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22. Oktober 2009, 16:09 Uhr

Der schlechtere Borat

Günter Wallraff hat wieder zugeschlagen. Der "Ganz unten"-Autor testet in seinem neuen Film "Schwarz auf Weiß" als Somalier verkleidet die Fremdenfreundlichkeit der Deutschen. Herausgekommen ist der Abgesang auf eine Journalisten-Legende. Von Sophie Albers

Günter Wallraff, Schwarz auf Weiß, Kwami Ogonno

Zwei Stunden saß Günter Wallraff in der Maske© X-Filme

Der Mann mit dem scharfkantigen Gesicht war schon ein türkischer Gastarbeiter, "Bild"-Reporter, Obdachloser, Waffenhändler und Callcenter-Sklave. Seit mehr als 40 Jahren nimmt Günter Wallraff falsche Identitäten an und berichtet dann von den üblen Bedingungen, unter denen diese Menschen in Deutschland arbeiten und leben müssen. Günter Wallraff ist eine Legende. Aber Günter Wallraff ist mittlerweile auch ein Fossil.

Fangen wir ganz von vorne an: Aufklärung ist, wonach Journalisten bestenfalls streben. Sie wollen dem Leser die Welt erklären, ihm neue Welten zeigen, die Augen öffnen, ihn aufrütteln. Das ist auch der Anspruch von Günter Wallraff. Für seinen neuen Film "Schwarz auf Weiß" hat er sich dazu braun anmalen lassen, eine Afro-Perücke auf- und dunkle Kontaktlinsen eingesetzt. 14 Monate ist Wallraff als Kwami Ogonno aus Somalia durch Deutschland gereist. Von Ost nach West - von der Hundeschule zum Schrebergartenverein.

Magere Ausbeute

Doch das Augenöffnen bleibt aus. Denn selbstverständlich wird Kwami Ogonno beschimpft, beleidigt, bedroht und diskriminiert. Niemand erwartet etwas anderes als dumpfe Aggressivität, wenn ein Schwarzer im bunten Hemd sich in Cottbus vor das Fussballstadion stellt und Kahlrasierte anquatscht. Auch dass ihn ein Proll in einer heruntergekommenen Hundeschule abwimmelt, ist keine Überraschung. Ebenso wenig die bigotte Kölner Vermieterin, die sich überhaupt nicht mehr einkriegt, dass ein Mann "schwarz wie der Heidi Klum ihrer" die Wohnung beziehen will. Diese Spiegelungen in Wallraffs dunkelgefärbten Gesichtszügen sind kaum mehr ein Schulterzucken wert. Dann schon eher ein überforderter bayerischer Beamter, der die Polizei rufen will, als der schwarze Mann fragt, wie man einen Jagdschein bekommt. Das ist allerdings eine ziemlich magere Ausbeute für ein Jahr Recherche.

Da denkt man wehmütig an die hirnerhitzende Unverfrorenheit eines "Borat", des falschen Kasachen, dessen Aufklärungs-Massaker vor drei Jahren so sehr verstörte, dass "Schwarz auf Weiß" wie aus einer anderen Zeit wirkt, ein Alt-68er-Werk, vor allem gut gemeint, aber mit deutlich sichtbar erhobenem Zeigefinger. "Borat" und auch ein bisschen der Nachfolger "Brüno" sind wie Wallraff auf Speed gelöst in einem Swimmingpool voll Red Bull. Ihre Extrem-Provokation führt zur schrill schreienden, nackten Wahrheit. Bei Wallraff scheint die Wahrheit sich dagegen ein bisschen zu schämen, weil sie so sehr berechenbar ist. Wo Sacha Baron Cohen das Klischee so lange biegt, bis es bricht, wird es bei Wallraff einfach nur erfüllt, wiederholt, auf den Resten herumgekaut.

"Ich werde gebraucht"

Um so schlimmer, dass Wallraff das selbst zu wissen scheint: Es würde ihn ja freuen, wenn er sagen könnte, "wir sind ein unheimlich ausländerfreundliches tolerantes Land", erklärt er gleich zu Beginn des Films. "Das wäre die Geschichte." Genau, das wäre sie. Aber dass wir es nicht sind, ist leider keine - weil bekannt.

Dass Wallraff trotzdem wie gewohnt weitermacht, liegt wohl auch an der Eitelkeit des Mannes, dessen Name in der schwedischen Umgangssprache bereits als Synonym für "etwas aufdecken" gebraucht wird. Der 67-Jährige ist auf einer Mission, fühlt sich berufen: "Ich werde gebraucht", sagt Wallraff. "Die Zustände haben sich so verschlimmert, dass ich zu meinen Anfängen zurückkehren und wieder ganz von vorn beginnen muss." Und leider sei ja kein Nachfolger in Sicht. "Ich bräuchte drei Leben, um zu erledigen, was ich noch zu erledigen habe." Hinter Kwami Ogonno kann er ja nun einen Haken machen.

Cohen, Moore, Wallraff

Selbstredend ist es gut, dass es jemanden wie Wallraff gibt. Denn auch wenn seine Aktionen, ebenso wie von "Borat"-Schöpfer Sacha Baron Cohen oder Michael Moore, umstritten sind, brauchen demokratische Gesellschaften Menschen, die ihnen den Spiegel vorhalten. Denn der zeigt Fratzen, die niemandem mehr auffallen, weil sie zum Alltag gehören. Nur dass mittlerweile eben auch Wallraff zum Alltag gehört.

Immerhin eine Szene in "Schwarz auf Weiß" wirkt stark nach - und das zum Nachteil von Wallraffs Konzept: Als zum ersten Mal die Farbe aufgetragen wird, sitzt ein "echter" Schwarzer neben Wallraff, der ihn berät. Und während der Weiße zum Schwarzen wird, steht dem jungen Mann das Grausen im Gesicht. Darüber, dass es nur verdammte Pigmente sind, die in diesem Land darüber entscheiden, ob man freundlich oder abfällig behandelt wird, ob man verprügelt wird oder nicht. Und vielleicht auch darüber, dass Wallraff sich am Ende seiner Aktion einfach wieder abschminken und sein Leben als Bestsellerautor genießen wird. Denn letztlich geht es in diesem Film vor allem um eines: Günter Wallraff. Und über den ist das Publikum ja nun schon seit Jahrzehnten aufgeklärt.

Günter Wallraff Der mittlerweile 67-jährige Günter Wallraff gehört zu den bekanntesten Journalisten Deutschlands. Der Kölner hat sich mit Undercover-Reportagen einen Namen gemacht. Mehr als vier Millionen Mal hat sich sein Erfahrungsbericht als türkischer Gastarbeiter Ali ("Ganz unten", 1985) verkauft. Wallraff hat die kruden Recherchemethoden der "Bild" aufgedeckt ("Der Aufmacher", 1977), bei McDonald's im Dreck gewühlt und im Callcenter Leute abgezockt. "Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere" heißt sein neues Buch. Zeitgleich kommt der Film "Schwarz auf Weiß" ins Kino, für den Wallraff ein Jahr lang als Schwarzafrikaner durch Deutschland gereist ist.

Von Sophie Albers
 
 
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