Gesundheitsminister in spe Der Nachfolger von Ulla Schmidt


Josef Hecken organisiert das umstrittenste Projekt der großen Koalition: den Gesundheitsfonds. Jetzt winken ihm höhere Weihen. Nach Informationen des stern aus Regierungskreisen soll Hecken der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt nachfolgen, falls es nach der Wahl für eine schwarz-gelbe Koalition reicht.
Von Andreas Hoffmann

Er ist der Milliarden-Mann. Der Herrscher über den Gesundheitsfonds, der 167 Milliarden Euro zwischen den Krankenkassen verteilt. Josef Hecken, 49 Jahre alt, Jurist, Chef des Bundesversicherungsamts. Er verwaltet den Fonds geräuschlos. Kanzlerin Angela Merkel favorisiert ihn. Das Nachsehen hätte Familienministerin Ursula von der Leyen, die ebenfalls gern Gesundheitsministerin werden will.

Hecken profitiert vom Erfolg der Familienministerin. Die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht ist zu gut in ihrem Amt. Von der Leyen hat die Familienpolitik der Union abgestaubt und entrümpelt; Familie bedeutet nicht mehr allein, der Mann arbeitet und die Frau erzieht daheim die Kinder. Nun darf Frau auch Familie und Karriere verbinden. Ursula von der Leyen lebt das Modell vor, zieht sieben Kinder groß und ist nebenbei noch Ministerin. Das gab es in der Union noch nie. Damit erschließt sie der Partei neue Wähler, lockt junge, gut ausgebildete Frauen an, die Kinder und Beruf vereinbaren wollen und sonst eher SPD oder Grüne auf dem Stimmzettel ankreuzen.

Madame Negativ

Bei einem Wechsel würde von der Leyen ihr positives Image verlieren. Gesundheitsminister ist der härteste Job im Kabinett. Die Ärzte hassen einen und die Patienten auch, eine Gesundheitsministerin gilt als Madame Negativ. Sie verkauft nur schlechte Botschaften, muss den Leuten erklären, dass die Kassenbeiträge leider wieder gestiegen sind oder dass sie für ihre Pillen wieder mehr bezahlen sollen.

Wenn in Arztpraxen, Kliniken, Pflegeheimen, bei den Krankenkassen, Pillenherstellern oder Apotheken etwas schief läuft, ist klar, wer Schuld hat: Ulla Schmidt in Berlin. Das war bei ihren Vorgängern Andrea Fischer und Horst Seehofer nicht anders, jeder Gesundheitsminister erlebte den raschen Niedergang. So würde sich bald das strahlende Image der Ursula von der Leyen verdunkeln. Die Parteistrategin Angela Merkel hätte einen Star ihres Kabinetts beschädigt und nichts gewonnen. Für junge, gut ausgebildete Frauen würde das Symbol fehlen.

Wenn es Blei regnet

Die Gefahr besteht bei Josef Hecken nicht. Er ist nur Fachleuten bekannt, hat dort aber einen exzellenten Ruf. Gilt als sachkundig, fleißig, kann klare Sätze formulieren, was unter Gesundheitspolitikern eher die Ausnahme ist. Und er geht Konflikten nicht aus dem Weg. "Er ist ein Troubleshooter, der richtig gut wird, wenn es Blei regnet", sagt Regina Görner, die heute bei der IG Metall ist, und früher Sozialministerin im Saarland war. Damals war Hecken ihr Staatssekretär. Zuvor wirkte er über sieben Jahre als Büroleiter von Norbert Blüm und absolvierte einen kurzen Ausflug in die Firmenwelt, zum Handelskonzern Metro. Doch weil er die Sozialpolitik vermisste, wechselte er 1999 ins Kabinett des saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU), erst als Staatssekretär, später stieg er zum Minister auf.

Für Merkel hat er schon viele heikle Aufgaben übernommen. So versuchte er in den Jahren 2003 und 2004 den Streit zwischen CDU und CSU um die Kopfpauschale zu schlichten, mit der die Union das Gesundheitswesen umkrempeln wollte. Später, als die große Koalition 2006 den Gesundheitsfonds aushandelte, brachte er die Unionsländer auf gemeinsamen Kurs. Seit Mai 2008 sorgt er sich als BVA-Chef um den Gesundheitsfonds, wobei der Wechsel Peter Müller schmerzte. Merkel hatte Hecken insgeheim abgeworben und Müller erst im nach hinein informiert.

Der tägliche Hecken

Für Müller war Hecken auch wichtig. Er war einer der wenigen Landesminister, die bundesweit bekannt waren. Legte sich mit den Apothekern an, ließ in Saarbrückens Innenstadt eine Apotheke des Internetanbieters Doc Morris zu - obwohl dies gegen deutsches Recht verstieß und Hecken sich auf Europarecht berief. Er setzte sich für verpflichtende Vorsorge-Untersuchungen bei Kindern ein, was zum Streit mit Ursula von der Leyen führte. Wegen seiner vielen Pressemeldungen kursierte unter saarländischen Journalisten der Spruch: "Gib uns den täglichen Hecken". Als Chef des BVA produziert er ebenfalls Schlagzeilen. Er stritt mit einigen Krankenkassen, die die Ärzte dazu ermuntern, ihre Patienten kränker zu schreiben als sie sind. Dann erhalten die Kassen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds. Nun soll ein Gesetz den Missbrauch stoppen.

Schon in der Schulzeit trat Hecken in die Junge Union ein, später dann in die CDU. Privat mag er die Gartenarbeit und Opernmusik; sein Fahrer hat immer ein paar CDs dabei, damit Hecken auf seinen Dienstfahrten Verdi lauschen kann.

Den Aufstieg von Josef Hecken auf den Posten des Gesundheitsministers könnte aber noch jemand verhindern. Horst Seehofer. Der CSU-Vorsitzende will, dass der bayrische Gesundheitsminister Markus Söder nach der Wahl nach Berlin wechselt - möglicherweise um Ulla Schmidt nachzufolgen.


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