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20. Januar 2010, 14:43 Uhr

Warum Sie sich Wedel sparen können

Fünf Gründe gegen "Gier"

Der neue TV-Zweiteiler "Gier" von Dieter Wedel" ist eine sechs Millionen Euro ist teure Produktion mit zahlreichen hochkarätigen Schauspielern. Es gibt trotzdem gute Gründe, sich vom neuen Wedel nicht wertvolle Lebenszeit rauben zu lassen. Von Carsten Heidböhmer

Mit seinem neuen TV-Zweiteiler "Gier" scheint Regisseur Dieter Wedel den Nerv der Zeit getroffen zu haben: Der Film zeigt, wie die Gier nach Geld, Macht und Anerkennung Menschen dazu treibt, Hochstaplern und Bankern geradezu blind zu vertrauen. Im Mittelpunkt steht der Finanzbetrüger Dieter Glanz (Ulrich Tukur), der eine ganze Reihe von Leuten mit traumhaften Renditeversprechen dazu gebracht hat, bei ihm Millionenbeträge anzulegen. Inspiriert ist die Geschichte von den wahren Erlebnissen des Hochstaplers Jürgen Harksen, der ab 1987 prominente "Kunden" wie Dieter Bohlen und Udo Lindenberg um Millionenbeträge prellte. Es hätte der Film zur aktuellen Lage der Nation werden können. Dass er das nicht geworden ist, liegt vor allem an fünf Gründen.

1. Der Film ist ein ermüdender Reigen von Partys, Zweifeln und Beschwichtigungen

Der Millionenbetrüger Dieter Glanz blendet die Anleger mit seinen Festen und täuscht auf diese Weise sagenhaften Reichtum vor. Das ist beim ersten Mal noch schön anzusehen und vor allem amüsant: Dieter Wedel und wie er sich die Welt der Schönen und Reichen vorstellt. Doch findet der Regisseur zu großen Gefallen an diesen Szenen. So inszeniert er den Film als einen endlosen Reigen zwischen wilden Partys, in deren Anschluss Zweifel über die Zahlungsfähigkeit von Dieter Glanz aufkommen. Dem gelingt es jedoch immer wieder, die Anleger mit seinem Charme um den Finger zu wickeln - schon knallen wieder die Champagnerkorken und die Meute wieselt um den Pool herum. So tanzt und feiert sich die Entourage einmal um den Erdball: Es geht von Hamburg über Mallorca nach London und endet schließlich in Südafrika. Dieter Glanz reist - und eine Baggage von Anlegern folgt ihm. Dass die immer nur im Rudel auftreten, führt direkt zum zweiten Punkt.

2. Ein blasses Schauspieler-Ensemble

Wedel verfügt über ein grandioses Ensemble - darunter Devid Striesow, Heinz Hoenig, Uwe Ochsenknecht, Harald Krassnitzer, Sibel Kekilli, Katharina Wackernagel und Kai Wiesinger, um nur einige zu nennen. Doch all die tollen Schauspieler kommen kaum zur Entfaltung, denn Ulrich Tukur spielt in der Rolle des Dieter Glanz alle an die Wand. Das liegt zum einen natürlich daran, dass Tukur ein brillanter Schauspieler ist. Zum anderen gewinnt die Gesellschaft der Geprellten kaum Kontur, da sie alle stets im Rudel auftreten. Devid Striesow in der Rolle des kleinen Angestellten einer Immobilienfirma hätte einzig das Zeug dazu, Tukur schauspielerisch Paroli zu bieten. Doch anstatt ihn zum ebenbürtigen Gegenspieler aufzubauen, sieht das Drehbuch für Striesow die Rolle des ewig zaudernden Hasenfußes vor.

3. Hölzerne Dialoge und unmotivierte Sexszenen

"Gier" ist gespickt mit gekünstelten Dialogsätzen, die ein Mensch im wahren Leben nie so sagen würde. Auf einer Party sagt ein Gast naiv: "Reiche sind irgendwie anders", woraufhin ein anderer erwidert: "Ja, sie haben Geld". Auf diesem Niveau sprechen die Figuren den ganzen Film über miteinander.

Ebenso unglaubwürdig sind die Personenkonstellationen. Da betrügen sich Menschen vor den Augen ihrer Ehepartner, die sich das alles stillschweigend bieten lassen. Und ausgerechnet der biedere Andy Schroth (Devid Striesow) verführt seine Schwägerin (Sibel Kekilli) unter freiem Himmel - passend zur Abgeschmacktheit dieser Szene setzt mit dem Beischlaf auch der Regen ein.

