Das Web ist nicht grenzenlos

31. Juli 2004, 08:40 Uhr

Im WWW gibt es keine Grenzen? Doch. Viele Websites prüfen, woher ihre Besucher kommen und passen ihr Angebot entsprechend an - und schließen manchmal sogar User aus bestimmten Regionen aus.

Diese Website überträgt Baseball-Spiele ins Internet - aber nicht überall, wie diese Meldung zeigt.©

Tippt man in New York "dentist" in Google ein, dann bekommt man eine Liste der Zahnärzte nur in dieser Stadt. Die Internet-Übertragung eines Baseball-Spiel der Chicago Cubs ist weltweit zu sehen - nur in Chicago nicht, weil bestehende TV-Rechte das verhindern. Mit derselben Technik schließt ein britisches Kasino alle Bewohner der Niederlande aus, und ein Online-Filmdienst sorgt dafür, dass man Filme nur sehen kann, wenn man in den USA wohnt.

Das World Wide Web ist schon lange nicht mehr grenzenlos. Was man sieht oder sehen darf, hängt immer davon ab, wo man wohnt oder gar wer man ist. Mit der Technik der Ortsbestimmung schließen immer mehr Web-Sites ganze Besuchergruppen aus. Das Web wird in immer kleinere Bereiche eingeteilt, auf eine Postleitzahl oder eine Firma eingegrenzt.

Droht gezielte Irreführung?

Bürgerrechtler wie Jason Catlett sind besorgt, dass Internet-Nutzer gezielt in die Irre geführt werden könnten. So könnte eine Firma andere Preise anzeigen, wenn ein Wettbewerber die Seite besucht. Politiker könnten in der einen Region ihren Kampf gegen das Verbrechen hervorheben, in einer anderen ihren Einsatz für Arbeitsplätze. Man bekommt dann jeweils das sehen, was man sehen soll.

"Die Technik erlaubt es, dass eine Firma zwei Gesichter oder sogar 20 hat, je nachdem, wer sie besucht", sagt Catlett. Alan Davidson vom Washingtoner Zentrum für Demokratie und Technik ist besorgt, dass Regierungen versuchen könnten, die Technik zur Durchsetzung ihrer Gesetze in von ihnen festgesetzten Grenzen zu nutzen. Die Sorge wachse mit den der Verbesserung der technischen Möglichkeiten, sagt Davidson.

Ein französisches Gericht wies Yahoo im Jahr 2000 an, französischen Internet-Nutzern den Zugang zu einer Versteigerung von NS-Gegenständen zu verweigern. Zumeist sind es nicht Behörden, sondern Firmen, die die Technik der Ortsbestimmung nutzen. Regierungen wie die in China nutzen zur Zensur vorwiegend Filtertechniken.

Dollar für Amerikaner, Euro für Deutsche

RealNetworks begann vor einigen Monaten in bestimmten Regionen Fußballspiele und Filme anzubieten, Art.com zeigt Besuchern aus den USA die Preise in Dollar, Deutsche bekommen sie automatisch in Euro zu sehen. Google setzt die Ortsbestimmung in der Werbung ein, die inzwischen länder- oder gar städtespezifisch ist.

Möglich ist das, weil jeder Computer im Internet eine eindeutige Kennzeichnung zugewiesen bekommt, die IP-Adresse. Über eine Datenbank lässt sich dann ziemlich genau der Ort des Internet-Anbieters ermitteln, der die Web-Adresse verteilt hat. Schwierig wird dies bei Firmen wie AOL, die weltweit agieren. Hier kommen Unternehmen wie Envoy, Quova oder Akamai ins Spiel, die sic darauf spezialisiert haben, die durch die Internet-Schaltstellen der Router laufenden Datenpakete zu analysieren.

Für die Befürworter dieser Technik handelt es sich keinesfalls um eine Aufsplitterung des Webs, sondern vielmehr darum, dass es für die Besucher nützlicher wird. So können Sportligen und Filmverleihe einem bestimmten Publikum Inhalte anbieten, die sie sonst gar nicht ins Netz stellen würden. Eine gewisse Skepsis bleibt aber.

Interessen der Nutzer falsch eingeschätzt

Einige Firmen haben die Ortsbestimmung inzwischen aber wieder abgeschafft, weil Interessen der Besucher falsch eingeschätzt wurden. So sucht jemand in München ja vielleicht eher einen Blumenladen in Hamburg, weil ein Strauß dorthin verschickt werden soll.

Und natürlich kann man seine Identität auch verschleiern. RealNetworks schließt deshalb alle anonymisierten Surfer generell aus, von AOL-Nutzern werden zusätzliche Hinweise zum Heimatort verlangt. Google liefert in Zweifelsfällen gar keine lokalisierte Werbung. "Die Gesetze sind in jedem Land andere", sagt Jim Ramo vom Filmanbieter Movielink. "Für die Inhalteanbieter ist diese Technik sehr wichtig. Und wir beweisen, dass es geht."

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