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29. April 2008, 17:47 Uhr

Der amerikanische Traum

"Grand Theft Auto IV" ist da. Selten wurde ein Videospiel mit einer derartigen Spannung erwartet. Und das Warten hat sich gelohnt. "GTA IV" steckt voller Möglichkeiten, Witz, Gewalt und Kommentaren zum Amerika von heute. Ein explosives Kulturereignis nur für Erwachsene. Von Sven Stillich

Niko Bellic, der zwiespältige Held von "GTA IV"© Rockstar/Take-Two

Niko Bellic ist Serbe. Er hat im jugoslawischen Bürgerkrieg gekämpft. Er hat viel gesehen und getan, das er gerne vergessen würde. Vieles wäre besser nicht geschehen, wenn es nach ihm ginge. Und um ihn soll es jetzt endlich gehen: um seine Zukunft, um sein Glück und darum, die Vergangenheit loszuwerden. Denn gleich geht Niko an Land, und alles soll gut und besser werden. Noch steht er an Bord eines Schiffes am Hafen von Liberty City, doch gleich wird er Amerika betreten - das gelobte Land, wo sein Cousin Roman es bereits zu Reichtümern gebracht hat: zu einer Villa, Sportwagen und schönen Frauen. In Amerika kann es jeder schaffen. Das jedenfalls steht in den vielen E-Mails, die er Niko nach Europa geschickt hat.

Dass das eine Lüge war und der Sportwagen nur ein dreckiges Taxi ist, wird schon bei der Ankunft klar. Was nun aus Niko Bellic werden soll, hat nicht er selbst in der Hand, sondern Millionen Computerspieler - denn der Einwanderer ist die Hauptperson in dem jüngst erschienenen Videospiel "Grand Theft Auto IV". "GTA IV" ist nicht irgendein Spiel - und das nicht nur, weil die Reihe bislang mehr als 65 Millionen Mal verkauft wurde: Seine Vorgänger werden ebenso verachtet wie verehrt wegen brutaler Gewaltdarstellungen und ihrer unermesslichen spielerischen Freiheit und Feinheit. Bei der vorangegangenen Folge ("GTA: San Andreas") gab es einerseits Gerichtsverfahren wegen angeblich heimlich eingebauter Sexszenen, anderseits sind Prominente wie Samuel L. Jackson, Dennis Hopper, Burt Reynolds (und im aktuellen Teil Karl Lagerfeld) stolz darauf, in "GTA" mitzuspielen. "Grand Theft Auto" ist Punk und Pop, Gosse und Glosse, und natürlich hat die Spielergemeinde so sehnsüchtig auf den neuen Teil gewartet wie Niko auf den Anblick der Skyline von Liberty City.

Wie ein guter Roman

Es hat sich gelohnt. Denn "GTA IV" ist so nah dran an einem hervorragenden Roman wie kaum ein anderes Spiel. Ein gutes Buch erschafft interessante Persönlichkeiten und erweckt sie zum Leben in einem stimmigen Milieu, es schafft und löst Konflikte und stellt die Wirklichkeit auf die Probe. Was zum Beispiel bedeutet der amerikanische Traum heutzutage? Das ist eine große Frage, und sie steht auf der Verpackung "Grand Theft Auto IV". Es ist die Frage, die Niko Bellic sich stellt, bewusst und unbewusst, während ihm das heutige Amerika die Möglichkeiten zum Aufstieg begrenzt. Während die USA ihn zwingen, das zu sein, was er nicht mehr sein wollte: ein Krimineller, ein Tagelöhner, einer, der für Männer arbeitet, die er eigentlich verachtet.

