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4. Februar 2006, 11:47 Uhr

The first King of Pop

In seinem kurzen Leben nahm er fast alles vorweg, was heute einen Star ausmacht: internationale Tourneen, hysterische Fans, große Hits, Sex und Sucht. Zum 250. Geburtstag geht der stern dem wilden Leben des Salzburger Genies nach. Von Christine Claussen

Rock Me Amadeus! Für den stern engagierte der Fotograf Peter Rigaud den Schauspieler Roman Blumenschein und versetzte mit ihm den Popstar Mozart in unsere Zeit© Peter Rigaud

Er war erst 35, als er starb. Bei seinem Tod waren nur seine Schwägerin Sophie und zwei Schüler bei ihm. Bei seinem Begräbnis auf dem St. Marxer Friedhof vor den Toren von Wien niemand außer den Sargträgern. Das Wetter war für Anfang Dezember unnatürlich mild. Nach der neuen Beisetzungsordnung Josephs II. senkten die Totengräber den Leinensack mit der Leiche Mozarts in ein Mehrpersonengrab. Seine Frau Constanze besuchte den Friedhof erstmals 17 Jahre später, da war das Grab schon lange aufgelassen. Niemand wusste mehr, wo Mozart lag. Außer "ein paar elenden Porträts, von denen keines dem anderen gleicht", so sein Biograf Alfred Einstein, "ist nichts Irdisches von ihm übrig geblieben".

Er ist der meistgespielte, am heißesten geliebte Komponist der Welt. Kein anderer trifft seit über 200 Jahren so viele und so unterschiedliche Menschen mit seiner Musik ins Herz. Mit Marilyn Monroe, der Superdiva und Popikone, hat Mozart nicht nur ein irrwitzig beschleunigtes Leben und den frühen Tod gemein. Wie bei ihr wächst Mozarts Ruhm immer noch, je länger sein Leben zurückliegt. Die Vergötterung setzte wenige Tage nach seinem Tod ein, als sich - nein, nicht in Wien, sondern in der St. Niklaskirche in Prag - spontan 4000 Menschen versammelten, um ihrem Idol die letzte Ehre zu erweisen. Zwei Jahre später schrieb der Preußische Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt durchsäuert: "Mozart war ein großes Genie (...). Aber das Gemozarte hat jetzt schier kein Ende."

Es wurden Mozart-Denkmäler gebaut, Mozart-Gesellschaften, Mozart-Wochen und Mozart-Festspiele gegründet und Filme gedreht mit Mozart als Musensohn und Götterliebling. Aber ihnen allen gelang nicht, was 1985 Milos Formans Film "Amadeus" schaffte: Das mit acht Oscars ausgezeichnete Epos vom hysterisch-infantilen und erotomanen Junggenie (Tom Hulce), das von seinem eifersüchtigen Rivalen Salieri vergiftet wird - dieser "Amadeus" wurde ein Kassenschlager: Noch im selben Jahr hatten 3,6 Millionen Deutsche den irre kichernden Rokokopunker, der ferkelt, furzt und Zoten reißt, in ihr Herz geschlossen.

Falco, bürgerlich Hans Hölzel und Österreichs einziger Rockstar, sattelte wenig später noch einen drauf: Sein "Rock Me Amadeus" ließ weit über Wien hinaus die Mädchen kreischen und ohnmächtig werden. Der Song verhalf dem damals 28-Jährigen zum internationalen Durchbruch - und Mozart, mitten im Bach-Jahr 1985, aus dem goldenen Käfig vornehm bestuckter Konzerthallen: Von nun an gehörte er nicht mehr allein feinsinnigen Klassikliebhabern, jetzt gehörte er allen. Darling Amadeus - Mozart King of Pop.

Ungehemmte Vermarktung, nicht nur in seiner Geburtsstadt Salzburg: "Mozart" ist ein Superbrand. Mit dem Namen werden jährlich mehr als fünf Milliarden Euro erwirtschaftet© Peter Rigaud

Es hätte ihn amüsiert, das Gewese um ihn. Er kannte das warme Gefühl im Sonnengeflecht, wenn die Fans einen auf Händen tragen. Es hätte ihn an seine "Zauberflöte" erinnert, den Wiener Riesenerfolg in Emanuel Schikaneders Volkstheater, als nicht mehr die High Society, sondern erstmals die Massen kamen. Oder an Prag, als seine Oper "Figaros Hochzeit" aufgeführt wurde. "Hier wird von nichts gesprochen als vom - figaro", schrieb Mozart an einen Freund, "nichts gespielt, geblasen, gesungen und gepfiffen als - figaro; gewis grosse Ehre für mich."

Über keinen anderen Komponisten wurde so viel geforscht, gedacht und geschrieben. Aber was wissen wir über ihn? "Je mehr man Mozart liebt, je mehr man sich mit Mozart beschäftigt", räsonierte schon Hermann Hesse, "desto rätselhafter wird seine Persönlichkeit." Nur dass seine Musik himmlisch ist, darüber gibt es keine Zweifel. Er hinterließ davon eine solche Fülle und Qualität, dass selbst nüchterne Betrachter ins Religiöse schweifen: "Ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven", sagte Richard Wagner. Der Theologe Karl Barth schrieb, dass die Engel für Gott Bach spielen, für sich selbst aber Mozart. Und Goethe hielt Mozart schlicht für "ein Wunder, das nicht weiter zu erklären ist".

Würde dieser Wolfgang Amadeus Mozart, der seiner Witwe damals 2858 Gulden Schulden hinterließ, für die Aufführungen seiner Werke heute Tantiemen beziehen, so könnte er davon ganz Österreich kaufen. Keine Oper wird häufiger gegeben als seine "Zauberflöte", 17 Prozent der verkauften Klassik in Europa ist von Mozart - Beethoven und Schubert folgen mit Abstand. Unter den weltweit bekanntesten Begriffen liegt Mozart auf Platz zwei - vor Jesus Christus und gleich nach Coca-Cola. Selbst in China kennen mehr Leute "Mozhate" als den chinesischen Staatspräsidenten.

Zuletzt hatte die Wiener Gesellschaft ihn fallen gelassen. Ihr Hätschelkind. Ihren Liebling. Warum? Als Komponist war Mozart in seinem letzten Jahr gefragter denn je: Neben Kleinerem entstanden ein Klavier- und ein Klarinettenkonzert, zwei Opern - "La Clemenza di Tito" und die "Zauberflöte" - sowie das "Requiem", über dem er starb. Denkbar ist, dass die Wiener auf Distanz gingen, weil Wolfgang Mozart das Leben zuletzt so auffällig wie unaufhaltsam entglitt - und am Ende der Mensch Mozart sich selbst.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 5/2006

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