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15. April 2010, 12:42 Uhr

Die Pkw-Maut bleibt ein Schreckgespenst

Alle reden über die Autobahn-Maut. Immer wieder, trotzdem kommt sie nicht. Zurecht, denn tatsächlich hätte niemand etwas von dieser Abgabe. Und für den Staat gibt es viel elegantere Methoden, die Autofahrer abzukassieren. Von Gernot Kramper

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Die Maut soll den Pkw-Verkehr abhängig von der gefahrenen Strecke belasten© Danny Gohlke/DDP

Im Abstand eines halben Jahres wird eine Debatte um das Wegegeld auf deutschen Autobahnen entfacht. Gründe gibt es immer: In den Ferien verstopfen Holländer mit Wohnwagen die Strecken in den Süden. Deutsche werden am Brenner abkassiert, die Ösis nicht. Der Winter hat Schlaglöcher hinterlassen und der Staat kein Geld. Überall soll die Maut helfen. Aktuell will das Umweltbundesamt mit der Maut die Umwelt retten und sich selbst mal wieder ins Gespräch bringen.

Viele Debatte, wenig Ergebnisse

So geht es seit Jahren, und dennoch kommt sie nicht. Wieso eigentlich nicht? Ganz einfach: Weil niemand ein weiteres Abgabesystem braucht. Der Staat hat bereits eine direkte Methode, den Straßenverkehr "gerecht" zu belasten. Das sind die Steuern, die auf Benzin und Diesel erhoben werden. Die Grundregel: Wer viel fährt, zahlt viel. Wer dabei mehr Sprit verbraucht, zahlt noch mehr. Das ist denkbar einfach und hocheffizient. Die Abrechnung entspricht dem Vorgehen bei Verbrauchssteuern und erfordert keine gesonderten Systeme. Das eingezahlte Geld kommt weitgehend beim Staat an, ob der es dann in das Straßensystem investiert, ist eine politische Frage. Wenn der Individualverkehr mehr belastet werden sollte, wäre es das Einfachste, hier anzusetzen und die Mineralölsteuer zu erhöhen. Der immer wieder bemühte Vergleich mit anderen europäischen Ländern führt in die Irre, dort sind die gebührenpflichtigen Autobahnen nicht im Besitz des Staates. Eine Erhöhung der Steuer bringt den Betreibern der italienischen Autobahnen keinen einzigen Cent in die Kassen. Gerecht wäre die Steuerlösung übrigens auch. Selbst die Ausländer zahlen diese Steuer. Auf seinem Weg in den Süden tankt auch der Däne in der Bundesrepublik und mehrt so die deutschen Staatseinnahmen. Nur die der Maut unterworfenen LKW werden mit derart großen Tanks ausgerüstet, dass sie in den Ländern ihrer Route auftanken, in denen der Sprit am billigsten ist.

Der Wunsch der Lobbyisten

Wenn es dann zu einer Maut käme, dürfte es in Deutschland nicht die einfache Lösung sein. Die deutsche Industrie versucht mit großen Anstrengungen, das mit Satelliten arbeitende LKW-Maut-System weltweit zu verkaufen. Sie wird daher mit allen Mitteln versuchen, dieses genaue aber komplizierte System einzuführen. Leider benötigt dieses Maut-System erheblichen Summen für den eigenen Bestand. Zur Erinnerung: Die Kosten einer On-Board-Unit liegen bei 500 Euro, der Einbau kostet etwa weitere 250 Euro. Entsprechende Handlingkosten der kilometergenauen Abrechnung kämen noch hinzu. Freundlich geschätzt, verschwänden etwa 100 Euro pro Pkw im Jahr nur für den Betrieb des Mautsystems. Mit 750 Euro kann man in Österreich zehn Jahre lang das simple "Pickerl" bezahlen, beim deutschen System wäre das nicht einmal der Eintrittspreis – der Finanzminister hätte dann noch keinen Cent mehr eingenommen.

