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1. Oktober 2008, 14:00 Uhr

Ab in die Zwangsweste

Lieber sicher als modisch, sagen ausgerechnet die Franzosen. Ab sofort müssen alle Radfahrer in Frankreich eine gelbe Warnweste tragen. Dabei wirbt kein Geringerer als Designer Karl Lagerfeld für die leichten Leibchen.

"Sie ist gelb, sie ist hässlich und passt zu nichts. Aber sie kann Leben retten." Mit diesem Slogan wirbt Karl Lagerfeld für die Schutzwesten© Christophe Morin/EPA/DPA

Der Herbstnebel hängt noch über den Straßen, als sich Nicolas Besancon auf dem Fahrrad durch den morgendlichen Verkehrsstau zum Pariser Büroviertel La Défense schlängelt. Links von der Autoschlange preschen Motorräder vorbei, rechts turnen Schüler vor den Bushaltestellen am Fahrbahnrand. Besancon nutzt jeden freien Zentimeter, um sich voranzumogeln, ein atemraubendes Schauspiel. "Ich bin dran gewöhnt", sagt er, an einer roten Ampel wartend. Angst um sein Leben habe er nicht. Und eine Warnweste über seinem Trenchcoat, darauf könnte er auch in Zukunft getrost verzichten. Darf er aber nicht, denn in Frankreich gilt ab dem 1. Oktober eine Leibchenpflicht für Radfahrer. Außerhalb geschlossener Ortschaften und bei schlechten Sichtverhältnissen müssen alle Radler die Warnwesten in Neongelb tragen, sonst droht ein Bußgeld von 35 Euro. Verkehrsminister Jean-Louis Borloo hat die Maßnahme beschlossen. "Das Ziel ist, Leben zu retten", erklärt er.

Die Regelung ist Teil eines größeren, jetzt in der französischen Straßenverkehrsordnung verankerten Sicherheitspakets. Es schreibt auch allen Autofahrern vor, neben dem Warndreieck eine Sicherheitsweste griffbereit zu haben. Besonders die Verordnungen für Radler sind umstritten oder werden als halbherzig kritisiert. Denn Städte, in denen ein Großteil der Unfälle passiert, bleiben ausgenommen. Auch zu einer Helmpflicht, laut Experten der beste Schutz gegen gefährliche Verletzungen, konnte sich die Regierung nicht durchringen.

Eine Helmpflicht ist nicht vorgesehen

250 Radfahrer kommen jedes Jahr auf Frankreichs Straßen zu Tode, rund 8.000 Unfälle mit Personenschäden werden registriert. Um mit Hilfe der Warnwesten die Zahlen zu senken und das Akzeptanzproblem anzugehen, hat Borloo einen prominenten Werber engagiert: Mode-Ikone Karl Lagerfeld posierte auf Plakaten, im Frack, mit schwarzer Fliege, Sonnenbrille und neongelber Warnweste. "Sie ist gelb, sie ist hässlich und sie passt zu nichts. Aber sie kann Euer Leben retten", lautete der Slogan.

Bislang trugen nur zwei Prozent der Franzosen regelmäßig das wenig kleidhafte Leibchen. In den letzten Tagen vor Einführung der Pflicht sind die Warnwesten allerdings weggegangen wie warme Semmeln, im Supermarkt zum Discountpreis von 6,50 Euro. Viele Lager waren leergekauft. In Paris verteilte die Versicherungsgruppe MMA kostenlos hunderte Exemplare und rief die Radler auf, auch in den Städten ihre Sichtbarkeit zu erhöhen.

Der Leibchenzwang ist bereits in 14 anderen europäischen Ländern eingeführt. In Deutschland wird eine Pflicht zu dem Accessoire allerdings nicht so schnell kommen. Experten stehen dem französischen Modell äußerst kritisch gegenüber. "Nachts Warnwesten anzulegen löst das eigentliche Problem nicht. Die meisten Unfälle ereignen sich in der Hauptverkehrszeit auf dem Weg zur Arbeit und da sind die Sichtverhältnisse in der Regel gut", sagt der Fahrradbeauftragte des Berliner Senats, Benno Koch. Er halte nicht allzu viel vom französischen Konzept, da es "die Schuldfrage" verschiebe: "Das Hauptproblem bleiben Fahrzeuge, die Radfahrer beim Rechtsabbiegen übersehen." Bei derartigen Unfällen seien die meisten Todesopfer zu beklagen.

Auch die Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Berlin, Sarah Stark, hält eine Warnwestenpflicht auf deutschen Straßen für überflüssig. Helle Kleidung trage zur besseren Sichtbarkeit der Radler bei. "Man sollte die Radfahrer aber nicht bevormunden. Sie wissen selbst, dass sie weder Knautschzone noch Airbag haben." Wie der ADFC hält auch der französische Radfahrerverband FUBicy die Pflicht für kontraproduktiv. Der Drahtesel werde dadurch unattraktiver, mehr Menschen würden wieder ins Auto oder auf das Motorrad umsteigen, fürchtet er. Das Motorrad ist in Frankreich das bei weitem gefährlichste Verkehrsmittel, die Opferzahlen liegen zigfach höher als bei Fahrradfahrern. Die Warnwestenpflicht gilt jedoch nur für Zweiräder ohne Motor.

Viktoria Schiller und Tobias Schmidt/AP
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
provocateur (02.10.2008, 09:23 Uhr)
Bevormundung...
Sicherheit hin oder her. Wenn ich im Sommer in Südfrankreich bei 40 Grad mit dem Fahhrad unterwegs bin, werde ich mir bestimmt nicht so einen Plastiklappen anziehen. Sollen die Autofahrer doch einfach mal ihre Dreckschleudern stehen lassen, dann gibt´s auch keine Unfälle. Ständig muß ich deren Auspuffgase einatmen, aber diese fortgesetzte gemeinschaftlich begangene Körperverletzung muß man als Radfahrer akzeptieren?!?
susiwolf (02.10.2008, 06:35 Uhr)
Wohin der Finger zeigt....
und...
1. daß die Fahrradlobby solche Westen
nicht unbedingt als 'vorteilhaft' ansieht,
grenzt meiner Meinung schon an
Dummheit.
2. Mit dem Finger auf 'die höheren Motor-
radunfälle' zu zeigen...naja!
3. braucht die persönliche Sicherheit und
Verantwortung Vorschriften aus Brüssel?
Dieser Fragenkatalog ist erst der Anfang
einer langen Diskussion.....
(wie die Qualmerei)
susiwolf (02.10.2008, 06:21 Uhr)
Nordöstlich....
geguckt: Schon im Kindergarten wird auf Sicherheit 'gebaut'.
Warnwestenhaft gehen die 'kids' in Reih' und Glied -weithin einsehbar- durch Finnland's Straßen und Wege. Und meine Warnweste? ...hängt natürlich griffbereit im Auto. Wo ist das Problem?
No problem...but a challenge,
n'est-ce pas?
"Europa" wird es richten...schon bald.
Finnland ist mal wieder Vorreiter......!
"Hyvää päivää"! "Guten Tag" und "Bonjour"
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