. Immer wieder, mit zäher Beharrlichkeit, legte er den Finger auf offene Wunden, hielt den Top-Managern den Spiegel vor. "Versäumnis" war eines seiner Lieblingsworte. Prangerte deren aus seiner Sicht halbherzige und fehlgeleitete Innovationsfreude an. Umweltschutz auf vier Rädern sei immer noch nicht salonfähig genug. Ganz Unrecht hat er nicht: Es ist wohl kein einziger Fall bekannt, in der die Autohersteller strengere Umweltauflagen ohne Kritik und Lobbyarbeit hingenommen hätten. Die Liste der anfangs heftig bekämpften, dann mürrisch umgesetzten und im Nachhinein als "Meilenstein" gefeierten Techniken ist prominent und aktuell: Dreiwege-Katalysator, Dieselpartikelfilter, Kohlendioxid-Begrenzung, Stickstoffdioxid-Limit, Feinstaub-Reduzierung. In "Hart aber Fair – nachgehakt", einer Internet-Nachbetrachtung der aktuell populärsten Polit-Talk-Sendung des deutschen Fernsehens, entzauberte er den Mythos des unantastbaren Tempolimits, ohne hämisch oder polemisch zu werden, verstrickte sich nicht in populistischen Allgemeinplätzen, blieb realistisch. Und jetzt stolpert ein solcher "Untouchable", die personifizierte Umweltmoral, über eine ruß-schmierige Filteraffäre.

Von der Wahrheit zur Wahrnehmung

Rückblick: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel macht Ende November Axel Friedrich für die peinliche Panne mit den Dieselrußfiltern verantwortlich. Bis zu 60.000 von insgesamt 170.000 nachgerüsteten Filtern seien wirkungslos – quasi nichts anderes als für teures Geld eingesetzte und steuerlich geförderte, nutzlose Blechröhren im Auspuffstrang. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hatte zuvor dem Ministerium vorgeworfen, ein ganzes Jahr zu spät auf ein Schweizer Gutachten reagiert zu haben, das die Wirkungslosigkeit vieler Filter stichhaltig nachweise. „Hätten wir die Resultate der schweizerischen Messungen bereits im November 2006 einsehen und öffentlich bewerten können, hätten wir die Öffentlichkeit rechtzeitig vor den Betrugssystemen warnen und das Kraftfahrtbundesamt schon damals zu einer Konformitätsprüfung bewegen können. Das Kind wäre nicht in den Brunnen gefallen, so DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch.

Es war Friedrich gewesen, der mit Hilfe dieser Studie des Instituts TTM Meyer genau diesen Skandal aufdeckte. Die Schweizer gingen sogar weit über die deutschen Prüfvorschriften hinaus. Als sich das Ministerium im Herbst 2006 weigerte, die brisanten Daten zu veröffentlichen, hieß es nur von einem Gabriel-Sprecher, die Daten seien "nicht nach der in Deutschland dafür gültigen Prüfverordnung des Kraftfahrtbundesamts (KBA) erhoben worden", man habe "keinerlei juristische Handhabe" gehabt.

Im Klartext: Dass man die brisanten Daten nicht veröffentlichte war äußerst fragwürdig. Kriminelle Filterhersteller konnten so ein schnelles Geschäft machen. Ausgerechnet starre Prinzipientreue scheint die Umwelt-Posse erst möglich gemacht zu haben. Und das im Hause Gabriels, der alles andere als ein Bürokrat und Prinzipienreiter gelten will.

Währenddessen zeigte er mit dem anklagenden Finger auf das behördlich untergeordnete Umweltbundesamt, dort speziell auf dessen Abteilungsleiter Axel Friedrich.

Retter aus eigener Not

Alle Insider des Ministeriums hätten seit geraumer Zeit wissen können, dass ein Skandal bevorstand - und hätten genug Zeit gehabt, ihn abzuwenden, politisch sogar Kapital daraus zu schlagen. Gabriel konterte, das Umweltbundesamt habe "sich nicht an die Vorgaben gehalten", somit habe "das Forschungsvorhaben keine Aussagekraft". Er "könne nicht erkennen, an welcher Stelle sich das Bundesumweltministerium schuldig gemacht habe". Zudem werde die Angelegenheit laut Gabriel ein gutes Ende finden. Gemeinsam mit Handel und Herstellern habe man sich auf eine kulante Lösung geeinigt, wonach die "rund 40.000 Kunden, die mit einem nutzlosen Partikelfilter unterwegs seien", kostenlos und unbürokratisch einen funktionierenden Austauschfilter erhielten. Fragt sich nur, ob die dem Ruf Gabriels auch folgen. Denn auch ohne Nach-Nachrüstung dürfen die Gebeutelten ihren Steuerbonus behalten und in die künftigen Umweltzonen hineinfahren. Das ist dann der Skandal nach dem Skandal.

Indes bekommt bekommt der gescholtene und abgetauchte Friedrich Schützenhilfe von der DUH, die längst dessen Rehabilitierung fordert, von einem "skandalösen Vorgang" spricht. Doch das Schicksal von Bauernopfern ist, nicht mehr aufstehen zu können.

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