Die Mutter unterstützt sie, zunächst. Doch als Isabelle fast nichts mehr isst, erzählt sie es ihrer Schwester, die von Magersucht spricht. "Magersüchtige können nichts essen, Isabelle will nichts essen", urteilt sie indes. Doch irgendwann öffnet sie die Tür des Gefängnisses einen kleinen Spalt breit, "aus Angst", so Caro. "Sie dachte sich: Wenn ich Sport mache, werde ich essen." Isabelle darf zum Ballett gehen und nimmt Eislaufunterricht, Violine spielt sie jetzt im Konservatorium und nicht mehr allein zu Haus.
Und sie isst, nicht viel, aber gerade genug. Für zwei Sportarten ist sie zu schwach, also gibt sie das Ballett auf. Manchmal, "ein- bis zweimal im Jahr", lädt sie Freundinnen zu sich nach Hause ein. Ihr Leben ist immer noch sonderbar, aber nicht mehr völlig anders als das der anderen.
Alles, was sie macht, macht Isabelle gründlich, wie die meisten Magersüchtigen. Sie spielt Geige bis zur Konzertreife, sie läuft Schlittschuh bis zur Perfektion, sie schafft ohne Mühe ihr Abitur, sie macht ihren Magister in Theaterwissenschaften. Ihre Abschlussarbeit schreibt sie über ihr Idol Isabelle Huppert; ihretwegen lässt sie sich die Haare rotblond färben und Sommersprossen tätowieren, eine verstörende Hommage an den fernen Star. Sie nimmt Schauspielunterricht am berühmten Pariser Cours Florent. "Auf der Bühne vergesse ich alles, ich bin nicht mehr ich, ich bin befreit." Allerdings bietet man ihr selten Rollen an, und wenn, dann soll sie Drogensüchtige oder Kranke spielen.
Denn am gründlichsten hungert sie, sie hungert sich ganz nah heran an den Tod, eisern und unbeirrt. Ihr Körper wird zum Kadaver, ein Triumph des Willens über die Natur, über die Zeit, über die Mutter. Die muss ihre Tochter im Rollstuhl an die Uni schieben, wenn sie sich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Als sie das erzählt, hat Caro einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, als habe sie es genossen, das knöcherne Symbol des Versagens dieser Frau zu sein.
Mit ihrer Mutter kann sie nicht leben und ohne sie schon gar nicht. Immer wieder landet Caro im Krankenhaus, sie hasst es dort. "Man wird isoliert, ich war mein ganzes Leben lang isoliert. Man bekommt eine Sonde in den Magen geschoben. Man wird mit grässlichem Essen vollgestopft wie eine Mastgans. Man wird gezwungen zuzunehmen. Und kaum wird man entlassen, nimmt man alles wieder ab. Jedenfalls war das bei mir so."
Die Zwanghafte hasst den Zwang. Sie ist ein kapriziöser Tyrann, das gehört zu ihrer paradoxen Pathologie. Und wie alle Tyrannen ist sie nicht glücklich, weil sie ständig den Machtverlust fürchtet. Sie weiß das. "Magersüchtige denken, dass sie alles kontrollieren, obwohl sie die Kontrolle längst verloren haben", sagt sie.
Irgendwann wiegt Caro nur noch 25 Kilo. Vor anderthalb Jahren wacht sie in einem Krankenhaus auf. Vier Tage lang lag sie im Koma - dass sie überlebt hat, grenzt an ein Wunder. "Ich habe den Tod gesehen und Angst bekommen. Und seither habe ich beschlossen, gesund zu werden."
Caro verlässt ihre Mutter und zieht fast 1000 Kilometer weit weg, nach Marseille. Sie sagt, dass sie regelmäßig zum Psychiater geht und einmal im Monat zum Kardiologen. Von den wöchentlichen Blutproben zeugen riesige blaue Flecken auf ihren dürren Armen. Aber gesund ist sie nicht. "Nein", sagt sie. "Aber ich bin auf dem Weg. Vor allem darf ich nicht abnehmen." Sollte sie nicht vor allem zunehmen? "Sicher", sagt sie und bestellt noch eine warme Milch, sie demonstriert gute Absichten. Während sie auf den Kellner wartet, versagt plötzlich ihre Stimme, "alles tut so weh", flüstert sie. Und fügt übergangslos und ohne jede Überzeugung hinzu: "Man kann sich retten, wenn man es will, wenn man das Leben liebt. Denn das Leben ist zwar unendlich schmerzhaft, aber auch wirklich schön."
Als die Milch gekommen ist, spricht sie vom Essen. "Ich koste jetzt alles, außer Reis und Kartoffeln, das kann ich einfach nicht." Am liebsten mag sie Sashimi. "Ich koche auch gerne, besonders für andere, zum Beispiel Dorade mit Fenchelgemüse", sagt sie. Doch im Verlauf des Gesprächs wird klar, dass es diese anderen nicht gibt und auch die Dorade nie zubereitet wird. "In Marseille hat ein Jahr lang niemand mit mir gesprochen. Ich traute mich lange nicht aus dem Haus, weil ich die Blicke der Menschen nicht ertragen konnte, weil ich ihre Kommentare nicht hören wollte. ‚Was hat die denn hier zu suchen? Die gehört ins Krankenhaus.‘ Ich wurde aus Cafés hinauskomplimentiert, und als ich zu Silvester in eine Disco gehen wollte, hat man mich nicht reingelassen." Sie sagt, es gebe einen Mann in ihrem Leben, "doch das ist kompliziert. Ich bin sehr alleine".
