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24. April 2008, 21:44 Uhr

Schwitzen mit dem Konsolen-Coach

Nintendo tut was für die Figur und macht die Spielkonsole Wii zum Sportgerät und Trainer zugleich. Die Software "Wii Fit" und das dazugehörige Turngerät "Balance Board" sorgen ordentlich für Schwitzen und Schwanken. Ein Selbstversuch. Von Carsten Görig

Autor Görig tut, was die Konsole von ihm will© Melanie Dreysse

"Dein Wii Fit-Alter ist 59." Es gibt Dinge, die ich mir von einer Maschine nicht sagen lassen möchte. Vor allem, da ich mir ein wenig auf meine Fitness einbilde. Sicher: Der Winter war lang. Sämtliche Vorsätze, mich mal wieder ein wenig zu bewegen, endeten mit einem Blick aus dem Fenster. Die tägliche Radfahrt zur Arbeit ist auch kein Ersatz für eine Runde Jogging. Aber 59? Ich bin doch gerade mal 38. Das weiß die Schlaumeier-Maschine auch und sagt: "Dein Köper ist deutlich schwächer, als er sein sollte." Danke!

Die Maschine, die mir diese Botschaft unsanft mitteilt, ist eine Spielekonsole, Nintendos Wii. Auf ihr steuere ich normalerweise den hüpfenden Super Mario durch den Weltraum und lasse ihn Prinzessinnen retten. Ich sitze dabei gemütlich auf dem Sofa. Jetzt aber stehe ich in meiner alten Jogginghose davor, während auf dem Bildschirm andere Gestalten zu sehen sind: Virtuelle Fitnesstrainer. Und das in einer Grafik, für das sich jedes echte Videospiel schämen würde. "Jetzt fühle ich mich tatsächlich dick" Aber "Wii Fit" ist auch kein Videospiel, sondern ein Heimtrainer für jeden, der sich mal wieder bewegen will und dabei Anleitung braucht. Für 89 Euro bekommt man ein Paket mit dem Programm "Wii Fit" und dem so genannten "Balance Board". Das ist ein Gerät, das ungefähr so aussieht wie eine Personenwaage und sich leider auch so benimmt. Knapp 77 Kilo attestiert es mir, besser gesagt: Ein kleines Männchen, das mit entrückter Roboterstimme "Ich meeesse, ich meeesse" sagt. Dann zeigt es zuerst den BMI, den Body-Mass-Index an und rückt danach mit der Wahrheit heraus. Kein Wunder, dass einige Hosen nicht mehr so gut passen. Es ist noch nicht so lange her, dass mein Gewicht zehn Kilo niedriger lag. Doch der BMI liegt knapp im grünen Bereich. Was das Programm aber nicht davon abhält, mir einen guten Rat zu geben: Ich solle mir doch einfach ein Ziel setzen. Und obwohl mein BMI gut sei, könne ich doch zum Beispiel noch ein paar Kilo abnehmen. Das schade doch nichts. Sehr subtil. Danke, jetzt fühle ich mich tatsächlich dick.

Rund 1,9 Millionen Mal hat sich das Gerät bisher in Japan verkauft. Rund ein Drittel aller Wii-Besitzer des Landes haben damit einen Konsolen-Coach gekauft. Ob man das haben muss, weil man zuvor schon Gehirntrainer, Mathelehrprogramme oder Vokabelpauk-Programme gekauft hat? Vielleicht auch, weil die Programme Spaß machen. Mir auf jeden Fall: Mein Gehirnalter liegt inzwischen bei 21 Jahren, schneller Kopfrechnen kann ich allerdings immer noch nicht. Mal sehen, wie meine Beziehung zu "Wii Fit" wird. Trotz des unschönen Anfangs möchte ich ja nicht nachtragend sein.

Nicht wackeln beim Sonnengruß

Deshalb stelle ich mich mit beiden Beinen auf das Balance Board, hebe ein Bein hoch und drücke es an den Oberschenkel meines anderen Beines. "Baum" heißt das beim Yoga, und zwar dann, wenn ich dabei noch die Hände zusammenpresse und die Arme ausgestreckt über meinen Kopf hebe. Nebenbei muss ich allerdings auf den Bildschirm starren, denn da wird mir angezeigt, ob ich alles richtig mache. Drucksensoren im "Balance Board" messen, ob ich eher auf der Ferse stehe oder auf den Zehen, ob ich das rechte Bein mehr belaste als das Linke und ob ich überhaupt etwas tue. Lege ich gerade eine Pause ein, werde ich nämlich ermahnt. Sonst geht es darum, einen kleinen roten Punkt in einem gelben Feld zu halten. Schwanke ich zu sehr wandert er raus, und es gibt Punktabzug. Das irritiert, weil ich mich doch auf die Übung konzentrieren möchte, nicht auf den Bildschirm. Das klappt dann aber beim Sonnengruß schon besser und beim Halbmond erst recht. Das ist aber auch eine eher einfache Übung.

Ins Schwitzen gerate ich bei den Fitnessübungen. Liegestütze, schon lang nicht mehr gemacht und dann auch noch auf einem Arm gestützt den anderen in die Luft heben. Irgendwann reicht es mir und ich schaue mir die Spiele an, die gibt es nämlich auch bei "Wii Fit".

Nennt mich "lodernde Flamme"

Beim Hoola Hoop muss ich ganz schnell mit der Hüfte kreisen und zwischendurch versuchen, neue Ringe aufzufangen. 137 Umdrehungen habe ich in der Minute geschafft. Ich bin stolz, auch weil ich den Titel "Lodernde Flamme" bekommen habe. Beim Kopfballspiel klappt das nicht ganz so gut. Ich weiche den Bällen aus und treffe Schuhe, die in meine Richtung geworfen werden. Eigentlich sollte es umgekehrt sein. Weshalb ich dann auch nur zehn Punkte erreiche und als "Unbalancierter" beschimpft werde.

Jetzt reicht es mir. Einmal fahre ich noch einen Skislalom und fühle mich an die Skigymnastik erinnert. Damals, als ich mit der ganzen Familie in der Hockstellung vor dem Fernseher wippte, während die Streif per Handkamera vorbeizog. Danach setzte ich mich erst mal hin und wische mir den Schweiß von der Stirn. Ein Spiel? Das ist "Wii Fit" nicht, es ist Sport. Trotz der manchmal etwas unsubtilen Art, mir Fitnessprobleme anzudichten, habe ich das Plastikbrett ganz lieb gewonnen. Wahrscheinlich werden wir demnächst öfter miteinander zu tun haben. Auch weil ich inzwischen 42 bin. Es geht also voran. Sehr schön.

Von Carsten Görig
 
 
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