4. Der Film ist doppelt so lang wie nötig

Nichts beleidigt die Intelligenz des Zuschauers so sehr wie überflüssige Wiederholungen. Im Fall von "Gier" hat man schon nach einer halben Stunde verstanden, wie der Hase läuft - und hat dann noch zweieinhalb Stunden vor sich. Der Stoff hätte einen spannenden einstündigen Film ergeben, mit viel gutem Willen auch einen Neunzigminüter. Aber ein Zweiteiler mit 180 Minuten ist geraubte Lebenszeit.

5. Wedel hat den Anschluss an den Zeitgeist verpasst

Gleich zu Anfang der ersten Folge wird überdeutlich, wie weit Wedel, der Starregisseur der 80er und frühen 90er Jahre, sich vom Zeitgeist entfernt hat. Um vorzuführen, dass sich Dieter Glanz nur mit den prominentesten der Prominenten und den angesagtesten Stars umgibt, lässt er Frank Elstner auftreten. Ausgerechnet jenen Moderator, dessen große Zeit noch länger zurückliegt als Wedels Großtaten! Auch die Musikauswahl lässt zu Wünschen übrig. Wer schon glaubte, mit Saschas Titelsong zu "Die Affäre Semmeling" aus dem Jahr 2002 sei der Tiefpunkt erreicht, wird hier eines Besseren belehrt. Da unterhält Dieter Glanz seine Gesellschaft mit seinem Akkordeon, anschließend bringt eine Live-Band die Meute mit abgeschmacktem Disco-Pop zum Tanzen. Am schlimmsten sind jedoch die Partyszenen in Südafrika: Anouschka Renzi soll eine erfolgreiche Chansonsängerin darstellen, die ihre Songs lasziv ins Mikro haucht. Doch irgendwo zwischen Kapstadt und Hamburg ist die Erotik verloren gegangen.

KOMMENTARE (10 von 24)
 
Glaubgarnix (22.01.2010, 18:06 Uhr)
Allenfalls Niveau Vorabendprogramm
Wedels "Schattenmann" ist und bleibt für mich die beste Produktion der deutschen Fernsehgeschichte. Umso enttäuschter bin ich jetzt von der Plattheit von "Gier" und insbesondere von der Konturlosigkeit der dargestellten Charaktere . Das Thema hätte gewiss viel hergegeben, aber die langatmige Story und die einfallslose Inszenierung waren allenfalls auf dem Niveau des Vorabendprogramms. Sehr schade!
webman (22.01.2010, 12:51 Uhr)
vermögend ...
frau kladden liefert millionen in einer tiefgarage an einen hochstapler - frau schickedanz lässt ihre unternehmen von einem smarten businessman plündern und tausende vermögende menschen hängen täglich wissbegierig an den lippen ihrer vermögensberater - alle glauben an die manager des geldes - das wort kommt u.a. aus dem italienischen - maneggiare ?an der Hand führen". und so lassen sich eben viele an der hand führen - das endet eben oft mit umverteilung - die kinder der betrüger werden bei schlechter bildung dann von anderen an der hand geführt - mal sehen was nach drei generationen bei den middelhoffs übrigbleibt....dasschöne an diesem film ist doch die tatsache dass vermögende menschen oft gutgläubiger sind als andere - wer angst um sein vermögen hat traut eben meist den falschen und hat oft nicht gelernt die gefahr frühzeitig zu erkennen - misstrauen lernt man eben am besten auf der strasse als kind - und das haben klavierspielende elitekids eben nicht gelernt - später freut dies alle banker und vermögensberater - - und diese vermögende unbekümmerte gesellschaft ist mit ihren um den swimmingpool tanzenden optimistischen dümmlichkeit recht real dargestellt...
Gallagher (22.01.2010, 09:21 Uhr)
In allen Punkten
stimme ich dem Kommentator zu!
DaMa (21.01.2010, 17:24 Uhr)
Oh je
war das langweilig! Gebe dem Autoren des Artikels voll und ganz recht. Den zweiten Teil werde ich mir auf jeden Fall ersparen. Nach ungefähr 30 Minuten im ersten Teil folgte aber auch rein gar nichts Neues mehr. Soll das die Holzhammermethode für ganz Doofe sein?
Gonomic (21.01.2010, 13:24 Uhr)
Warum so negativ,...
... etwa selbst schon auf solchen Partys gewesen oder einen Dieter Glanz im Bekanntenkreis? Also ich habe den Film auf Arte gesehen und fand ihn wirklich gut. Natürlich gab es hier und da auch kleinere Schwachpunkte (z.B. Anuschka Renzi), aber dennoch hebt sich dieser Film von sämtlichen Blöd und Billig Filmproduktionen der Privaten ab. Endlich mal wieder ein Film im TV der die Bezeichnung Film auch verdient hat. Bei den Privaten schreibt man Drehbücher ja mittlerweile zwischen Kantinenbesuch und dem nächsten Gang aufs Klo. Aber das lassen wir einfach mal außen vor und machen lieber weiter fleißig Werbung für DSDS, denn das ist natürlich mehr am Zeitgeist als Dieter Wedel. Leider!
ramteid (21.01.2010, 12:48 Uhr)
Ablenkung
Ablenkung vom eigentlichen Thema, nämlich der Ursache. In ,, Gier'' werden doch nur die Leute dargestellt, die die Drecksarbeit machen, dafür erst mal gut belohnt werden und bei Schieflage zu zittern haben. Die Verursacher fallen völlig unter den Tisch bzw. werden nicht mal angedeutet. Also was solls.
Sternchen2020 (21.01.2010, 11:50 Uhr)
Zu spät und stößt auf Ablehnung
Der Film kommt zu spät und zudem stoßen uns solche Gesellschaftskreise mehr ab, denn je zuvor. Niemand will solche "Banden" dann auch noch in Filmen wieder aufgewärmt sehen, wir haben die Nase voll davon.