Im Juni nimmt sie an einer Sendung im französischen Fernsehen über Magersüchtige teil, und seither grüßen sie ihre Nachbarn. Dann wird sie von Toscani gecastet, und im September hängt ihr ausgemergelter Leib überlebensgroß an den Häuserwänden von Mailand. Sie reist ihren Bildern hinterher. "Niemand hatte auf sie gewartet", sagt Toscani, der sich weigert, sie zu treffen. Als sie die Firma Nolita darum bittet, sie mit Kleidern auszustatten, sorgt der Fotograf dafür, dass man ihr Größe 38 schickt. "Sie wollte Model spielen, und meine Botschaft an sie war: Models sollen nicht magersüchtig sein, sondern normal, 38 ist eine normale Größe." Logisch und grausam. Caro hat Größe 32, und selbst die ist ihr viel zu weit.
Sie steckt das weg, denn "durch Toscani hat sich mein Leben völlig verändert". Caro steht jetzt im Rampenlicht und findet, dass dies genau der richtige Platz für sie ist. Sie nimmt sich einen Anwalt, sie wünscht sich einen Agenten, sie kontrolliert jedes Foto, das von ihr gemacht wird, sie will demnächst ein Buch schreiben, sie will einen Film drehen, sie will wieder auf die Bühne. "Ich werde jetzt akzeptiert, so wie ich bin", sagt sie. Und das ist das Entsetzliche. Denn nur, wenn sie nicht so bleibt, wie sie ist, kann sie gesund werden, aber wenn sie gesund wird, vergeht ihr kranker Ruhm.
So dreht sie unablässig am Karussell: Sie erzählt alles, zeigt alles, ihr Exhibitionismus kennt keine Grenzen. "Ich musste mich jahrelang verstecken", rechtfertigt sie sich.
Was man nicht im Fernsehen sieht, sieht man auf ihren Blogs: Isabelle in der Badewanne, Isabelle im Bikini, Isabelle in Shorts. Dafür bekommt sie Mails voller Bewunderung - für ihre Kraft, ihre Mission, aber auch für ihre Figur. "Du bist dünn, aber nicht zu dünn", schreibt eine Mette, und eine Geneviève findet sie "süß".
Inzwischen ist sie längst die heimliche Heldin der "pro-Ana"-Foren geworden, in denen kranke Frauen ihre Magersucht glorifizieren und sich gegenseitig Tipps zum Kotzen geben, garniert mit Fotos, die denen von Toscani in nichts nachstehen. Was die einen abstößt, halten andere für göttlich: Todeslager-Glamour.
Auf Caros Blog prangt immer mal wieder eine Werbung für Diätpillen - "Für immer schlank!" - , auf der Website von Nolita ist Isabelles Leidensleib nur einen Mausklick entfernt von einem schlanken Model, das die Kleider der Firma vorführt. Gleichzeitig tönt Toscani: "Hinter den Kulissen der Mode lauert der Tod."
Falls seine Kampagne tatsächlich eine Botschaft hat, so ist sie verwirrend bis zur Obszönität. Der französische Autor Jean- Philippe de Tonnac, der in seiner Jugend selbst unter Anorexie litt, bescheinigt sowohl Toscani als auch Caro "zweideutige Naivität. Entweder richtet sich die Kampagne an all jene, die bereits krank sind oder im Begriff, es zu werden. Sie werden sich nicht durch die so hehren Motive des Fotografen und seines Models von ihrem Weg abbringen lassen. Oder sie richtet sich an Jugendliche, an Eltern, ans Krankenhauspersonal, um sie aufmerksam zu machen auf ein Übel, dessen Folgen durch den fleischlosen Körper Caros illustriert werden. Aber Anorexie ist nicht ansteckend, sondern steckt tief in der Geschichte des Kranken. Diese Reklame bedient nur die Verlogenheit, mit der über den mageren Leib gesprochen wird, während er zugleich von der Mode in Szene gesetzt wird".
In Frankreich wurde die Toscani-Reklame nicht gezeigt; sie "drohe die Menschenwürde zu verletzen", hieß es in der Begründung der Behörde für Werbekontrolle. Caro findet das "völlig unverständlich. Man muss der Realität ins Auge sehen". Aber welcher Realität?
Die Realität, das ist sie, die ihren Koffer nicht tragen kann. Die sagt, dass CBS ihr angeboten hat, eine Freundin nach New York mitzunehmen, "aber mir fiel niemand ein". Die einen bittet, sie ins nächste Hotel zu bringen, wo sie eine weitere Nacht alleine vor ihrem Computer verbringen wird. Die keine Kraft hat, die Tür zu ihrem Zimmer zu öffnen, die schwer hinter ihr ins Schloss fällt. Und die zugrunde geht an dem Einzigen, was sie hat: Anorexie.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 44/2007