Schnuller für alle

19. Oktober 2011, 18:29 Uhr

Helm auf für Radfahrer! Das ist das Gebot der Stunde von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer. Endlich, noch mehr Gängelei. Darauf hat der Bürger nur gewartet. Eine Glosse von Arno Luik

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Auch in Bayern fahren die Radler in der Mehrheit ohne Helm - noch©

Es ist höchste Zeit, dass in diesem Land noch ein paar Verbote erlassen werden. Ja, mehr Verbote braucht das Land. Um die Bürger noch mehr zu schützen. Vor sich selbst zu schützen. Vor ihrer Dummheit. Ihrer Dussligkeit. Wir brauchen eine neue Volkserziehung, noch viel mehr erigierte Zeigefinger, die uns sagen: Mach dies! Mach jenes! Lass aber das! Trink keinen Alkohol auf den Straßen! Trink kein Bier in der U-Bahn! Fahr ja nicht Rad – fahr ja nicht Rad ohne Sturzhelm!

Helm auf! Das ist das Gebot der Stunde. Nicht nur in Afghanistan. Sträflicherweise gibt es noch immer helmfreie Zonen im Land. Da ist die Politik gefordert. Noch immer dürfen Kleinkinder hierzulande krabbeln und gehen lernen – ohne Helm auf dem Kopf! Dabei weiß doch jede Mutter, jeder Vater, jedes Kind, wie verdammt gefährlich das ist, wie schnell die Babys beim Versuch, den aufrechten Gang zu üben, auf Bauch, Po und die Köpfe fallen. Also Helmpflicht für alle Babys über neun Monate – von morgens bis abends!

Und: Wo passieren denn die meisten tragischen Unfälle? Im Haushalt! Also, verdammt nochmal, höchste Zeit, dass die Politik auch da schützend eingreift: Hausfrauen am Herd, Hausmänner am Kochtopf, überall lauern Gefahren und gar der Tod – Helmpflicht also auch für sie!

Ramsauer – ein Mann voll Ehrgeiz und Ideen

Helmpflicht auch für Studenten. Für Studenten? Ja, zumindest für jene, die in schlagenden Verbindungen sind. Unglaublich was für unfassbaren Gefahren sich die Burschen beim Hauen, Stechen und Schlagen aussetzen. Die Elite von Morgen gefährdet sich. Was für Schäden mit Dauerfolgen da passieren können! Und damit sind wir bei Peter Ramsauer, CSU.

Er ist Mitglied einer schlagenden Verbindung. Er ist Bundesverkehrsminister, Herr über einen Etat von knapp 30 Milliarden Euro. Er ist ein Mann voll Ehrgeiz und voller Ideen und auch voller Sprachwitz. Er schafft es (obwohl er dafür eines auf den noch helmfreien Kopf kriegen müsste), Sätze wie diese zu kreieren: "Wir können es uns in Deutschland nicht leisten, auf Dauer in der Fläche Substanz auf Verschleiß zu fahren."

Nein, Verschleiß auf die Dauer in der Substanz – das können wir uns nicht leisten. Und so möchte der Herr Minister, dass für Radfahrer das Tragen von Helmen zur Pflicht wird. Das ministerielle Argument: Von zuletzt 450 toten Radfahrern im Jahr sei jeder Zweite an Kopfverletzungen gestorben.

Die Leute verlieren die Lust am Radeln

"Dramatisch" habe die Zahl der getöteten Radfahrer zugenommen. Wo hat der Minister seine Daten bloß her? Keine Ahnung. Dramatische Zunahme? Das Statistische Bundesamt macht ganz, ganz andere Angaben. Danach geht die Zahl der tödlich verletzen Fahrradfahrer seit Jahren zurück: Kamen 2002 noch 425 Radfahrer um, waren es 2010 381 Menschen – obwohl der Radverkehr stark zugenommen hat. Auch die Zahl der verletzten Radfahrer ging in dem Zeitraum um über 13.000 zurück – auf zuletzt 65.192. Zum Vergleich: 211.556 Autofahrer verletzten sich 2010 bei Unfällen. Und viele, viele, viel zu viele Autofahrer starben - trotz Airbag und Sicherheitsgurten – an Kopfverletzungen. Ein weites Feld also für den Verkehrsminister – da könnte, nein, müsste er doch sofort die Helmpflicht einführen, sich vielleicht sogar an etwas ganz Merkwürdiges wagen: eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen und in Städten?

Was der Minister übrigens wissen könnte, nein, wissen sollte: In Ländern mit Helmpflicht für Radfahrer ging die Zahl der Verletzen anders als erhofft nicht zurück. Aber etwas geschah dort: Die Leute verloren die Lust am Radeln. Das Radeln bekam ein anderes Image: Plötzlich galt es – völlig zu unrecht – als unsicher und gefährlich. Und Radfahrer wurde in Ländern mit Helmpflicht tatsächlich das – viel unsicherer. Die Behelmten halten sich für unverwundbar. Sie fahren schneller und rücksichtsloser. Das zeigte unlängst auch eine internationale Studie. Ihr Ergebnis: In Ländern, in denen wenige Radler Helme tragen, gib es mehr Radfahrer, aber merklich weniger Verletzte pro geradelten Kilometer.

Es ist paradox

Warum also bloß will dieser Minister eine Helmpflicht? Was soll dieser Aktionismus? Hat dieses Handeln vielleicht mit Frust in der großen Politik zu tun? Damit, dass die Politik in den wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen kaum mehr Antworten findet, schlimmer noch, sie sich in den vergangenen Jahre bei den großen und wichtigen Fragen immer handlungsunfähiger gemacht hat?

Es ist ja paradox: Einerseits liberalisiert, dereguliert die Politik wichtige Bereiche – etwa das Banken- und Finanzwesen. Sie baut da Sicherungen ab, lässt ein Hauen und Stechen, ein wildes Spekulieren zu, lässt dem Gierig-Wölfischen im Menschen freien Lauf – bis das ganze System am Abgrund steht. Aber die Politik steht den selbst geschaffenen Problemen der Finanzmärkte hilflos gegenüber, weiß nicht, was zu tun ist, eiert hilflos herum.

Und handelt, wo es nichts zu handeln gäbe. Gängelt die Bürger mit kleinlichen Verboten und Geboten. Übt sich in Ersatzhandlungen. Und entmündigt ihre Bürger, die zur Arbeit oder einfach nur herumradeln wollen, immer mehr.

Helm auf und Schnuller her - so werden Erwachsene zum Kleinkind.

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