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15. August 2010, 15:18 Uhr

"Super-Bakterium" auch in Deutschland

In Europa kursieren "Super-Bakterien", denen kein Antibiotikum etwas anhaben kann. In Belgien gibt es das erste Todesopfer. Jetzt haben Forscher das Resistenz-Gen auch in Deutschland entdeckt.

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In Südostasien, Großbritannien, den USA und auch in Deutschland haben Forscher Bakterien mit einem neuen Resistenz-Gen entdeckt© Jorge Dirkx/AFP

Es ist ein Punktsieg der Bakterien gegen die Medizin: In Südostasien, Großbritannien, den USA und auch in Deutschland haben Forscher Bakterien mit einem neuen Resistenz-Gen entdeckt. In Belgien ist sogar schon ein Mensch daran gestorben. Nach Auskunft des Mikrobiologen Denis Pierard vom Brüsseler Universitätsklinikum war ein in Brüssel wohnhafter Mann aus Pakistan nach einem Besuch in seiner Heimat im Juni schwer erkrankt und dann an der Infektion mit NDM-1-Bakterium gestorben. Es handele sich um den vermutlich ersten NDM-1-Toten auf dem europäischen Festland. Der Mann sei in Pakistan am Bein verletzt und dort auch behandelt worden. Fast kein Antibiotikum kann den mutierten Bakterien etwas anhaben, die ein Gen für das Enzym NDM-1 enthalten.

"Auch in Deutschland haben wir erste, bisher einzelne Nachweise für NDM-1 bildende Bakterien", berichtet das Robert Koch-Institut (RKI). Es verweist jedoch darauf, dass es im begrenzten Umfang noch Therapeutika wie die Antibiotika Tigezyklin und Colistin gibt.

Zumindest in Großbritannien wurden die mutierten Erreger vermutlich von Medizintouristen eingeschleppt, die sich in Indien und Pakistan aus medizinischen oder rein kosmetischen Gründen operieren ließen. In Asien scheinen sie weiter verbreitet zu sein.

NDM-1 steht für Neu-Delhi-Metallo-Beta-Laktamase. Sie kann sogar Antibiotika knacken, die bisher oft als letzte Rettung galten. Das Gen dafür wurde bisher bei zwei verschiedenen Bakterienstämmen ausfindig gemacht. Die Bakterien mit dem neuen Gen sind resistent gegen Carbapeneme, das sind Reserveantibiotika, die nur bei schweren, sonst unbehandelbaren Infektionen eingesetzt werden.

37 betroffene Patienten in Großbritannien

Ein internationales Team um Karthikeyan Kumarasamy von der Universität von Madras in Indien hat bei Patienten mehrerer Kliniken nach dem Keim geforscht. Die Wissenschaftler berichten von 37 betroffenen Patienten in Großbritannien und insgesamt rund 140 Patienten in Bangladesch, Indien und Pakistan. Sie präsentieren die Studie im aktuellen Journal "The Lancet Infectious Diseases".

Die Keime können ihr neues NDM-1-Gen schnell weitergeben: Es liegt unter anderem auf kleinen Gen-Ringen der Bakterien, den Plasmiden, die besonders leicht zwischen verschiedenen Bakterienstämmen ausgetauscht werden.

Johann Pitout von der University of Calgary in Kanada forderte, alle Menschen, die von einer Operation aus Indien zurückkehren, vor einer weiteren Behandlung auf multiresistente Erreger untersuchen zu lassen. Wenn diese aufkommende Gefahr ignoriert werde, könnten die Kosten für die Gesundheitssysteme drastisch steigen, schreibt er in einem "Lancet"-Kommentar.

Indien wehrt sich

Das indische Gesundheitsministerium hingegen wehrt sich gegen den Vorwurf, dass eine Behandlung in dem Land nicht sicher wäre. Eine Mutation von Bakterien sei nichts Ungewöhnliches. "In jedem Moment gibt es vermutlich Milliarden solcher Ereignisse", zitiert der US- Nachrichtensender CNN eine Stellungnahme des Ministeriums. Solche Organismen würden sich durch Reisen weltweit verbreiten. Deshalb zu sagen, Indien sei kein sicherer Ort für Reisen und medizinische Behandlung, wäre falsch, erklärt das Ministerium. Zudem sei der Name "Neu Delhi" im Zusammenhang mit dem Gen unglücklich gewählt.

Das RKI jedenfalls sieht Deutschland gewappnet: Es verweist auf sein Frühwarnsystem ARS, das neuartige Antibiotikaresistenzen erfasse. Die weitere Verbreitung solcher Erreger könne dann durch gezielte Hygiene in den Kliniken und eine abgestimmte Antibiotikatherapie "wirksam begrenzt und verhindert werden".

Eine solche Vorsorge sei auch nötig, denn die Entwicklung neuer Antibiotika gegen die nun aufgetretenen Bakterien werde mindestens zehn Jahre dauern, schreibt die Europäische Gesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten (ESCMID).

DPA/kmi
 
 
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