Die Elbphilharmonie soll die Hamburger Hafen-City krönen und weit über die Hansestadt hinausstrahlen. Doch das Projekt erweist sich immer mehr als Steuergrab. Eine termingerechte Fertigstellung ist inzwischen ausgeschlossen - und es gibt noch einmal einen Nachschlag von mindestens 40 Millionen Euro. Von Wolfgang Metzner

Sie kostet den Steuerzahler bereits 323 Millionen Euro - und das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht: die Hamburger Elbphilharmonie© Philipp Guelland/DDP
Einer der zehn besten Konzertsäle der Welt soll es werden. Ein Klangwunder mit einem einzigartigen Reflektor an der Decke, Dirigent und Orchester inmitten kühn geschwungener Ränge, die sich wie Terrassen an einem Weinberg hochziehen. Doch jetzt regnet es noch in den offenen Rohbau, und ein kühler Wind pfeift in die Baustelle hoch über der Elbe, die bisher einem düsteren Betontrichter mit schrägen Wänden gleicht: ein Schwarzes Loch, in dem Hamburg seine Steuergelder versenkt.
Am 28. Mai will die Hansestadt Richtfest für den "Jahrhundertbau" feiern. Dann soll ein riesiger Kranz auf die 110 Meter hohe Elbphilharmonie gehievt werden, die mit Luxushotel und Premium-Wohnungen über die neue Hafen-City empor wächst. Doch Bürgermeister Ole von Beust (CDU) dürfte die Feierlaune schon vorher verhagelt werden. Denn wieder einmal explodieren die Kosten für das Prestigevorhaben, während die Stadt nicht mal alle Schlaglöcher aus dem Winter reparieren kann - und ein Ende ist nicht abzusehen.
In einem Brandbrief hat der Generalunternehmer Hochtief "vielfältige Störungen" und "Bausolländerungen" beklagt, die zu Nachforderungen von 22,4 Millionen Euro führten. So würde allein die von den Planern jetzt gewünschte Luxusvariante für die Lüftung im Großen Saal teure statische Neuberechnungen erfordern. Zusätzlich will Hochtief zwölf Millionen Euro extra für bisher nicht eingeplante "Budgetleistungen" - etwa neueste Finessen bei Akustik und Licht.
Noch ärgerlicher könnte für die Stadt werden, dass Hochtief die für Ende 2011 vereinbarte, bereits mehrfach verschobene Gesamtfertigstellung inzwischen für "nicht realisierbar" hält und eine weitere "Verspätung von ca. einem Jahr" ankündigt. Nach Auskunft eines Firmeninsiders würde das rund zehn Millionen mehr für den längeren Betrieb der Baustelle bedeuten. Zusammen ergibt das eine neue Horrorzahl, die man im Rathaus noch unter der Decke hält: über 40 Millionen Euro Nachschlag. Bisher müht sich die städtische Realisierungsgesellschaft (ReGe), die Forderungen von Hochtief herunterzuspielen. Wie nervös der Hamburger Senat aber inzwischen ist, zeigen Krisensitzungen mit einem "Notkomitee", bei dem Beteiligte "Verschwiegenheitserklärungen" unterzeichnen mussten und nicht mal Notizen erlaubt waren.
Nach Einblick in vertrauliche Aktenbände und angesichts weiterer offener Risiken fürchten Oppositionspolitiker inzwischen sogar ein größeres Fiasko. "Gut möglich", sagen die Haushaltsexperten Joachim Bischoff (Linkspartei) und Peter Tschentscher von der SPD, "dass zum Schluss noch mal 100 Millionen Euro fällig sind."
Längst hat sich der Traum vom glitzernden Kultur-Kristall an der Elbe in einen Alptraum für Finanzpolitiker verwandelt. Denn die jüngsten Zahlen sind ein Paradebeispiel dafür, wie leicht ein gemischt finanziertes "PPP"-Projekt ("Public Private Partnership") der öffentlichen Hand entgleitet und aus dem Ruder laufen kann.
Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Es war im Jahr 2001, als die Schweizer Star-Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron die Vision von einer Musikhalle auf einem ehemaligen Kakaospeicher hinkritzelten. Von 40 Millionen Euro war zunächst die Rede, finanziert durch Spenden. 2005 sprach von Beust bereits von 77 Millionen, ein Jahr später waren es dann 114 Millionen, die von der Stadt übernommen werden sollten. Den Rest würden vermögende Gönner und private Investoren durch eine Mantelbebauung mit Hotel, Gastronomie und Wohnungen finanzieren.
Mit diesem "Pauschalfestpreis" wurde das Konzept im Jahr 2007 vom euphorisierten Stadtparlament einstimmig abgenickt. Die Ernüchterung kam 2008 nach dem Wahltermin, als Hochtief mit einem Baustopp wegen aufgelaufener Extrakosten von 270 Millionen Euro drohte. Das ganze Projekt, das ohne fertige Planungen der Architekten begonnen worden war, stand auf der Kippe. Aber eine Bauruine im Herzen der Hafen-City - das war schlicht undenkbar für von Beust.