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"Wir dürfen uns nicht erpressen lassen"

Josef Hecken ist einer der mächtigsten Männer im deutschen Gesundheitssystem. Im stern-Interview spricht er über horrende Medikamentenpreise und die Macht der Pharmaindustrie.

Von Andreas Hoffmann und Lukas Heiny

Josef Hecken vom Gemeinsamen Bundesausschuss ist einer der mächtigsten Männer im deutschen Gesundheitssystem

Josef Hecken ist einer der mächtigsten Männer im deutschen Gesundheitssystem: Er steht dem Gemeinsamen Bundesausschuss vor. Dieser bewertet, wie gut Medikamente sind – und für welche Mittel die Krankenkassen zahlen müssen.

Die amerikanische Biotech-Firma Gilead hat zwei Medikamente gegen Hepatitis C entwickelt, mit denen sie erst Medizingeschichte geschrieben hat. Und nun Kapitalismusgeschichte. Die beiden Mittel, Sovaldi und Harvoni, geben den rund 400.000 Erkrankten in Deutschland erstmals Hoffnung auf Heilung: In nur wenigen Wochen können die Patienten gesund werden, bei nur geringen Nebenwirkungen. Experten werten das als "medizinische Sensation".

Gleichzeitig aber verlangt die US-Firma für die Mittel so viel Geld, wie es bislang Medikamente auf Massenmärkten undenkbar war: über 40.000 Euro für eine 12-Wochen-Therapie erhält die Firma. Die Krankenkassen kostet eine einzige Tablette fast 800 Euro. Im ersten Halbjahr 2015 summierten sich die Ausgaben für die neuen Hepatitis-C-Mittel auf eine halbe Milliarde Euro. Rund 3 Prozent der gesamten Arzneimittelausgaben in diesem Zeitraum – für rund 0,015 Prozent der Versicherten.

In seiner aktuellen Ausgabe analysiert der stern die Strategie der Firma und beschreibt, mit welchen Methoden die Pharma-Manager die Gesundheitssysteme der Welt plündern – und so auf Eigenkapitalrenditen von über 100 Prozent kommen. Auf Werte also, die nicht mal Giganten wie Apple oder Google ansatzweise erreichen.

Wie lange können wir uns so etwas noch leisten? Werden wir von den Pharma-Firmen erpresst? Und wie können wir ihre immer höheren Forderungen bremsen? Diese Fragen diskutierte der stern mit Josef Hecken, dem Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses, einem der mächtigsten Männer im deutschen Gesundheitssystem. Sein Ausschuss bewertet, wie gut Medikamente sind – und für welche Mittel die Krankenkassen zahlen müssen.

Herr Hecken, mehr als 40.000 Euro für Hepatitis-C-Mittel. Warum sind Medikamente so teuer?

Man muss unterscheiden. Einige Präparate sind echte Innovationen, dort lassen sich hohe Preise auch vertreten. Es gibt aber viele Scheininnovationen, die mit Heilsversprechen zu unanständigen Preisen in den Markt gedrückt werden.

Weil die Pharmaunternehmen wissen, dass sie damit durchkommen?

Sie hoffen, die Preisverhandlungen zu überstehen. Wir müssen aber sagen: Stopp, bis hier hin und nicht weiter. Wir können nicht mit Beitragsgeldern den Shareholder-Value der Aktionäre fördern.

Wann sind hohe Preise nicht gerechtfertigt?

Wir haben Mittel, bei denen sind die Beweise sehr dünn, dass sie besser als vergleichbare Therapien sind. Dennoch sind sie sehr teuer. Nehmen wir Glybera, ein Mittel gegen eine seltene Krankheit der Bauchspeicheldrüse, das 1,2 Millionen Euro kostet. Ist das Innovation oder schadet es? Wir haben extreme Bedenken. Bei 42 Prozent der angeblichen Innovationen haben wir keinen Zusatznutzen gefunden, diese Mittel werden daher wie Nachahmer-Präparate bezahlt.

Die Arzneimittelpreise steigen, allein bei Krebsmitteln zwischen 2005 und 2013 um das 35fache. Steht unser System vor dem Kollaps?

Die Frage stelle ich mir auch, ja. Es gibt zwei Wege: Entweder wir kriegen die Kosten in den Griff oder wir zahlen nicht mehr alles – das ist dann Rationierung. Das sehen wir in Großbritannien.

Die Briten bewerten Kosten und Nutzen neuer Mittel gemeinsam, dann entscheidet der Staat: Kostet die Therapie mehr als 40.000 Euro und bringt nur ein Jahr mehr Lebenszeit, wird nicht gezahlt.

Dort sagen sie: Für Leute ab einem gewissen Alter lohnt sich eine Krebstherapie nicht mehr. Oder eine künstliche Hüfte oder anderes.

Ist das nicht die bittere Wahrheit?

Ich halte das für unethisch. Es widerspricht unserem Sozialstaatsgebot. Das Grundgesetz sagt, dass jeder versorgt wird, egal wie alt er ist. Ökonomisch mag der britische Ansatz sinnvoll sein, ethisch und politisch halte ich ihn für falsch.    

Was also sollte passieren?

Erstens: Wir müssen Scheininnovationen aussieben, die keinen echten Mehrwert für die Patienten bringen. Und zweitens: Innovative Therapien auf jene Gruppen beschränken, denen sie wirklich helfen. Und drittens: Von den Herstellern harte Beweise verlangen, dass ihre Innovationen das Leben der Patienten auch tatsächlich verbessern.

