Eine neue Studie belegt: Die Zigarettenindustrie hat deutsche Ärzte und Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg bestochen - und tut es noch. Mit Erfolg: Deutschland hat die lockersten Gesetze in Sachen Tabakkontrolle. Von Jens Lubbadeh

Bestochen, manipuliert, verschleiert - mit System haben die Tabakkonzerne jahrzehntelang Einfluss auf deutsche Wissenschaft genommen© Picture-Alliance
1998 wurden die Tabakkonzerne im Zuge der großen Schadensersatzprozesse von US-Gerichten dazu gezwungen, ihre gesamten internen Dokumente öffentlich zugänglich zu machen. Auf Seiten wie www.tobaccodocuments.org oder www.legacy.library.ucsf.edu kann jeder in den insgesamt 40 Millionen Seiten stöbern.
Thilo Grüning von der London School of Hygiene & Tropical Medicine hat mit einigen Kollegen die Dokumente systematisch ausgewertet und untersucht. Dabei fand er Beweise dafür, wie die Tabakindustrie hochrangige deutsche Ärzte und Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg mithilfe von Geld zu ihren Gunsten beeinflusst und die Forschung manipuliert hat.
Die Ergebnisse sind erschreckend: Führende Köpfe in Medizin und Forschung standen über Jahre hinweg auf den Gehaltslisten der Tabakkonzerne. Von 1950 an baute die Tabakindustrie ein Netzwerk von Forschungsinstitutionen und Wissenschaftlern auf, die finanziell von ihr abhängig waren. Im Gegenzug verschleierten und manipulierten diese Wissenschaftler jahrzehntelang Erkenntnisse über die Gefährlichkeit des Rauchens und lieferten zahlreiche tendenziöse Gegenstudien, die das Rauchen als harmlos darstellten.
Hintergrund Die Hauptinteressenvertretung der Tabakindustrie in Deutschland ist der "Verband Deutscher Cigarettenindustrie" (VdC), in dem sich die meisten großen Tabakhersteller zusammengeschlossen haben: Philip Morris, British American Tobacco, Reemtsma Cigarettenfabriken, Austria Tabak, JT International Germany (früher Reynolds RJ Tobacco), Tabak- und Cigarettenfabrik Heintz van Landewyck, Joh. Wilh. von Eicken.
Die wissenschaftliche Abteilung des VdC unter Leitung von Professor Franz Adlkofer hatte die Federführung bei der Einflussnahme auf deutsche Ärzte und Wissenschaftler. Um weniger auffällig agieren zu können, gründete der VdC 1975 den "Forschungsrat Rauchen und Gesundheit".
Diese vermeintlich unabhängige Organisation umfasste 15 hochrangige Wissenschaftler, die vom VdC bezahlt wurden - unter ihnen auch Professor Dietrich Schmähl, Direktoriumsmitglied des Deutschen Krebsforschungszentrums, der den Forschungsrat mit aufbaute.
Der "Forschungsrat" existierte von 1975 bis 1990 und erhielt in dieser Zeit insgesamt 28 Millionen DM von der Tabakindustrie. 1990 wurde der "Forschungsrat" in eine Stiftung umgewandelt: die "Stiftung für Verhalten und Umwelt" (VERUM), die noch heute existiert.