Das eigentlich Erstaunliche an "GTA IV" ist, dass es diese Geschichte mit den Mitteln seines eigenen Mediums erzählt, durch Bilder, Ton, Musik und das Spiel selbst. So funktionierten bereits die vorangegangenen Teile, doch die waren in einer Zeit verhaftet - "Vice City" spielte in den 80er Jahren, "San Andreas" in der Hip-Hop-Kultur der 90er. Doch "GTA IV" ist ganz im Jetzt und Liberty City die Essenz von New York. Diese Stadt lebt wie kaum eine andere in der Videospielgeschichte, mehr noch als die japanischen Städte in "Shenmue" oder das mittelalterliche Jerusalem in "Assassin's Creed": Man kann Stunden damit verbringen, einfach nur mit einem geklauten Auto durch die Stadt zu fahren und Radio zu hören (oder aus einem Taxi heraus die Umgebung zu beobachten). Es ist eine Freude, als Niko Bellic staunend an einer Straßenecke zu stehen: Die Hochbahn rattert vorbei, Polizeisirenen nähern und entfernen sich, Passanten stehen mit "Coffee to go"-Bechern beieinander und diskutieren, Obdachlose schleichen vorbei. Wenn es regnet, tragen die Bewohner Regenschirme, Zeitungsseiten und Blätter wirbeln durch die Luft. Gibt es einen Unfall, kommt wenig später die Ambulanz. So viel Leben und Liebe zum Detail gab es noch nie. Es ist ein Wunder, dass moderne Spielkonsolen so etwas leisten können.

Es gibt so viel zu tun

Natürlich geht es in "GTA IV" wie in den anderen Spielen der Reihe um gesellschaftlichen Aufstieg - und das auf kriminelle und oft hässliche Weise. Niko Bellic muss töten, um nach oben zu kommen, daran führt kein Weg vorbei. Das macht "GTA" zwar zu einem Spiel für Erwachsene (und nur für Erwachsene), aber keinesfalls zu einem schlechten oder gar zu verdammenden Spiel. Denn die Gewalt ist Teil der Inszenierung, sie erzeugt Spannung und fordert heraus, aber sie ist eben nur ein Teil. Sie ist nicht der Grund, warum "GTA" so ungemein erfolgreich ist, brutale Spiele gibt es viele. Der Grund heißt "Freiheit": Es gibt so ungemein viel zu tun und zu entdecken in Liberty City. Niko Bellic kann Frauen kennen lernen und sie zum Bowling einladen oder mit seinem Cousin Roman einen Burger für einen Dollar essen gehen. Und noch viel mehr Kuscheliges und Inniges, das nichts mit Tod zu tun hat - obwohl die Frage, was der amerikanische Traum heute bedeutet, auch außerhalb eines Computerspiels nicht beantwortet werden könnte, ohne auf die Rolle von Gewalt in der Gesellschaft einzugehen.

"GTA IV" steckt also voller Möglichkeiten, voller Anspielungen auf die Realität, voller Witz und auch voller Ideologie. Es ist eines der kulturell wertvollsten Videospiele, das es wert wäre, in Hauptseminaren von Universitäten durchleuchtet und diskutiert zu werden. Aber vor allem ist es wert, gespielt zu werden. Und bei mehr als 60 Stunden Spielzeit ist das alleine für viele Feierabendspieler schon eine große Herausforderung. Aber wie lautet der amerikanische Traum: Jeder kann es schaffen.

Eine kurze GTA-Geschichte

TitelErscheinungsdatumPlattform
Grand Theft Auto1997PC, Playstation, Game Boy Color
GTA 21999PC, PlayStation, Dreamcast, Game Boy Color
GTA III2001PS2, PC
GTA: Vice City2002PS2, PC
GTA: San Andreas2004PS2, PC, Xbox
GTA Advance2004Game Boy Advance
GTA: Liberty City Stories2005PSP, PS2
GTA: Vice City Stories2006PSP, PS2
Grand Theft Auto IV2008PS3, Xbox 360

GTA - ein Blockbuster Allein in der ersten Woche könnten die New Yorker mit 5,8 Millionen verkauften Spie-len 360 Millionen Dollar umsetzen und damit Microsofts Verkaufserfolg "Halo 3" (300 Millionen Dollar) vom vergangenen September toppen, schätzen Finanzexperten. Take-Two selbst rechnet mit einem Umsatz für das laufende Quartal von 500 Million Dollar und will es damit nach zwei Jahren aus der Verlustzone schaffen. Insgesamt wurde die seit elf Jahren verfügbare Spielereihe mehr als 65 Millionen Mal verkauft.

