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9. Juni 2007, 09:00 Uhr

End­lo­se Va­ria­tio­nen von "nett"

Niemand moderiert mehr Fernsehshows als Jörg Pilawa, die Allzweck­waffe der ARD. Er ist immer solide, immer freundlich - und der Lieb­ling aller Schwiegermütter. Wie hält der Mann das aus? Von Till Raether

Im Geschäft: Anzugprobe bei "Herrensache" in Hamburg - Pilawa ist Mitbesitzer des Ladens© Volker Hinz

Jedes Jahr erklärt Jörg Pi­lawa, in Zu­­kunft werde es weni­ger Pi­lawa im Fernsehen geben. Im vergangenen Jahr hat er 230 Sendungen mo­deriert, viel mehr als Stefan Raab, Günther Jauch oder Jo­­hannes B. Kerner. Er hat, was noch erschreckender klingt, mehr Sendungen mo­­deriert als Harald Schmidt, Reinhold Beckmann, Sabi­­ne Christi­ansen und May­­brit Illner zu­sammen. Für das lau­fende Jahr hat er den festen Vorsatz, etwa 10 bis 20 Sendungen weni­­ger zu machen: "Das heißt, ich bin dann irgendwann eindeu­tig unter 200 Sendungen, und das ist im Vergleich zu einst 270 oder 280 Sendungen im Jahr schon eine Stei­gerung der Lebensquali­tät." Hiermit meint Pi­lawa die Stei­gerung sei­ner ei­genen Lebensquali­tät, nicht die der Fernsehzu­schau­er.

Wie wir Jörg Pi­lawa wahrnehmen, hängt davon ab, wie wir fernsehen. Wer seinen Fernsehabend mit der Pro­grammzeitschrift plant, wird, so­fern er nicht Show- oder Quizfan ist, niemals in sei­nem Leben Jörg Pi­lawa sehen. Wer aber einfach mal schaut, was so läuft, der wird Jörg Pi­lawa immer und überall sehen; ja, irgendwann wird er das Gefühl haben, es gäbe im Fernsehen ei­gentlich niemand mehr au­ßer Jörg Pi­lawa. Denn Jörg Pi­lawa, 41, mo­deriert, seit er 2001 von Sat 1 kam, in der ARD nicht nur dienstags bis frei­tags im Vorabendpro­gramm "Das Quiz mit Jörg Pi­lawa", sondern auch noch regelmäßig das "Star Quiz" und die "NDR-Talkshow". Und zu­sätzlich alles Mögli­che: vom "Star-Bi­athlon" über den "Pisa-Test", "Ernährungstest", "Erziehungstest" und "Partnerschaftstest" bis zur gro­ßen Samstagabendshow "Frag doch mal die Maus".

"Ich find's nett, nett zu sein"

Fast alle diese Sen­dun­gen sind recht oder sehr erfolgreich: Wenn Pi­lawa rou­ti­nemäßig ein "Star Quiz" am Donnerstagabend lenkt, schau­en mehr Menschen zu, als wenn Flo­ri­an Silberei­sen mit größtmögli­cher Medienbeglei­tung am Samstagabend "Am lau­fenden Band" reani­miert. Pi­lawas Frau Iri­na sagt, er habe ei­nen Sprachfehler: Er könne nicht "Nein" sagen. Viele Menschen stört dieser Sprachfehler nicht, denn sie mögen Pi­lawa sehr, in Umfragen ist er oft der beliebteste Fernsehmo­derator nach Günther Jauch und Tho­mas Gottschalk, die ewi­ge Nummer drei unter den gro­ßen Fernsehjungs. Andererseits: Weil er so viel mo­deriert und weil er dies immer auf die glei­che freundli­che, rou­ti­nierte Art tut, finden ihn andere sehr glatt und langwei­lig. Pilawas Image besteht im Grunde nur aus endlo­sen Variatio­nen des Attri­buts "nett" - von "der nette Herr Pi­lawa" ("Bild am Sonntag") bis "der gro­ße Blonde mit dem netten Lächeln" ("TZ"). Pi­lawa hat sich zu dieser Sachlage in der Talkshow sei­nes Kollegen Reinhold Beckmann einmal abschließend geäu­ßert, indem er feststellte: "Ich find's nett, nett zu sein." Aber "nett" heißt auch: langwei­lig, harmlos. "Bild"-Au­tor Franz Jo­sef Wagner (die offene Ho­se unter Deutschlands Zei­tungsko­lumnisten) hat ihn mal ei­nen "anpasseri­schen, uninteressierten Menschen bar jeder Neu­gier" genannt.

