Wenn Freunde herrschen

25. Januar 2011, 10:39 Uhr

Facebook gehört für unzählige Menschen mittlerweile zum Alltag. In München diskutieren Pioniere der Branche, wie Mark Zuckerbergs Netzwerk ihr Leben verändert - und welche politische Macht es hat. Von Florian Güßgen, München

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Facebook will in erster Linie seine Nutzer schützen: Randi Zuckerberg, Schwester des Facebook-Gründers Mark, in München©

Facebook. Facebook. Immer wieder Facebook. Keine andere Firma ist derzeit so hip wie das soziale Netzwerk. Mehr als 550 Millionen Nutzer, Tendenz steigend; Mark Zuckerberg, 26, Gründer, Wunderkind, "Mann des Jahres 2010", gewählt vom ehrwürdigen US-Magazin "Time"; "The Social Network", Hollywoods Interpretation der Erfolgsstory, ein heißer Kandidat für einen Oscar. Natürlich. Facebook ist heiß. Noch bevor das Unternehmen an die Börse gegangen ist, reißen sich Anleger um Anteile. 50 Milliarden US-Dollar soll die Firma wert sein. 50 Milliarden US-Dollar.

Und warum das alles? Weil Facebook für Nutzer zum Lebensalltag geworden ist und für Investoren zum Goldesel werden könnte - und weil viele Experten hoffen, dass das soziale Netzwerk erst am Anfang seiner Entwicklungsmöglichkeiten steht. Wie sehr Facebook die digitale Industrie umtreibt, konnte man jetzt wieder in München bei der DLD-Konferenz (Digital, Life, Design) beobachten, die der Burda-Verlag organisiert hat. Dort treffen sich alte und neue Stars der digitalen Branche. Und sie alle hatten vor allem ein Thema: Facebook und soziale Medien.

"Facebook verändert die Art und Weise, wie wir leben"

"Das Konzept von elektronischen Beziehungen und Freundschaften verändert nicht nur das Internet, sondern die Art und Weise, wie wir leben", prophezeite etwa David Kirkpatrick gegenüber stern.de. Der ehemalige "Fortune"-Reporter stellte in München auch sein Buch "Der Facebook-Effekt" vor, das dieser Tage auf Deutsch erscheint. Facebook, so Kirkpatrick, sei das Medium der Zukunft - einerlei, ob man sich am Nachmittag mit Schulfreunden verabreden oder einen Diktator stürzen wolle. Nirgends könnten Informationen so schnell und so umfassend verbreitet werden, kein anderes Medium habe diese Mobilisierungskraft. Das Aufflackern der grünen Revolution im Sommer 2009 im Iran, der jüngste Aufstand in Tunesien - diese Bewegungen, so Kirkpatrick, seien auch auf die Nutzung sozialer Medien zurückzuführen.

Kirkpatricks These von Facebook als Instrument politischer Revolutionen, als Waffe der Befreiung, ist nicht unumstritten. Es gibt Skeptiker. So hat der aus Weißrussland stammende US-Politikwissenschaftler Evgeny Mozorov schon 2010 den iranischen Aufstand untersucht - und behauptet, Twitter habe den Widerstand keineswegs beflügelt. Im Gegenteil, autoritäre Regime wie im Iran könnten sich Facebook und Co. zunutze machen. Und in der US-Zeitschrift "The New Yorker" erschien im Oktober 2010 ein Artikel des Autoren Malcolm Gladwell, der ebenfalls argumentierte, dass soziale Medien mitnichten dafür sorgten, dass Menschen auf die Straße gehen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Kirkpatrick unterstellt diesen Skeptikern Ahnungslosigkeit. Ihnen fehle schlicht das technische Verständnis, schimpfte er jetzt in München. "Das sind Kulturkritiker." Befeuert worden ist diese Debatte nun durch den erfolgreichen Aufstand in Tunesien. Diesen hat Facebook möglicherweise entscheidend beeinflusst, indem die Firma Versuche des Diktators Ben Ali ausbremste, Passwörter der Nutzer zu stehlen, um so Regimegegner zu überwachen. Das US-Magazin "The Atlantic" hat gerade genau beschrieben, wie Facebook versuchte, die Identitäten seiner Nutzer in Tunesien zu schützen.

Schafft Facebook den Weltfrieden?

