Dass "Augmented Reality" so schnell von der Industrie aufgenommen wurde, verwundert nicht. Denn die Technik hat gute Argumente, um der digitale Trend der Zukunft zu werden. Die Hardware ist vergleichsweise billig, und es braucht lediglich eine Kamera, für unterwegs ein Smartphone mit Kamera und GPS-Chip. Sämtliche Datenbanken mit relevanten Informationen bestehen bereits und müssen nur noch mit Koordinaten verknüpft werden. Wie so oft im Web 2.0 werden die User einen Großteil dieser Arbeit übernehmen. Die Community wird entscheiden, ob die Technik boomt oder nicht, obwohl jeder auf sich selbst bedacht ist. Denn wenn der eigene Lieblingsclub nicht auf der virtuellen Karte erscheint, fügt man in eben kurzerhand selbst hinzu. Ansonsten können problemlos Daten von Portalen wie Qype, Flickr, Wikipedia und die Wohnorte von Facebook-Freunden mit Koordinaten verknüpft werden.
So viel zum Stand der Technik. Doch wo geht die Entwicklung hin? Auch hier scheint die Wissenschaft Hollywoods Zukunftsvisionen einzuholen. Babak Amir Parviz, Professor für Bionanotechnologie an der Universität Washington, berichtet im Wissenschaftsmagazin "IEEE Spectrum" über erste Versuche mit Darstellungen der erweiterten Realität in Kontaktlinsen. Seine Abteilung hat mit der Entwicklung solcher Linsen begonnen und bereits in Tierversuchen die Verträglichkeit getestet. Die Wissenschaftler arbeiten an einem dauerhaften Mensch-Maschine-Interface mit eingebautem halbtransparentem Schaltkreis und Miniantenne. Eine Linse mit einer einzelnen LED haben die Forscher bereits gebaut. In Zukunft sollen hunderte von winzigen Leuchtdioden direkt vor dem Auge Worte und Bilder formen. Das erinnert stark an Szenen aus den "Terminator"-Filmen . Doch vorerst soll die Technik nicht genutzt werden, um Gegner anzuvisieren und auszuschalten. In der ersten Stufe wollen Wissenschaftler schwerhörige und taube Menschen per Lichtsignal auf Gefahrensituationen aufmerksam machen.
Erweiterte Realität könnte in praktisch allen Bereichen des Alltags zum Einsatz kommen. Soldaten oder Katastrophenhelfer könnten sich Ziele und Gefahrenzonen im Gelände anzeigen lassen und Ingenieure mit tatsächlich und virtuell anwesenden Kollegen am selben dreidimensionalen Modell arbeiten. Der Technologie sind kaum Grenzen gesetzt: Elektronische Geräte, die nur virtuell existieren, aber auf echte Berührungen reagieren, künstliche Sinneserweiterungen wie den "Röntgenblick" und hochkomplexe Computerspiele in freiem Gelände.
Doch "Augmented Reality" dürfte vor allem Auswirkung auf das soziale Miteinander haben. Sie ist das fehlende Bindeglied zwischen dem Internet, wie wir es kannten, und der realen Welt. "Web Squared" (also "Web hoch zwei") nennt das der Web-2.0-Vordenker Tim O' Reilly. Gemeint ist damit ein zukünftiges Internet, das nicht nur Menschen, sondern auch Dinge aller Art miteinander verbindet und die heute noch vorhandenen Grenzen zwischen der realen Welt und den digitalen Informationen im Web verwischen soll. Das "Web hoch zwei" versteht sich eher als Gesamtorganismus und weniger als Ansammlung einzelner Komponenten. Zudem werden nicht mehr nur Menschen an ihren Tastaturen das Netz mit Inhalten füllen: Sensoren aller Art liefern zunehmend Daten, die wiederum verarbeitet werden können. Genau hier knüpft "Augmented Reality" an. Millionen von Smartphones und eine Community würde nach und nach mehr und mehr Bilder mit Videos mit Koordinaten und Texten und Menschen verbinden und die „Erweitere Realität“ mit Leben füllen.
Inzwischen scheinen solche Visionen realistisch, denn die technischen Entwicklungen der letzten Jahre machen deutlich, dass das Netz immer alltäglicher wird und für manche Menschen heute bereits jederzeit und überall verfügbar ist.
Im Web der Zukunft ist das Web einfach allgegenwärtig, bildet eine zweite Wahrnehmungsebene, eine virtuelle Schicht, die über allem liegt. Alles ist vernetzt, alles ist verlinkt, alles ist Information. Für Skeptiker ein Horrorszenario. Der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling sieht genau hier die Gefahren der "Augmented Reality". Ihn begeistert diese neue Realität, aber er warnt in seinem Blog vor Missbrauch. So könnte jemand beispielsweise eine Moschee virtuell mit antisemitischen Parolen schänden. So ließen sie sich aber noch schwerer entfernen. Eben weil nur der sieht, der auch die richtige Software hat. Schon der deutsche Dramatiker Bertolt Brecht sagte: "Ändere die Welt – sie braucht es." Dass damit auch die Virtuelle gemeint ist, konnte er wohl kaum erahnen.