29. Oktober 2007, 12:16 Uhr

Weinpapst auf der Anklagebank

Hat er Weine befreundeter Großhändler besonders freundlich bewertet? Robert Parker gilt als bekanntester Weinkritiker, dessen Urteil den Preis einer Flasche vervielfachen kann. Doch nun wirft seine ehemalige Mitarbeiterin Hanna Agostini ihm Schlamperei und Vetternwirtschaft vor. Von Tilman Müller und Jörg Zipprick

Steckt seine Nase vielleicht nicht in so viele Gläser wie er behauptet: Robert Parker©

Einen etwas merkwürdigen Nachgeschmack hatten diese Degustationen schon immer. Da kommt ein ehemaliger Anwalt aus den USA zur Stippvisite nach Bordeaux, nippt an bis zu 90 Gläsern pro Tag, entschwebt bald wieder in sein 1759-Seelen-Dorf nach Maryland und bestimmt dort das Preisgefüge des besten und teuersten Weinbaugebiets der Welt.

Robert Parker heißt der Mann, seit Jahren der unbestrittene Weinpapst. Auf sein Urteil hören Winzer, Händler und Kunden. Ist eine Bouteille erstmal in den Guides und Newslettern des Meisters "parkerisiert", gehen die Preise an die Decke. Schon die bloße Erwähnung eines Weinguts bringt nach einer Studie des Pariser Instituts für Agrarforschung bereits im Großhandel bis zu 14 Euro mehr pro Flasche; an der Ladenkasse sind das schnell 30 Euro.

Parker, 60, dessen Nase mit einer Million Dollar versichert ist, taxiert seine Weine auf einer 100-Punkte-Skala. Unbestechlichkeit des Urteils, Unabhängigkeit von Handel und Winzern - diese Tugenden stellte der Amerikaner über alles, als er vor mehr 30 Jahren seine kometenhafte Weintester-Karriere begann. "Von Stockholm bis Singapur" könne er "die Reputation eines jedes Weines beeinflussen", tönte der Guru einmal in einer Talkshow.

Authorität schwer erschüttert

Oft schon wurde an Parkers Meinungs-Monopol herumgemäkelt, meistens von Neidern. Doch nun wird dem Vorkoster kräftig ins Glas gespuckt, von der Französin Hanna Agostini, die bis 2003 zu seinem innersten Zirkel gehörte und vorige Woche mit ihrem Enthüllungsbuch "Robert Parker - Anatomie eines Mythos"* das Vertrauen in seine Seriosität schwer erschütterte. "Nur sieben Tage pro Jahr" verbringe ihr ehemaliger Chef in Frankreich, so die Autorin, die jahrelang in seinen Diensten stand, "Parkers Verkostungen bereiten nicht etwa unabhängige Experten oder bezahlte Mitarbeiter vor, sondern Großhändler aus seinem Freundeskreis." Agostini nennt Namen: Dominique Renard, Jeffrey Davies, Bill Blatch oder Archibald Johnston sowie der weltberühmte Wein-Consultant Michel Rolland, der sich als "Flying Winemaker" preist.

Allein der Bordelaiser Grossist Johnston, der Weine in alle Welt verschifft, macht 19 Millionen Euro Jahresumsatz. Sein ebenfalls in Bordeaux ansässiger Kollege Renard ist Geschäftspartner des landesweit bekannten Winzers Jean-François Moueix, zu dessen Imperium neben "Pétrus", einem der teuersten Weingüter der Welt Handelshäuser wie Duclot (Gesellschaftskapital 10 Millionen Euro) gehören. "Die Großhändler", sagt Agostini, "stellen Parker in der Regel Weine aus ihrem Sortiment vor" - ein Art Insidergeschäft, denn sie profitieren von der Wertsteigerung durch das Parker-Urteil.