Selbst in München war die Frage Thema, wie sehr Facebook politische Veränderungen vorantreiben kann - auch wenn es auf der Konferenz eigentlich in erster Linie ums Geschäft geht. Randi Zuckerberg, bei Facebook Marketing-Managerin und Schwester des Firmengründers, gab sich dabei betont vorsichtig. Es gehe Facebook in erster Linie darum, die Identitäten seiner Nutzer zu schützen, sagte sie - und dafür zu sorgen, dass hinter jedem Nutzerkonto auch ein echter Mensch stehe. Sicher, gemeinsam mit der Elite-Universität Stanford in Kalifornien gebe es auch ein Projekt, das untersuche, welche digitalen Freundschaften in Krisengebieten entstünden, etwa zwischen Israelis und Palästinensern oder zwischen Zyprern und Griechen. Aber im Kern, so Zuckerberg, versuche Facebook, sich politisch neutral zu verhalten. "Soziale Medien verändern Strukturen", sagte auch Chris Hughes, Mitbegründer von Facebook und Organisator der erfolgreichen Online-Kampagne von Barack Obama im Präsidentschaftswahlkampf 2008, bei seinem Auftritt in München. Aber sie seien kein Zauberwerk, mit dem man den Weltfrieden bewerkstelligen könne.

Dass es Facebook nicht um politische Inhalte geht, sondern vor allem darum, in allen Facetten des Lebens seiner Nutzer präsent zu sein, zeigte in München auch der Auftritt von Facebook-Manager Dan Rose. Binnen der nächsten zehn Jahre, sagte er voraus, werde es keinen Wirtschaftszweig mehr geben, der nicht vom Trend des sozialen Handelns im Netz beeinflusst werde. "Wir entwickeln uns weg von der Weisheit der Gruppen hin zur Weisheit der Freunde", fasste er griffig zusammen. Die Empfehlung eines Freundes - ein Artikel, ein Video, ein Produkt, selbst eine Werbeanzeige - hätten, so das Argument, einen viel höheren Wert als die pure Information an sich. Facebook ist einer der schärfsten Rivalen des anderen digitalen Giganten Google im Kampf um die Werbung im Internet. Es ist Roses Job, Facebooks Attraktivität als Werbefläche herauszustreichen. Aber allein die Menge an Firmen, die mittlerweile mit Facebook zusammenarbeiten, um ihre Kunden an sich zu binden, zeigt, wie groß der Anpassungsdruck ist, wie groß die Angst, einen entscheidenden Trend hin zum potenziellen Käufer zu verpassen.

Here comes Mary

Autor Kirkpatrick behauptet sogar, dass künftig fast jede Handlung, jeder Entschluss eine mit dem Netz verbundene soziale Komponente beinhalten könnte - dann nämlich, wenn mehr oder weniger jeder Nutzer, jedes Facebook-Mitglied, ein internetfähiges Handy besitzt, ein iPhone oder ein Google-Handy. Dann, so die Vision, ist Facebook ein steter Begleiter, ständig und überall. Wie so eine Welt mit einem Schuss technischer Verfeinerung aussehen kann, skizzierte auf der DLD-Konferenz übrigens plastisch der Franzose Laurent Gil. Dessen Firma Viewdle entwickelt Software, die Kameras von Smartphones erlaubt, nicht nur ihre Umgebung zu erkennen, sondern auch die Gesichter von Menschen.

Gil überschlug sich regelrecht, als er seine Vision skizzierte. Man müsse sich folgende Situation vorstellen: Man fotografiere ein paar Freunde. Einfach so. Unter den Freunden sei zum Beispiel auch eine Freundin namens "Mary." Das Gerät, so Gil, würde Mary erkennen. Hey, das ist "Mary". Aber nicht nur das. Es könne auch sofort, wie praktisch, alle verfügbaren Informationen über sie aus der "Cloud", der Datenwolke im Internet, heraussaugen. Was steht auf Marys Facebook-Seite? Was hat sie zuletzt getwittert? Was für Fotos hat sie sonst noch so im Netz. All das. Binnen Sekunden.

Und so kommt es, dass die schöne, neue Welt der Herrschaft der Freunde beim Beobachter für einen Moment nicht nur Faszination, sondern auch ein Gefühl der Bedrohung auslöst. Ein Gesicht, ein Klick, und alle Informationen über eine Person sind verfügbar. Das kann nicht nur von Freunden genutzt werden. Autor David Kirkpatrick hat für diese Sorgen einen pragmatischen Rat parat. Sicher, sagt er, es gebe die Gefahr, dass Facebook seine Macht missbrauche. Aber danach sehe es derzeit nicht aus. Im Gegenteil, just dieser Tage habe der Konzern doch eine Vereinbarung mit deutschen Datenschützern getroffen, den Schutz der persönlichen Informationen zu verbessern. Und zudem gelte: Wer etwas partout nicht verraten will, der soll es eben nicht ins Netz stellen.

 
 
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