In Vorbereitung: Julia Westlake und Jörg Pilawa, das Gastgeber-Duo der "NDR-Talkshow"© Volker Hinz

"Das ist ein Phäno­men, das mich begleitet, seit ich diesen Job mache: die Frage, wo sind denn jetzt sei­ne Ecken, sei­ne Kanten, was ist er denn ei­gentlich?", sagt Pi­lawa. "Aber was sollte mein Pro­fil sein bei der Flut von Sendungen, die ich mache und gemacht habe? Als ich damals bei Sat 1 anfing, hieß es immer: Jetzt haben die Kai Pflau­me in Blond. Als ich eine tägli­che Talkshow bekam, hieß es: Oh, das soll wohl der neue Jo­hannes B. Kerner sein. Als ich mit Abendmo­deratio­nen begann, hieß es: Da kommt der Gottschalk von morgen. Und so wei­ter, der neue Jauch, der neue dies, der neue das. Ich bin mit jedem Kollegen schon mal charmant vergli­­chen worden, und heu­te sage ich: Was Besseres kann dir doch gar nicht passieren."

Pi­lawa ist der einzi­ge sehr bekannte, sehr po­pu­läre Mo­derator ohne Mehrwert. "Das Besondere an ihm ist, dass an ihm nichts Besonderes ist", schrieb die "FAZ". Kein Wunder, dass er immer wieder festgelegt wird auf ein einzi­ges Kli­schee. Über dieses Kli­schee sagt er: "Was die ewi­gen Attri­bu­te wie 'Sonny­boy' und 'Schwiegersohntyp' angeht: Zum Teil sind das einfach au­thenti­sche Sei­ten von mir. Und zum Teil stehen diese Attri­bu­te vielleicht auch für etwas Unnahbares. Das heißt, sie erlauben mir eine gewisse Distanz, und die ist für mich wichtig. Da bin ich Egoist genug, um zu sagen: Das brauche ich für mich."

Er hinterlässt nicht einmal ein Vakuum

Wer Jörg Pi­lawa eine Wei­le bei der Arbeit beobachtet, stellt fest, dass er paradoxerwei­se, trotz sei­ner All­gegenwart, ein Meister im Verschwinden ist. Er hat eine ungewöhnli­che Begabung, mittendrin zu sein und sich dennoch zu entziehen. Nach ei­ner Auf­zeichnung der "NDR-Talkshow" gibt es in ei­nem schmucklosen Auf­enthaltsraum für die Gäste der Sendung, ihre Beglei­tung und die Redakti­on eine Art Af­tershow-Party ohne Musik, mit Bier und Wein und warmem Essen. Jörg Pi­lawa, gemeinsam mit NDR-Moderatorin Julia Westlake der Gastgeber, spricht mit dem Redakti­onslei­ter, scherzt mit Schauspielern wie Robert Stadlober oder Jutta Speidel, redet ein paar Takte mit Schlagersängerin Mi­chel­le über Kindererziehung, empfiehlt der Komi­kerin Mirja Boes etwas vom Büfett - aber im Gegensatz zu al­len anderen trägt er bereits sei­nen Mantel. In der ei­nen Hand ein halb vol­les Bierglas, das nicht leerer werden wil, in der anderen ein paar Unterlagen für zu Hause. Er kreist vielleicht fünf Mi­nuten durch den Raum, ist voll da, herzlich, zugewandt, lebhaft. In dem Moment aber, wo er gegangen ist, scheint es, als wäre er nie hier gewesen. Er hinterlässt nicht einmal ein Vakuum, so gut ist er darin, sich zu entziehen.

Pi­lawa geht früh, weil er gern früh nach Hause kommt. Er wohnt mit sei­ner Frau Iri­na und den Kindern Emmy und Juri in Bergedorf, ei­nem ruhi­gen, unprätentiösen Stadtteil im Osten von Hamburg (er hat ei­nen wei­teren Sohn, Finn, aus sei­ner vorheri­gen Ehe). Und er geht früh, weil er so viel Abstand zur Medien- und Promi-Welt hal­ten möchte, wie es in sei­ner Lage eben möglich ist. Er sagt: "Es gibt viele nette Kollegen, aber pri­vat habe ich mich noch nie mit ei­nem getrof­fen. Noch nie. Zwi­schen mei­nem Pri­vatleben und mei­nem Beruf gibt es überhaupt kei­ne Überschnei­dungen. Kann sein, dass ich mal eine SMS schrei­be: Mensch, tol­le Quote, super Sendung, aber das war’s dann auch." Pi­la­wa hat in sei­­ner Branche ei­nen steti­gen Auf­stieg erlebt. Vom frühen und sehr erfolgrei­chen Pri­vatsender "Radio Schleswig-Hol­stein" kam er mit Ende 20 zu Sat 1, war dort Nachrichtenredakteur bei "Ran" und moderierte das Sat-1-Regional­programm für den Norden. Bekannt wurde er durch sei­ne tägli­che Talkshow, die von 1998 bis 2000 auf Sat 1 lief.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 23/2007

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