Der Kinohit "Avatar" hat innerhalb weniger Tage Millionen Besucher angelockt. Ist das der Durchbruch fürs 3D-Kino. Alte Pappbrillen, ruckelnde Bilder und Kopfschmerzen sind passé - die Filmbranche setzt auf dreidimensionale Bilder in Digitalqualität. Das steckt hinter der Technik. Von Ralf Sander

Hollywoods neuer Traum: ein volles Kino mit 3D-Guckern© Mario Anzuoni/Reuters
Das Science-Fiction-Epos "Avatar" schleudert den Zuschauer in eine Welt, wie er sie noch nie gesehen hat. Doch der neue Film des "Titanic"-Regisseurs James Cameron soll noch mehr leisten - nämlich den Durchbruch für das dreidimensionale Kino schaffen. Filmindustrie und Elektronikhersteller wittern ihre Chance auf neue Einnahmequellen. 3D soll so selbstverständlich werden, wie es heute ein TV-Bild in Farbe ist. Die Technik ist bereit - endlich. Denn eigentlich ist das alles ein alter Hut. Schon die 3D-Pioniere vor mehr als 170 Jahren wussten: Dreidimensionale Bilder sind Betrug am Gehirn des Zuschauers.
Räumliches Sehen funktioniert so: Auf der Netzhaut jedes Auges entsteht ein Abbild dessen, was der Mensch anblickt. Der Abstand von rund sechseinhalb Zentimetern zwischen den Augen führt zu verschiedenen Blickwinkeln. Das Gehirn fügt die leicht unterschiedlichen Sinneseindrücke beider Sehorgane zu einem dreidimensionalen Bild zusammen. Nur so können wir Entfernungen zwischen Objekten einschätzen. Um uns ein 3D-Bild vorzugaukeln, muss man uns also nur zwei leicht unterschiedliche Bilder desselben Motivs zeigen. Klingt einfach, ist es in der Praxis aber nicht. Sonst wäre 3D in der Vergangenheit nicht so häufig gescheitert (siehe Kasten: Geschichte des 3D-Films).
Obwohl die ersten Versuche, räumlich wirkende Bilder zu erschaffen, bereits 170 Jahre vor "Avatar" unternommen werden, gelingt der so genannten Stereoskopie in den folgenden Jahrzehnten nie der Durchbruch. Der Ruch der reinen Jahrmarktattraktion, der die Technik seit ihrer Frühzeit umweht, hält sich hartnäckig. Auch die meisten 3D-Filme kommen bis in die 1980er Jahre ("Der Weiße Hai 3D") über das reine Spektakel nicht hinaus. Sie beschränken sich auf die Illusion, den Betrachter von der Leinwand aus mit Gegenständen zu bewerfen oder ihm Fahrzeuge entgegenzuschicken. Doch der Hauptgrund für das mehrfache Scheitern der 3D-Technik ist ein anderer: Es ist anstrengend, teilweise sogar unangenehm, längere Zeit einen dreidimensionalen Film anzuschauen.
Denn die Technik hat Schwächen. Das über Jahrzehnte weit verbreitete 3D-Verfahren der Doppelprojektion besteht aus zwei Filmprojektoren. Der eine projiziert die Bilder für das linke, der andere die für das rechte Auge auf die Leinwand. Die Zuschauer tragen Brillen mit speziellen Gläsern (Polarisationsfiltern), durch die jedes Auge nur die "richtigen" Bilder sieht. Doch zu Zeiten analoger Filmtechnik ist es unmöglich, die beiden Projektoren präzise genug zu synchronisieren. Außerdem wackelt das Bild bei durchlaufenden Filmstreifen immer ein wenig. Die Folge: Augen und Gehirn müssen Bilder verarbeiten, die nicht perfekt zusammenpassen. Die Zuschauer werden müde, viele bekommen Kopfschmerzen, manchen wird sogar übel. Die Alternative ist auch nicht gut: Die so genannte Anaglyphen-Technik mit ihren berühmten Rot-Grün-Pappbrillen stellt Farben nicht richtig dar.
Geschichte des 3D-Films 1838 entwickelte der britische Physiker Charles Wheatstone das erste Stereoskop, das noch mit unterschiedlichen Zeichnungen arbeitete, um einen 3D-Effekt zu erzielen. Später wurden Fotografien verwendet. Die Stereoskope erlebten eine erste Blütezeit auf Jahrmärkten.
Bewegte dreidimensionale Bilder gewannen ab 1910 an Bedeutung. Einen regelrechten Boom erfuhr das 3D-Kino in den 1950er Jahren, als mehr als 60 Filme produziert wurden. Rund 30 Jahre später folgte ein kleines Revival Filmen wie "Der Weiße Hai 3D". Die Imax-Kinos mit ihren Riesenleinwänden und dem Schwerpunkt auf spektakulären Naturaufnahmen waren für lange Zeit die einzigen Orte, in denen es gute 3D-Filme zu sehen gab.
Das deutsche Fernsehen startete Anfang der 1990er einen neuen Versuch. Stichwort: "Tutti Frutti in 3D". Auch die trashige Busenparade konnte der Technik nicht zum Durchbruch verhelfen.
Im Jahr 2005 kommt mit "Chicken Little" der erste digital projizierte 3D-Film in die Kinos. Es ist der Beginn der noch anhaltenden 3D-Renaissance, als deren erster Höhepunkt "Avatar" gilt.