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Die Pflege in Deutschland ist immer noch krank

Das RTL-"Team Wallraff" liefert dem Publikum wieder schockierende Bilder: Diesmal geht es um untragbare Zustände in deutschen Pflegeheimen - trotz Schwächen ein wichtiger Beitrag, der betroffen macht.

Von Dominik Brück

Im zweiten Teil der Serie "Team Wallraff" wurden Pflegeheime unter die Lupe genommen

Im zweiten Teil der Serie "Team Wallraff" wurden Pflegeheime unter die Lupe genommen

Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und seine Kollegen haben erneut zugeschlagen – diesmal mit einer Enthüllung, die eigentlich keine ist. Gerade das macht den zweiten Teil der RTL-Reihe "Team Wallraff" aber zu einem wichtigen Beitrag zu einer Debatte, die es eigentlich schon längst nicht mehr geben dürfte. Es geht dieses Mal um die Zustände in deutschen Pflegeheimen und darum, wie der Staat durch den Betrug privater Pflegedienste abgezockt wird. Das Erschreckende: Obwohl die unzumutbaren Bedingungen unter denen alte Menschen in manchen Heimen leben müssen schon lange bekannt sind, hat sich noch immer nichts geändert.

"Ich will sterben"

Die Bilder, die das Team mit versteckter Kamera gefilmt hat, gehen unter die Haut. Getarnt als Praktikantin in zwei Pflegeheimen dokumentiert Reporterin Pia Osterhaus wie Heimbewohner stundenlang in ihrem eigenen Urin liegen gelassen werden oder zunehmend vereinsamen, da sich niemand Zeit für sie nimmt. "In manchen Zimmern riecht es so stark nach Fäkalien, dass mir übel wird", stellt die Journalistin schockiert fest. Als in einem der besuchten Heime der gefährliche Noro-Virus ausbricht, wird zunächst versucht, das vor den Behörden zu verheimlichen. Eine Heimbewohnerin bringt in ihrer Verzweiflung nur immer wieder heraus: "Ich will sterben."

Das Pflegepersonal ist mit der Situation in der Regel völlig überfordert: In einem Münchner Heim kommen drei Mitarbeiter auf 37 Heimbewohner – wenn die Station voll besetzt ist, was nicht immer gewährleistet ist. Alte Menschen werden daher wie am Fließband abgearbeitet. Nur wenige Minuten bleiben pro Person für Waschen und Füttern. Das bedeutet Stress für die Pfleger, die mit rund 2000 Euro brutto im Monat für eine 40-Stunden-Woche schlecht bezahlt sind. Stress, den sie auch an den alten Menschen auslassen. Schnell kommt der Verdacht auf, dass einige der Heimbewohner durch das Pflegepersonal misshandelt werden.

Recherchemethoden jenseits journalistischer Ethik

Bis hierhin hat das Team von Günter Wallraff mit allen Tricks gearbeitet, um die Dramatik der Sendung möglichst groß zu halten: Nahaufnahmen der alten Menschen in ihren Betten mit unkenntlichen Gesichtern, anonyme Zeugen, Experten, die immer wieder bestätigen, dass dies keine Einzelfälle sind und dramatische Musik in fast jeder Szene. Das ist vertretbar, um die Missstände in der Pflege einem möglichst breiten Publikum bekannt zu machen – auch wenn der Beitrag so weniger seriös wirkt.

Was dann passiert, sprengt jedoch den Rahmen journalistischer Ethik: Um zu sehen, wie ein Pfleger mit einem Mann umgeht, der Schwellungen und blaue Flecken im Gesicht hat, greift Wallraff tief in die Privatsphäre des Heimbewohners ein. "Wir müssen soweit gehen, eine Kamera in das Zimmer des Mannes zu stellen", erklärt der Enthüllungsjournalist seiner Kollegin. Das mag für die Recherche ein schnelles Mittel sein, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten, ethisch vertretbar ist dieses Vorgehen jedoch nicht. Andere Teile der Recherche erscheinen lückenhaft, da konkrete Zahlen zur Häufigkeit der gezeigten Vorfälle nicht vorliegen. Auch die Antworten der Verantwortlichen, die alles dementieren, werden nur in Auszügen und außerhalb des Kontextes zitiert. Sauber ist das nicht, aber aufgrund der Tatsache, dass die Mängel schon seit Jahren bekannt und belegt sind, hinnehmbar.

Unnötige Selbstinszenierung

Soweit hätte die Sendung ihr Ziel also erreicht: Die Öffentlichkeit erneut auf die Missstände in deutschen Pflegeheimen hinweisen und eine erneute Debatte anstoßen, um endlich Verbesserungen zu ermöglichen. Es ist daher unverständlich, warum zusätzlich noch der Betrug des Sozialsystems durch private Pflegedienste thematisiert werden muss. Wallraff tarnt sich dazu als russischer Rentner, was sich als schwierig darstellt, da er kein russisch spricht. Daher übernimmt seine vermeintliche Tochter das Gespräch mit der russischsprachigen Pflegedienstchefin, der man vorspielt Wallraff könne nicht mit Fremden sprechen.

Natürlich kommt Wallraff so den Methoden auf die Schliche, mit denen die Unternehmerin den Staat um Unterstützungsleistungen betrügt: Falsche Atteste, gefälschte psychologische Gutachten und eine vorgespielte Behinderung des vermeintlich Pflegebedürftigen. Im Kontrast zu den zuvor gezeigten Bedingungen in den Pflegeheimen erscheint dieser Part aber recht belanglos. Es scheint, als habe der bekannte Enthüllungsjournalist das Bedürfnis gehabt, auch mal wieder Undercover arbeiten zu können. Es bleibt aber letztlich mehr unnötige Selbstinszenierung als Enthüllungsjournalismus. Auch die zuständige Behördenmitarbeiterin gibt zu, dass derartiger Betrug bekannt ist.

Trotzdem bleibt am Ende der Sendung ein beklemmendes Gefühl: Die Zustände in deutschen Pflegeheimen scheinen sich in den vergangenen Jahren kaum verbessert zu haben. Betrachtet man den Sturm der Entrüstung, den der erste Teil von Wallraffs Enthüllungsshow ausgelöst hat, bleibt also zu hoffen, dass durch den Beitrag eine erneute Diskussion über die Pflege von alten Menschen befeuert wird – und dass diese endlich zu deutlichen Verbesserungen für die pflegebedürftigen Menschen führt.

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