Prof. Franz Geisthövel und Prof. Thorsten Nikolaus sagen, was hilft - und was schaden kann

© Illustration: Steffen Mackert
Hormontherapie
Frauen: In Deutschland nimmt jede zehnte
Frau zwischen 40 und 79 Jahren synthetische
Hormone gegen Wechseljahresbeschwerden:
Östrogen oder Östrogen plus Gestagen, meist
in Form von Tabletten, aber auch als Pflaster,
die den Wirkstoff über die Haut abgeben, in
Form von Cremes, Gel oder als Vaginalring.
Beurteilung: Lange Zeit galt die Hormontherapie
als eine Art "Jungbrunnen auf
Rezept". Ärzte verschrieben sie großzügig -
nicht nur, um typische Wechseljahresbeschwerden
wie Hitzewallungen oder Schweißausbrüche
zu lindern (für deren Behandlung
die Hormontherapie eigentlich gedacht ist),
sondern auch, um Osteoporose und Herzinfarkten
vorzubeugen. Seit Ende der 90er Jahre
haben jedoch mehrere große Studien gezeigt,
dass die Hormontherapie das Risiko für
Brustkrebs, Schlaganfälle und Thrombosen erhöht.
Bei älteren Frauen stieg zudem die Herzinfarkt-
Rate. Positive Effekte der Therapie
sind: Die deutliche Linderung von Hitzewallungen,
Schweißausbrüchen (besonders auch
nachts) und eine Verminderung des Trockenheitsgefühls
in der Scheide.
Die ärztlichen Leitlinien schreiben heute vor,
die Hormontherapie nur so kurz und so
niedrig dosiert wie möglich einzusetzen,
und auch das nur bei Frauen, die an
ausgeprägten Wechseljahresbeschwerden
leiden. Tatsächlich ist die Zahl
der Verordnungen von 1999 bis 2006
um 60 Prozent zurückgegangen.
Manche Frau glaubt, dass die künstlichen
Hormone nur dann gefährlich
sind, wenn man sie schluckt.
Wenigstens von Pflastern weiß
die Forschung aber inzwischen,
dass sie nahezu die gleichen
Nebenwirkungen haben können
wie Tabletten. Nur das ohnehin
geringe Risiko für Entzündungen der
Gallenblase und die Bildung von Gallensteinen
scheint niedriger zu sein.
Männer: Mit zunehmendem Alter
nimmt die Konzentration des Hormons
Testosteron im Körper eines Mannes ab. Ab
dem 50. Lebensjahr leiden Männer häufiger an
dem Rückgang von körperlicher Leistungsfähigkeit,
sexuellem Verlangen (Libido) und
Potenz sowie an Depressionen. Ihnen werden
dann häufig Blutuntersuchungen zur Bestimmung
des Testosteronspiegels angeboten -
sowie Behandlungen mit Testosteronpflastern,
-gel oder -injektionen.
Beurteilung: Viele Experten bezweifeln,
dass es die oft propagierten "Wechseljahre des
Mannes" tatsächlich gibt. Ob Beschwerden
wie Libidoverlust, Depressionen und Abnahme
der Leistungsfähigkeit tatsächlich auf den
Testosteronrückgang zurückzuführen sind, ist
nicht erwiesen. Zudem ist es fraglich, ob die
Bestimmung des Testosteronspiegels für
jedermann sinnvoll ist: Bisher gibt es nämlich -
für ansonsten gesunde Männer - keinen unumstrittenen
Grenzwert, ab dem empfohlen wird,
Testosteron zuzuführen. Erwiesen ist, dass
die Verabreichung von Testosteron das Risiko
für eine gutartige Vergrößerung der Prostata
erhöht. Das Risiko für die Entstehung von
Prostatakrebs steigt möglicherweise
ebenfalls an - allerdings
treffen Studien hierzu widersprüchliche
Aussagen.
Eine Testosterontherapie
ist nur sinnvoll, wenn Männer deutlich zu wenig
Sexualhormon bilden (Hypogonadismus).
Als diagnostische Kriterien müssen dazu
Symptome wie eine verminderte Libido,
Depressionen oder Schlafstörungen und ein
deutlich verminderter Testosteronspiegel im
Blut von weniger als 8 Nanomol pro Liter
zusammenkommen. Ärzte empfehlen jüngeren
Männern dann eher Depotspritzen (etwa vier
Injektionen pro Jahr). Für ältere Männer sind
Tabletten oder Pflaster sinnvoller, da man sie
bei Problemen sofort absetzen kann - zum Beispiel,
wenn ein Prostatakrebs entdeckt wird.
Manche Ärzte raten ihren Patienten zwecks
Verjüngung zur Einnahme eines anderen
Hormons: Dehydroepiandrosteron (DHEA).
Tatsächlich ist aber bis heute nicht klar,
welche Funktion dieses Hormon im Körper
eigentlich hat. Zudem zeigen kontrollierte
Studien, dass die erhofften Wirkungen
wie mehr Muskelmasse oder eine bessere
Lebensqualität ausbleiben.
Phytoöstrogene
Frauen: Viele Frauen, die keine synthetischen
Hormone nehmen möchten, entscheiden sich
für frei verkäufliche Präparate aus Soja, Rotklee
oder Traubensilberkerze. Diese Pflanzen
enthalten Stoffe, die im Körper ähnlich wie
das weibliche Geschlechtshormon Östrogen
wirken und die man deshalb auch als Phytoöstrogene
bezeichnet. Sie werden oftmals
als "natürlich, sicher und frei von Nebenwirkungen"
beworben.
Beurteilung: Bisher sind hauptsächlich
Sojaextrakte in Studien geprüft worden.
Die wenigen wissenschaftlichen
Untersuchungen zeigen allenfalls eine
geringfügige Linderung von Wechseljahresbeschwerden.
Bei Präparaten aus
Traubensilberkerze ist eine therapeutische
Wirksamkeit nach derzeitigem Wissensstand
insgesamt fraglich, zudem kann es in Einzelfällen
zu schweren Leberschäden kommen. Und
als Forscher untersuchten, ob Rotklee-Extrakt
besser gegen Hitzewallungen wirkt als ein
Scheinmedikament, fanden sie keinen Unterschied.
Auch das Werbeversprechen, dass
Phytoöstrogene die Knochen stärken, konnte
bislang nicht wissenschaftlich belegt werden.
Protokoll: Anika Geisler, Arnd Schweitzer
Die Experten: Prof. Franz Geisthövel
ist Gynäkologe und Endokrinologe in
Freiburg; Prof. Thorsten Nikolaus arbeitet
als Internist und Altersmediziner
mit Schwerpunkt Prävention in Ulm
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 34/2008