Botschaft: Runter von der Autobahn

Auch abgesehen von den hohen Eigenkosten macht das genaue Abrechnungssystem keinen Sinn. Sollte tatsächlich nach gefahrenen Kilometern abgerechnet werden, muss mit einer erheblichen Lenkungswirkung gerechnet werden. Die eingeschlagene Richtung heißt dabei nicht unbedingt "weniger fahren", wie versprochen, sondern zunächst einmal "weniger auf der Autobahn fahren". Die Benutzung einer Autobahn würde immer dem Kalkül unterliegen: Lohnt sich denn das? Gerade bei kurzen und mittleren Strecken würde es zu einer massiven Umverteilung des Verkehrs auf Bundesstraßen und Landstraßen kommen. Wer will, kann dieses Phänomen in Maut-Ländern studieren. Auf der gebührenpflichtigen Autobahn geht es dort zur Rushhour störungslos bis in die Innenstadt, während die öffentlichen Einfallstraßen dicht sind. In Deutschland würde der Verkehr von den Lärmschutzwall umsäumten Autobahnen wieder mitten durch Dörfer und Städte gelenkt werden. Anders als beim LKW-Fernverkehr wäre es beim regionalen PKW-Verkehr kaum möglich, "Maut-Flüchtlinge" aufzuspüren. Selbst durchreisende Urlauber würden gern mal die "französische Lösung" wählen: Anstatt über die mautpflichtigen Autobahnen benutzt man die pittoresken Route National. Für den Skandinavier gibt es in Deutschland weitaus reizvollere Routen als die A7. Man fragt sich nur, will man das wirklich?

Unnötiger Selbstmord

Nicht zuletzt verhindert der politische Überlebensinstinkt der Regierung die Pkw-Maut. Wer jeden Autofahrer, zum Einbau einer On-Board-Unit für 750 Euro verpflichtet, begeht politischen Selbstmord. Zudem wird der individuelle Autoverkehr von allein immer teurer. Durch die Wirtschaftskrise im letzten Jahr gab der Rohölpreis einmal nach, aber langfristig wird er sich immer weiter nach oben bewegen. Allein dadurch wird Autofahren schnell immer teurer. Es ist durchaus möglich, dass ganze Bevölkerungsgruppen sich den Individualverkehr in Zukunft nicht mehr leisten können. Um abzukassieren, muss die Regierung gar nicht Flagge zeigen. Mit jeder Preissteigerung an der Zapfsäule sprudeln die Steuereinnahmen ergiebiger. Und das Beste daran: Die Regierung steht nie am Pranger. Schuld sind dann immer die anderen: die Multis, die Scheichs oder die Spekulanten.

