Sie hängt an Schläuchen. Tag und Nacht pumpt ein Apparat, wuchtig wie eine Waschmaschine, Norans Blut durch ihren Körper. Wenn das Kind nicht bald ein Spenderherz bekommt, stirbt es. Norans Überlebenskampf ist auch ein Kampf, der das Leben ihrer Eltern zu zerstören droht. Von Arno Luik

Im Krankenhaus in Bad Oeynhausen zeigt Noran, was sie am Leben erhält: "Schau mal", sagt die Siebenjährige, "was in meinen Bauch reingeht. Vier Schläuche. Mein Bauch ist ganz voll mit Plastik. Deswegen kann ich auch nur wenig essen"© Volker Hinz
In mir schlägt kein Herz. Mein Herzchen ist
tot, es ist plötzlich gestorben.
Guck, schau, diese
Maschine hier, sie ist jetzt
mein Herz, sie macht für mein
kaputtes Herz tucktuck.
Am 20. März 2008,
nachts um zwölf Uhr,
sagten die Ärzte zu mir:
"Ihre Tochter Noran braucht
eine Transplantation, oder sie
stirbt. Wir müssen sie sofort ins
künstliche Koma legen." Meine
Noran! Seit diesem Tag, es war
der Karfreitag, ist für meine Frau
und mich die Hölle losgebrochen.
Meine Frau kann nicht mehr klar
denken, die Sorge um ihr einziges
Kind frisst sie auf, sie ist innerhalb
eines Jahres um zehn Jahre
gealtert, ihre Haare sind ergraut,
ihre Haut fahlgelb geworden.
Wenn wir miteinander reden,
geht sie plötzlich zum Fenster, sie
sieht mich nicht, sie schaut nur
raus und sagt: "Warum? Wofür?
Warum?" Jeden Tag weint sie.
Wenn ich zum Arbeiten gehe,
sagt sie: "Wofür?" Und auch ich
hab mich verändert, ich hab über
15 Kilo zugenommen, ich ess
nichts Richtiges mehr, ich hab
nicht mehr den Nerv, in Ruhe zu
kochen - jede Sekunde hab ich
Angst, dass mein Kind stirbt, jede
Sekunde hoffe ich, dass ein Spenderherz
für Noran kommt, ich
bin voller Unruhe, nur bei der
Arbeit kann ich mich manchmal
ablenken - für ein paar Momente.
Die Maschine ist mein Freund. Aber manchmal mag ich sie nicht. Ihre Schläuche fesseln mich. Warum ist mein Herz kaputtgegangen? Warum? Mit der Maschine kann ich ein bisschen rumlaufen, nicht weit, halt hier so im Flur. Die Maschine pumpt das Blut in mir rum, schau mal, was in meinen Bauch reingeht! Vier Schläuche. Mein Bauch ist ganz voll mit Plastik, alles voll. Deswegen kann ich nur wenig essen. Am liebsten mag ich Hamburger. Pizza mag ich auch. Und Pfannkuchen. Aber das gibt es hier im Krankenhaus nicht so oft.
Noran war immer gesund, sie war ein ganz lebendiges Kind, sie ist viel rumgesprungen, viel Rad gefahren. Plötzlich hatte sie Schmerzen, eine Erkältung, dachten wir, und der Kinderarzt verschrieb ihr Antibiotika, sagte: "In drei Tagen ist alles gut." Nix war gut. Fünf-, sechsmal gab ihr der Arzt Antibiotika, es half nichts, Noran ging es immer schlechter, sie hatte furchtbare Schmerzen.
Am Anfang habe ich kaum geschlafen, die Maschine schüttelt mich ja. Und alles tat mir weh. Jetzt ist es aber gut, und heute geht es mir richtig gut, ich bin gar nicht krank! Ich muss viele Pillen essen, morgens fünf, mittags zwei und abends noch mal welche. Meine Mama weint oft.
Seit einem Jahr ist das keine Ehe mehr, die wir führen - weder für meine Frau noch für mich. Seit einem Jahr haben wir nicht mehr miteinander gegessen, nichts mehr zusammen gemacht. Wir sehen uns nur im Krankenhaus. Von Montag bis Freitag ist meine Frau im Krankenhaus, am Wochenende bin ich bei Noran. Das ist schon toll, was das Krankenhaus möglich macht, dass wir zum Beispiel direkt neben Noran schlafen können. Wir haben Glück, denke ich, ohne dieses Krankenhaus wäre Noran schon tot, da bin ich mir sicher.
Gestern habe ich einen Hubschrauber gehört, er hat so richtig laut gebrummt. Kommt nun mein Herzchen?, hab ich gefragt. Meine Freundin Samira, die hat ein Herzchen gekriegt, das kam auch im Hubschrauber, das ist lange her - warum krieg ich keins? Ich will nicht sterben.
Damals, vor einem Jahr, als es Noran immer schlechter ging, bin ich ins Krankenhaus, und dann, in Bethel, untersuchten sie Noran endlich richtig, und dann sahen die Ärzte: Noran hat Wasser unter der Lunge, 800 Milliliter, ihr Herz ist zu groß, es sei "ausballoniert", zwei-, dreimal zu groß für ihren Körper - und das Einzige, was sie rettet, sagten sie, ist das Herz eines anderen Kindes!
Ich träume viel. Ich träume oft vom Hubschrauber. Gestern habe ich geträumt, dass sie mir den Bauch aufgemacht und ein Herz reingetan haben. Und die Schläuche waren weg, als ich aufwachte. Ich bin einen Meter hochgesprungen vor Freude. Aber morgens machte die Maschine immer noch tucktuck. Mein altes Herz ist kaputt, ganz kaputt. Ich mag es nicht! Wenn ich ein neues Herzchen krieg, will ich das alte Herz zum Fenster rauswerfen. Oder ins Klo schmeißen. Oder zu den Hunden werfen.
800 Milliliter Wasser hatte Noran unter dem Lungenflügel? Warum hatte das der Kinderarzt nicht gesehen? Warum hat er sie nicht geröntgt? Ihr Herz ist zu groß? Warum hat er das nicht gesehen? Ich war wütend! Als ich die Diagnose im Krankenhaus bekam, stand ich vor der Intensivstation. Mein Kopf war leer. Ich weiß nicht mehr, was ich zwischen zwei Uhr und sechs Uhr gemacht habe. Was habe ich gedacht? Ich weiß es nicht. Noran kam dann in das Spezialkrankenhaus, in das Herz- und Diabeteszentrum nach Bad Oeynhausen, und irgendwann hieß es: Noran ist nur zu retten, wenn sie ganz schnell an diese Herz-Lungen-Maschine kommt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 33/2009