Das Ende für Harald Schmidt bei Sat.1 markiert keine fernseh-historische Zäsur, nur eine sanfte Verabschiedung das Niemandsland des Pay-TV. Dennoch ist es ein Abschied - aber wovon eigentlich? Von Bernd Gäbler

Ab Herbst teilt Harald Schmidt beim Bezahlsender Sky aus© Britta Pedersen/DPA
Harald Schmidt tingelt also weiter. Von Sat.1 kam er zur ARD und ging wieder zurück - und jetzt zieht es ihn zum Bezahlsender Sky, zum "Himmel auf Erden", wie er den Wechsel kommentiert. Man könnte auch sagen: Es ist ein Abschied auf Raten, weg von der allgemeinen Öffentlichkeit hin zu einer exklusiven.
Auch das ist schade. So ist das Ende seiner Late Night bei Sat.1 am heutigen Donnerstag zwar nicht das Datum einer fernseh-historischen Zäsur, kein schmerzhafter Einschnitt, der zu wehmütiger Erinnerung einlädt, aber doch eine Veränderung, über die es lohnt nachzudenken.
Es geht nicht um Sympathien. Ob der Mensch Harald Schmidt ein "fauler Diktator" ist, wie ihm nun nachgerufen wird, ein unangenehmer Zeitgenosse oder einfach ein Profi - das ist ziemlich egal. Es geht um die TV-Figur, um "Dirty Harry", um das, was er im und für das Fernsehen geleistet hat. Aalglatt menschelnde Homestory-Schmiergeschichten hat Harald Schmidt nie mitgemacht. Er hat sich den Betrieb, in dem er fast alles mitmachte, privat vom Halse gehalten.
Zunächst einmal ist mit dem 3. Mai eins offensichtlich: es ist de facto das Ende des Formats "Late-Night-Show" im Massenmedium deutsches Fernsehen. Einst wurde es aus den USA hierhin implantiert. Es gab viele Versuche (Gottschalk, Koschwitz), einiges Scheitern (Anke Engelke, Pocher) und ein paar Adepten (Stuckrad-Barre) - die eigentliche Referenzgröße für diese Showform ist und bleibt aber Harald Schmidt. Die Form ist anspruchsvoll, weil sie besonders vielfältig ist. Stand-up, Schlagfertigkeit, kuriose Rubriken, Pointensicherheit zum aktuellen Geschehen, Kenntnis auf vielen Gebieten und permanente Selbstbespiegelung der Medien wollen erst einmal so kombiniert werden, dass daraus ein organisches Ganzes entsteht - zusammengehalten von einer starken, raumfüllenden Persönlichkeit. Schmidt hat das gekonnt. Er hat mehr gemacht, als das amerikanische Vorbild abzukupfern. Er hat die Late Night nach seinen Maßstäben entwickelt und in Deutschland eingemeindet.
Zunächst war Harald Schmidt mit üblen Polenwitzen und deftigen Zoten deswegen so verstörend, weil er damit einen radikalen Schnitt setzte gegenüber allen Normen des politischen Kabaretts und der Satire, wie sie bis dahin im deutschen Fernsehen üblich war. Satiriker und Kabarettisten wirkten wie eine Art mediale linksliberale politische Opposition. Nun war Schluss mit politischer Korrektheit. Es schlug die Stunde der ironischen Affirmation: "Ja zu deutschem Wasser!", "Ja zur Zukunft!" mit Dr. Udo Brömme. Da waren "Die dicken Kinder von Landau" und die "Weisheiten des Konfuzius". Böse neue Töne gegen Kollegen waren zu hören und dreiste Gemeinheiten. Viele glaubten und glauben auch heute noch, es sei treffend Harald Schmidt deswegen als "Oberzyniker der Nation" zu bezeichnen. Aber das ist es nicht. Schmidt wollte sich vor allem absetzen vom Moralisieren mit kleiner Münze, vom billigen Erfolg. Er durchschaut, was abstoßend ist an handelsüblicher Anbiederung. Er glaubt keiner Moral, die nicht auch ästhetisch ist.
Deswegen hat Harald Schmidt, der als Schauspieler in Helmut Dietls Mediensatire "Late Show" ebenso mitwirkte wie in einer wunderbaren "Warten auf Godot"-Inszenierung in Bochum, immer wieder - oft mit den Mitteln des Theaters - die Medien selbst satirisch bespielt. Er hat das "Literarische Quartett" ebenso parodiert wie Guido Knopp oder Coaching-Shows. Regelmäßig wurde ein "Liebling des Monats" gewählt und Harald Schmidt erlaubte es sich, die doch angeblich so kostbare Sendezeit mit endlos austrudelnden Kreiseln zu verplempern, mit dem Rücken zum Publikum zu moderieren, eine komplette Sendung auf französisch zu bestreiten - und: Er hat sogar das Licht ausgemacht. Nur er konnte sich das leisten, der immer wieder vorzeigte, wie der Laden funktioniert: die Pappen mit den aufgeschriebenen Witzen ebenso vorzeigte wie die Tatsache, dass die Sendung, auch wenn sie "live" tat, längst vorher aufgezeichnet worden war. So machte er die Zuschauer zu Mitwissern. Das ist sein eigentliches Distinktionsmerkmal, der Unterschied, die Besonderheit.