Von Gernot Kramper
 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
knilch_59 (16.04.2010, 10:55 Uhr)
Andere, subtile Einwirkungsmethoden
Sind wir mal ehrlich: es geht letztlich darum, das Ausland an den Kosten unseres Straßennetzes zu beteiligen. Weil genau diese anderen Länder das Raubrittertum vorleben. Und natürlich wäre eine Lösung über die Mineralölsteuer einfach, wenn man im Normalfall dann auch hier tanken müsste. Warum eigentlich müssen die LKW das nicht? Warum haben die solche Riesen-Tanks, dass sie nur alle 2.000 km tanken müssen, obwohl doch die Fahrer spätestens nach 300 km eine Pause brauchen? Ähnlich auch die PKW: der 50-l-Tank mag ja noch gerechtfertigt sein, wenn die Kiste 10 Liter braucht. Aber beim modernen Auto, das mit 5-6 l und 130 km/h auskommen sollte, wäre doch auch der 35-l-Tank ausreichend - reicht für 5 Stunden Nonstop.
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Also: In den Zulassungsvorschriften die Tankgröße auf ein vernünftiges Maß runterschrauben, schon ist diese ?Gerechtigkeitslücke? geschlossen. Und durch das niedrigere Gewicht der Fahrzeuge ist es auch noch gut für die Umwelt.
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Alternativ dazu könnte man auch ?Europäische Verkehrswege? definieren, deren Kosten aus EU-Gemeinschaftsmitteln zu tragen sind. Sobald der Ausländeranteil bei einer Verkehrszählung einen gewissen Grenzwert übersteigt, muss die EU die Kosten für Erhalt und Ausbau tragen. Dann müssten die ?Randstaaten? mehr einzahlen, Transitländer wären Netto-Empfänger.
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Aber die streckenabhängige Maut mit Satellitenerfassung ist das Letzte! Dagegen ist die Vision vom Big Brother ja noch harmlos. Warum dann nicht gleich den Chip in jeden impfen, auf dass die totale Kontrolle endlich greifen kann?
Hajo (16.04.2010, 09:49 Uhr)
Swissmiss
Bei dem Strassenverkehr in der Schweiz mag das ja funtionieren,aber die Schweiz kann man nicht mit der BRD vergleichen.
Swissmiss (16.04.2010, 09:31 Uhr)
Bitte nicht pauschalisieren
Ich kann mehr oder weniger nur für die Schweiz sprechen, da ich kaum Erfahrungen mit gebührenpflichtigenStrassen in andern Ländern habe. Hier ist jede Autobahn gebührenpflichtig, aber kaum einer weicht auf die gebührenfreien Land- und Dorfstrassen aus. Der Trick ist halt, dass das Gebührensystem sehr einfach ist (einfach Vignette kaufen und auf die Frontscheibe kleben) und die Gebühr rel. tief ist. So zahlt man für ein ganzes Jahr Autobahnfahren bloss 40 sFr.! Dies spühlt dem Staat doch einen schönen Batzen jährlich in die Kassen, ist aber doch so tief, dass praktisch jeder die Vignette löst und nicht auf Nebenstrassen ausweicht. Und ich glaube, man kann mit guten Recht sagen, dass die schweizer Autobahnen in einem guten Zustand sind. Also, lieber Autor: Nicht immer führt eine Gebührenpflicht automatisch zu einer Flucht auf gebührenfreie Strassen.
Hajo (16.04.2010, 08:41 Uhr)
Echt nicht schlecht
Der Artikel spricht wirklich das aus was wohl ein großer Teil der autofahrenden Bevölkerung denkt. Er trifft den Kern der Sache und überzeugt wie man lesen kann sogar vorher anders denkende. Aber einen Haken sehe ich doch, wie bringt ihr das unseren Schlafmützen von Politikern bei ? Gratulation zum Artikel!!!!!
DarkSpir (16.04.2010, 07:55 Uhr)
Steuer auf Steuer
Erhöhen der Mineralölsteuer? Um damit gleichzeitig die Mehrwertsteuerausgaben zu erhöhen? Danke, aber nein danke. Ich frage mich eh, warum noch niemand gelagt hat, dass man an der Tankstelle den Spritpreis bezahlt, auf den die Mineralölsteuer aufgeschlagen wird und diese komplette Summe wird dann noch mal für die Mehrwertsteuerberechnung heran gezogen. Ich versteuer also die bezahlte Mineralölsteuer und zahl damit pro Liter doppelt Steuer.
cybertanne (15.04.2010, 20:30 Uhr)
Die Einnahmen durch Mineralöl-
und Kfz-Steuer sind WESENTLICH höher als die Ausgaben für den Straßenbau und -unterhalt. Und übrigens lebten wir Jahrzehnte sehr gut ohne Umweltbundesamt.
Daneel (15.04.2010, 18:11 Uhr)
Absolut richtig!
Will man, was sinnvoll ist, dass die Kosten von Autofahren in Verhältnis zum Aufwand stehen, sprich streckenabhängig sind, dann sollte man alle Kosten über die Mineralölsteuer holen. Dies ist automatisch streckenabhängig, bestraft diejenigen, die mehr Sprit als nötig verbrauchen (z.B. durch zu große Wägen oder unwirtschaftliche Fahrweise) und kommt ganz ohne zusätzliche Infrastruktur aus. Andere Maßnahmen (KFZ-Steuer, Maut usw.) sind nicht geeignet.
leser66 (15.04.2010, 17:19 Uhr)
Hut ab,
das ist die Sache genau auf den Punkt gebracht! und zudem sind dann die Kosten bei einem Fahrzeugwechsel auch noch da: Sicher kostet der "ganz erhebliche" Aufwand, die Onboardunit- Daten einem anderen Konto zuzuordnen, beim Betreiber auch wieder eine Menge Geld. Und Dreckschleudern zahlen genauso wenig wie sparsame oder Elekroautos...
DasBertl (15.04.2010, 16:59 Uhr)
Gute Argumentation
Hat mich überzeugt. Bislang war ich durchaus geneigt, einer PWK-Maut in D zuzustimmen (unter der Vorraussetzung, das nicht das Katastrophensystem TollCollect, sondern etwas in der Art wie in Österreich eingesetzt würde), Ihre Argumente haben mich aber davon überzeugt, dass das Unsinn wäre. Lang nicht mehr einen so guten Artikel gesehen...
CheSmittyVara (15.04.2010, 16:49 Uhr)
Respekt...
Hätte nicht gedacht, dass der Stern bei diesem Thema mal genau meine Ansicht widergibt. Und das Umweltbundesamt kann man sowieso abschaffen.
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