Schon vor der Abfüllung gut bewertet

Ein Sonderfall ist Berater Rolland, der den Winzern seit Jahren beibringt, wie man Weine auf Parkers bevorzugte Geschmacksrichtung trimmt. "Rolland gibt die Freundschaft zu Parker zu", erklärt Agostini, "doch Parker leugnet seine Beziehungen zur Weinwelt." Zudem seien ihrem Ex-Chef immer wieder Schludrigkeiten unterlaufen. So habe er die "Domaine de Jaugaret" in seinem Guide als bemerkenswert eingestuft, ihr aber mitgeteilt, den Wein kenne er nicht; der "Château Jander" sei ohne jede Verkostung als "gut" beurteilt worden. Der "Latour-Martillac 1988" habe im November jenes Jahres, als er noch gar nicht in der Flasche war, die Note 90 bekommen - 17 Jahre lang habe sich diese Bewertung und der ursprünglichen Kommentar "noch immer superb" unverändert in seinem Weinführer gehalten.

Auf Anfrage von stern.de wollte sich Parker nicht zu den Vorwürfen äußern. Seine Anhänger indes verurteilen das Buch auf Parkers Website als eine "Vendetta im Weinberg" und weisen auf eine Schwachstelle in Agostinis Vita hin: Sie hatte bis 2003 auch die belgische Spirituosengruppe "Geens" beraten und habe dafür angeblich Rechnungen auf Briefpapier von Parkers "Wine Advocate" geschrieben. Agostini zu stern: "Das waren gefälschte Papiere, um mir zu schaden - ich habe stets in eigenem Namen abgerechnet."

Der Winzer Alain Raynaud, ein Parker-Intimus und in Agostinis Buch eine zentrale Figur, hat vorige Woche versucht, die Veröffentlichung in letzter Minute zu stoppen. Doch das Tribunal von Libourne schlug die Klage vergangenen Freitag nieder. Raynaud musste vor Gericht zugeben, Parker zur Verkostung seiner Weine ins Luxusrestaurant "Les Loges de l'Aubergade" in Puymirol eingeladen zu haben. Und Frau Agostini darf weiter behaupten, dass "Parker der Patenonkel von Raynauds Tochter Marie ist".

Robert Parker - Anatomie d'un mythe

Robert Parker - Anatomie d'un mythe Harte Vorwürfe erhebt Parkers ehemalige Mitarbeiterin Hanna Agostini gegen ihren Chef, nachzulesen in "Robert Parker - Anatomie d'un mythe" erschienen bei Scali, Paris 2007. 23 Euro

 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
weinspitz (30.10.2007, 11:57 Uhr)
Das ist doch Schmarrn...
Jedem, der es irgendwann geschafft hat, mit einer Idee erfolgreich zu sein, wird irgendwann an den Karren gefahren. Meist von irgendwelchen Ex-Mitarbeitern oder Ex-Freunden.
Parker ist nach wie vor einer der seriösesten und besten Verkoster. Einen Grossteil seiner Verkostungen erledigen seit Jahren Mitarbeiter von ihm. Und länger als sieben Tage ist auch kein anderer Weinverkoster in Bordeaux, weil man in dieser Zeit ALLE namhaften Bordeaux zu verkosten bekommt. Jedes Jahr zur En Primeur-Woche Anfang April.
Der Artikel ist leider nichts anderes als Parker-Bashing, da in letzter Zeit modern geworden ist. Mit sachlich fundierter Arbeit, wie sie Parker und seine Leute leisten ist das leider nicht vergleichbar.
bernie-abg (29.10.2007, 19:54 Uhr)
Warum sollte es bei...
...Weinen anders sein als bei Anlageberatern? (siehe die Hypothekenkrise).
Das große Geld gibts doch nur durch Vetternwirtschaft.
Es ist zum WEINen.
amapola (29.10.2007, 18:19 Uhr)
Es ist schon erstaunlich...
...dass sich Menschen, die, so sollte man annehmen, mit einer guten Portion Intelligenz ausgestattet sind und einen entsprechend gut dotierten Job bekleiden, wenn es um Wein geht, an der Nase herumführen lassen.
Ohne jeden kritischen Gedanken wird da einem selbsternannten Weinpapst hinterher gerannt und die teuerste Plörre gekauft, nur weil der "Meister" ihn für gut befand.
Selbst dann, wenn man die Brühe lieber ausspucken möchte. Aber die Freunde und Bekannten würden einem einen eigenen Geschmack nie verzeihen.
Schön blöd, schade um die Kohle.
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