Problematisch ist es, dass wir scheinbar weiterhin dulden, dass solche "Eliten" bei uns das Sagen haben. Poltisch ist das vermutlich gewollt, denn sie gehen schon wieder Arm in Arm mit unserer Politiker-Kasten, die übrigens allein dasteht mit der Annahme, man könnte die gigantischen Zuwendungen durch uns Steuerzahler irgendwie tolerieren. Da Genteil ist der Fall und es wird sich rächen. Früher oder später!
mid63 (21.01.2010, 11:43 Uhr)
Vor lauter stereotypen Platitüden habe ...
.. ich den neuen Wedel-Zweiteiler, als er auf Arte lief, nach ca. 30 Minuten gelangweilt ausgestellt. Für meinen Geschmack merkt man zu deutlich, dass Dieter Wedel seine eigenen negativen Erfahrungen zur rentablen Geldanlage zu verarbeiten hat. "Thema zur Zeit populär, aber in der Umsetzung grandios verfehlt" lautet daher mein Kommentar.

Filme wie dieser werden die Pilotenspiele zur Geldvermehrung auch in Zukunft nicht vermeiden helfen - Gier frisst eben immer Hirn! Wie der dann aktuelle "Geldmessias" sich auch immer nennen mag, ist völlig belanglos. Die kommen und gehen wie die Wolken am Himmel.
rynaldo (21.01.2010, 11:19 Uhr)
Was soll das
... es gibt auch 250 Gründe "Avatar" nicht zu sehen oder es gibt sinnvolleres als ein Stück von "Madonna" anzuhören oder im Stern über die neue Folge von DSDS zu lesen.
Die Hamburger scheinen mit dem Film besonders viele Probleme zu haben, vielleicht sind sie besser beschrieben, als sie zugebe möchten.
KlausK3 (20.01.2010, 21:11 Uhr)
deprimnierend
dieser Film ist wirklich indiskutabel schlecht. Viel zu laut, mieserabel gespielt, auch Tukur weit unter seinem Niveau. Das Drehbuch, die Musik, reines Kasperle-Theater, eine Schmonzette. Die Kritik ist noch sehr milde. Vollends deprimierend ist, dass es tatsächlich Leute (z.B. hier im Forum) gibt, die das gar nicht mehr beurteilen können. Bastei-Lübbeheft Niveau wird nicht mehr als solches erkannt. Der falsche Schein wird für echt genommen. Das Fernsehen hat seinen Zuschauer zum Konsumenten herangezogen, dem jedes Beurteilungsvermögen abhanden gekommen ist. Das Fernsehen wird Sekundärmedium und Rummelplatz. Wenn man sich an Gummibärchen überfressen will, von mir aus, aber dafür auch noch unfreiwillig zu bezahlen ist eine unverschämtheit!!!
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