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8. Juni 2008, 10:03 Uhr

Kunstschätze im Nazi-Bunker

Immer mehr Kunstsammler zieht es nach Berlin. In erlesenen Räumen zeigen sie ihre persönlichen Schätze. Neuester Zugang: der Werber Christian Boros, der 500 Werke von angesagten Künstlern wie Jonathan Meese oder Damien Hirst besitzt. Für sein Privatmuseum hat er sich einen Nazi-Bunker umbauen lassen. Von Anja Lösel

Galerie mit Vergangenheit: Nazi-Bunker, Gefangenenlager, DDR-Bananenspeicher und Techno-Club© Noshe

Christian Boros muss verrückt sein. Anders ist nicht zu erklären, dass der Inhaber einer Wuppertaler Werbeagentur sich einen Bunker mit drei Meter dicken Wänden kaufte. Mitten in Berlin. Fünf Jahre ist das jetzt her, und alle hatten ihm damals abgeraten, den Betonklotz umzubauen für seine Kunstsammlung. Viel zu eng, zu niedrig, zu schwierig, zu teuer.

Glühen für die Kunst

Boros, 43, war das egal. "Mich hat nie interessiert, was leicht zu haben ist", sagte er und legte einfach los. Ließ mit Diamantsägen Wände und Decken herausfräsen, bis eine raffinierte Raumfolge über fünf Stockwerke entstand. Bat Künstler, ihre Arbeiten selbst aufzustellen. Und ließ sich auch noch ein superschickes Wohnhaus aufs Dach setzen.

Nun ist er erschöpft und glücklich. Wochenlang haben Boros und seine Frau Karen Freunde, Gäste, Neugierige empfangen. Meistens stand er schon in der Tür, wenn die Besucher kamen, rauchte noch schnell eine Zigarette und führte dann mit leuchtenden Augen durchs Haus, während seine Backen rot und röter wurden. Ja, er glüht für die Kunst, das kann man sehen.

Vier Jahre hat es gedauert, bis alles fertig war. Immer wieder musste Boros die Eröffnung verschieben. Jetzt ist es endlich soweit, alles ist fertig. Ab 7. Juni wird der Bunker jeden Samstag zu besichtigen sein - nach Anmeldung und gegen ein Eintrittsgeld von zehn Euro.

Geschichtsmagnet ohne Handyempfang

Wer allerdings glaubt, hier in ein halbwegs normales Museum zu kommen, der wird sich wundern. Es gibt weder Tageslicht noch Handyempfang.

Gespenstisch still ist es, denn durch die meterdicken Wände mit den Einschusslöchern dringt kein Laut. Panzertüren mit schweren Griffen. Schmale Fensterschlitze. Der Bunker sieht nach wie vor wie ein Betonklotz aus, denn, so Boros, der Bau ist "ein Geschichsmagnet" und man soll seine Vergangenheit spüren. Die war wild bewegt: im Krieg Zufluchtsort für Anwohner und Reisende aus dem Bahnhof Friedrichstraße, danach Gefangenenlager der Roten Armee, in der DDR Bananenspeicher und zur Nachwendezeit Sado-Maso-Bar und Techno-Club. "Die Leute, die hier tanzten, waren nass bis zu den Knien, weil das Kondenswasser nicht raus konnte und sich am Boden sammelte", sagt Boros.

Und nun also Kunst. Rund 50 Arbeiten von 21 Künstlern sind in der ersten Ausstellung auf 3000 Quadratmetern zu sehen - und zwar nur Werke, die Licht oder Raum zum Thema haben. Im Foyer schwingt eine riesige Glocke hin und her - stumm, denn der Künstler Kris Martin hat den Klöppel weggelassen. Der dänische Künstler Olafur Eliasson zeigt gleich zehn Arbeiten. Besonders schön: ein gefährlich rotierender Ventilator, der an langer Schnur durch den 13 Meter hohen Raum schwingt, nur haarscharf über den Köpfen der Besucher.

Raumgreifender Umbau

Für solche raumgreifenden Arbeiten durchbrachen die Architekten Jens Casper und Petra Petersson vom Berliner Büro "Realarchitektur" die bis zu drei Meter dicken Wände und Decken, um höhere und größere Räume zu gewinnen. Eine Sisyphusarbeit. "Die Arbeiter wurden zu Kettenrauchern, weil sie ewig warten mussten, bis die Diamantscheiben sich durch den Beton gefressen hatten", stöhnt der Bauherr. Der Umbau brachte ihn an seine Grenzen - psychisch und finanziell. "Ich hatte jede Woche einmal Angst", gibt Boros zu.

"Wenn ich gewusst hätte, was kommt, hätte ich das nie gemacht." Und dabei guckt der kleine Mann mit dem markanten Schädel so stolz und zufrieden, dass man ihm die Sorgen kaum abnehmen mag. "Eine Große Leistung der Architekten", sagt er. "Die haben nicht gebaut, sondern weggenommen." Und dadurch erst Räume geschaffen, die geeignet sind für Kunst.

"Der Anselm", "der Olafur", "der Jonathan" sagt Boros, wenn er von seinen Stars Reyle, Eliasson und Meese spricht. Er lädt sie zum Essen ein, diskutiert mit ihnen über Kunst und die Welt, fühlt sich als einer der ihren. Seit fast 20 Jahren sammelt er nun schon. Der Grund: "Ich will die Gegenwart verstehen und mit Künstlern sprechen. Deshalb käme ich nie auf die Idee, Picasso zu sammeln."

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