Grand Theft Auto IV
Hersteller/Vertrieb Rockstar North / Take-Two
Genre Action
Plattform PS3/Xbox 360
Preis 65 Euro
Alterfreigabe ab 18 Jahren
Von Sven Stillich
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
Matze83 (02.05.2008, 08:28 Uhr)
@ sportartmakler
Wo ist der Artikel denn bitte schlecht geschrieben?
Ich finde ihn ziemlich gut gelungen und er erweckt keinesfalls den Eindruck, als hätte sich der Autor nur flüchtig mit dem Spiel auseinander gesetzt.
Schließlich wird das Spiel hier nicht wegen seiner Gewaltdarstellungen zerrissen, sonder es wird aufgrund seines enormen Tiefgangs und den enormen Möglichkeiten gelobt. Denn wie der Autor richtig feststellt geht es in dem Spiel nicht nur um Gewalt, sondern auch um das drum herum.
Ein3ba (30.04.2008, 16:37 Uhr)
unbedingt zur Xbox Version greifen!
Für alle die die Wahl haben, unbedingt zur Xbox360 Version greifen! Diese Version bietet bessere Grafik (720p statt 630p bei der PS3).
TheWurst (30.04.2008, 11:54 Uhr)
@ nichtvergessen
Mag sein dass die Xbox für Mädchen ist, aber dafür gibt es GTA kostenlos dazu - hab ich jetzt halt ne Mädchenkonsole ;) Das Spiel ist jedenfalls der Hammer, was ein Glück hab ich gleich Feierabend und dann VIER Tage frei! :P
Schulse (30.04.2008, 10:00 Uhr)
@herrlehman
"(...)Wäre F. nur 50 Jahre jünger, ja dann..." Wäre er net in Lage gewesen seine Tochter 24 Jahre nach einzusperren und zu missbrauchen weil er selbst erst 23 wär... Stellen Sie doch nicht solchen geschmacklosen unpassenden Vergleiche mit einem Videospiel an. Danke
sportartmakler (30.04.2008, 09:55 Uhr)
spiel genial, artikel schlecht
zumindest weil man genau merkt das der artikel von einem journalisten stammen muß der sich geradeso mit dem spiel und der serie beschäftigt hat um hier was schreiben zu können.
ist aber auch egal, hauptsache das game ist da und ich kann es mir nachher bei meinem händler des vertrauens besorgen ;)
@nichtvergessen: keine sorge, das spiel ist zwar äußerst suchtgefährdend, dennoch ist der bollerwagen geschmückt und gefüllt, ist ja schließlich nur einmal im jahr vatertag. in diesem sinne prosit
nichtvergessen (30.04.2008, 09:17 Uhr)
65 Tacken ?
Rechtzeitig zum Vater Tag ist es also da. Hurra ? Vor Ur-Zeiten zogen Vaeter mit dem Bollerwagen durch die Waelder und kamen besoffen nach Hause. Kiste Bier fuer einen Zehner und die Maenner hatten Ihren Spass. Und heute ? Bereits am Vortag zum heiligsten aller Feiertaege, wird frueher Feierabend gemacht um den naechsten Media/Saturn Markt zu stuermen und fuer 65 Euro ein PS3 Spiel (xbox is fuer Maedchen) zu ergattern. Dann ab vor die Full HD 2,80 Wand und aus einem Looser in den naechsten Wochen einen coolen Gangsta in NY zu simulieren.
Naja vielleicht graebt der eine oder andere stattdessen doch lieber den Bollerwagen aus und rennt mit ner Kiste Bier durch en Wald.
Huxley_82 (30.04.2008, 08:28 Uhr)
Danke
@Stern für diesen tollen Artikel :)
b3nztown3r (30.04.2008, 00:48 Uhr)
SPIEL DER SPIELE
ABSOLUT BESTES SPIEL!! freu mich wie ein kleinkind^^
...rolladen ist schon unten...xD
B00mer (30.04.2008, 00:25 Uhr)
Vice City, Xbox
Ich möchte nur darauf hinweisen, dass GTA: Vice City sehr wohl für die Xbox1 erschienen ist. Bitte in der Tabelle ändern.
herrlehmann (29.04.2008, 23:57 Uhr)
Aufgepasst
Mal sehen, wann rauskommt, dass der Herr F. aus Amstetten jahrelang Beta-Tester der GTA- und Counterstrike Reihe war...
Ne, im Ernst. Bin froh, dass in diesem Fall wohl keiner auf die Idee kommen wird einen kausalen Zusammenhang zwischen der Software und der Tat herzustellen. Wäre F. nur 50 Jahre jünger, ja dann...
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