Was meinen Sie damit genau?

30 Prozent der Innovationen, die wir bewerten, sind Krebspräparate. Viele bieten einen Zusatznutzen. Aber wie sieht er aus? Die Mittel heilen den Krebs ja nicht, sie verlängern die durchschnittliche Überlebenszeit, häufig nur um einige Wochen und verschlechtern auch noch die Lebensqualität der Patienten, die unter der eigentlich wenig sinnvollen Therapie leiden. Für einen Krebspatienten am Ende seines Lebens ist aber auch gerade die Lebensqualität wichtig, und dafür fordern wir inzwischen belastbare Daten. 100 Tage mehr Leben sind anders zu beurteilen, wenn der Patient schwerste Nebenwirkungen und schlimme Krankheitsfolgen ertragen muss – als wenn es ihm den Umständen entsprechend relativ gut geht.

Erpressen die Firmen uns?

Eine Gesellschaft darf sich nicht erpressen lassen. Seit Jahren fehlen Blockbuster gegen Krankheiten wie Diabetes oder Krebs. Die Hersteller kümmern sich um Second- und Third-Line-Therapien. Sie gehen mit dem Argument der Lebensverlängerung in die Diskussion. Und wir fragen auch nach der Lebensqualität. So kann man dann auch die politische Debatte überstehen. Denn wenn ein Hersteller sein Medikament vom Markt nimmt, machen die Patienten Druck. Und wenn draußen sechs Millionen Diabetes-Kranke demonstrieren, wird jeder Politiker nervös.

Kommen wir zum Hepatitis-C-Medikament Sovaldi von der amerikanischen Firma Gilead: 40.000 Euro für eine Therapie. Geht’s nicht billiger?  

Sovaldi ist nach meiner Meinung eine echte Innovation. Unsere Aufgabe beim Gemeinsamen Bundesausschuss ist es, bei Arzneimitteln die Spreu vom Weizen zu trennen, also echte Innovationen von Scheininnovationen. Für das Präparat haben wir einen beträchtlichen Zusatznutzen ermittelt. Mit Sovaldi schaffen es Kranke, in etwa 90 Prozent der Fälle in 12 Wochen virusfrei zu werden - ohne belastende Interferon-Therapie, die ja auch 10.000 Euro kostet. Folgekomplikation wie Leberzirrhose oder Organtransplantation, die wir bezahlen würden, fallen weg, Nebenwirkungen sind deutlich geringer als bei den alten Standardtherapien. Ein hoher Preis ist gerechtfertigt. Ob der aktuelle Preis ethisch verantwortbar ist, wage ich aber zu bezweifeln.  

Der Staat könnte ihn senken.

Ja. Aber wollen sie Preise marktwirtschaftlich verhandeln oder wollen sie, dass der Staat die Preise festsetzt? Das wäre ein Bruch mit unseren Prinzipien, das wäre Planwirtschaft. Die Unternehmen würden nicht mehr forschen, wir hätten nichts gewonnen.

Dann finanziert eine Kassiererin mit ihren Beiträgen die Renditeziele von Spekulanten?

Solange wir kein staatliches Wirtschaftssystem wollen, finanzieren wir alle gemeinsam. Oder wir zahlen einen bestimmten Preis einfach nicht. Wir müssen dann die Konsequenz tragen, etwa dass ein Wirkstoff Patienten nicht mehr zur Verfügung steht. Die Franzosen haben es bei Sovaldi versucht, dort erhalten es nur Schwerstkranke mit Leberzirrhose. Ich halte das für inhuman. Ich kann doch nicht sagen: Lieber Patient, leide, bis es Dir richtig schlecht geht, erst dann zahlen wir. 

Im Fall von Gilead gibt es Eigenkapitalrenditen von über 100 Prozent. Das erreicht nicht mal Apple.

Klar ist: Die Hersteller haben auch eine sozialstaatliche Verantwortung. Ob eine US-Firma sie auch in Deutschland wahrnimmt? Ich bezweifele, dass der hohe Preis angemessen ist. Immerhin gibt es schon Konkurrenzprodukte.

Ja, zu ähnlich hohen Preisen.

Es ist der Beginn einer Preisspirale nach unten. Hier können auch die Rabattverträge der Krankenkassen noch etwas bewirken, auch bei Sovaldi. Ich glaube, durch glasklare Bewertungen und Lebensqualitätsdaten lassen sich die Preise senken.

Und das reicht?

Die Zulassungsbehörden, die amerikanische FDA und die europäische EMA, müssten neue Medikamente wieder härter prüfen. Zurzeit kommen zu viele Mittel zu schnell auf den Markt. Und bei Ausreißern mit hohen Preisen brauchen wir europäische Absprachen – das hat bei Sovaldi nicht geklappt. Es gibt noch immer Phantasiepreise, die nicht gerechtfertigt sind. In ein paar Jahren, mit zunehmend schärferen Bewertungen, soll es keine mehr geben.

Die Zeit der Mondpreise ist dann vorbei?

Es wird jedenfalls schwieriger, sie durchzusetzen. Bei vielen Herstellern sehe ich Panik. Richtig gefährlich wird es für sie, wenn wir uns in Europa abstimmen. Wenn wir sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Den Rückzug aus einem Markt kann ein Unternehmen noch vertreten. Aber aus Europa? Das geht nicht.


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und Lukas Heiny