Beginn des Artikels
Was macht eigentlich ...
... Andrea Fischer?
© Thorsten Futh
Andrea Fischer, 48, im Manstein, ihrem Lieblingscafé in Berlin. Das Bundestagsgeschäft berührt sie heute nur noch bei der Zeitungslektüre
Unter Gerhard Schröder arbeitete die Grünen-Politikerin zwei
Jahre lang als Ministerin für Gesundheit und große Emotionen.
2001 beendete sie nach dem BSE-Chaos ihre Karriere.
Frau Fischer, wie geht's Ihnen?
Wunderbar, vielen Dank. Ich bin
gerade mit meinem Leben total
zufrieden - alles bestens.
Das freut uns. Früher hätten Sie uns
geantwortet: Das geht Sie nix an.
Tut es ja auch nicht. Als Politiker ist man
gut beraten, sich privat sehr bedeckt zu
halten. Wir sind schließlich nicht als Showstars
gewählt. Bei mir im Speziellen gab es
außerdem immer die Erwartung, dass ich
als Frohnatur nur so sprudeln und alles
preisgeben müsste.
Nur ab und zu ein kleiner Zornesausbruch
oder ein Heulkrampf…
Dazu sage ich jetzt mal nichts. Ich bin
schließlich viel älter und weiser geworden.
Richtig. Was macht die Ministerrente?
Die wartet darauf, dass ich wirklich alt
werde. Seien Sie nicht so uncharmant!
Zur Person
Andrea Fischer wurde 1960 in Arnsberg, Sauerland, geboren. In Berlin lernte sie Offsetdruckerin, später studierte sie Volkswirtschaftslehre. Seit 1985 Mitglied der Grünen, wurde sie 1994 in den Bundestag gewählt und übernahm 1998 unter Gerhard Schröder das Gesundheitsministerium. Ein Jahr später scheiterte ihr Entwurf zur Gesundheitsreform im Bundesrat. Am 9. Januar 2001 erklärte sie wegen der BSE-Krise ihren Rücktritt und wurde von den Grünen nicht mehr auf die Liste zur Bundestagswahl gesetzt. Andrea Fischer ist geschieden und lebt in Berlin.
Okay. Thema Gesundheitsreform der Großen
Koalition…
Kein Kommentar! Das ist wie im Fußball:
Ich bin vom Platz gestellt worden und gebe
jetzt nicht ständig meinen Senf vom
Spielfeldrand ab. Das unterscheidet mich
von Franz Beckenbauer oder Norbert
Blüm.
Es juckt Sie nicht, sich einzumischen?
Überhaupt nicht. Ich hatte meine 15 Minuten
Ruhm. Und ich glaube auch nicht,
dass ich wirklich fehle.
Sie haben ja auch zweimal ordentlich vor den
Latz bekommen.
Eben. Und das war doch
eine deutliche Botschaft.
Es ist das selbstverständliche
Recht einer Partei,
sich gegen einen Politiker
zu entscheiden. Ich
habe die Botschaft verstanden
und bin gegangen.
Ich habe keine
Hühnchen mehr zu rupfen
- ich habe aber auch
nicht Männchen gemacht,
um vielleicht doch noch gemocht
zu werden.
Ihr neuer Job als Pharma-Lobbyistin wäre da
wohl auch eher kontraproduktiv, oder?
Ich bin Partnerin einer großen Kommunikationsagentur
und leite dort den Bereich
Health Care. Wir haben insgesamt rund
500 Mitarbeiter, sind Marktführer in Europa,
viele Dax-Unternehmen sind bei uns
unter Vertrag. Glauben Sie mir: Die Pharmaindustrie
allein ist es nicht…
Das werden die Wollstrumpfstricker an der
grünen Basis anders sehen.
Das Problem in meinem Fall ist die öffentliche
Wahrnehmung, was man als Grüne
tun darf und was nicht. Ökobrot backen ist
okay, in der Wirtschaft tätig zu sein nicht.
Und wieder in die katholische Kirche
einzutreten?
Ich entwickele da überhaupt keinen missionarischen
Eifer. Aber irgendwann habe
ich den Wunsch verspürt, wieder zur Gemeinschaft
der Christen dazuzugehören.
Als geschiedene, emanzipierte Grüne sind Sie
da dann…
…ein exemplarisches Beispiel für die wundersamen
Wege des Herrn. Und auch
wenn ich natürlich nicht an jeder Stelle
mit der aktuellen Praxis der Kirche einverstanden
bin, so empfinde ich es doch als
gut, dass die katholische Kirche nicht
Moden hinterherläuft und sich mit Veränderungen
Zeit lässt.
Sie haben ein Buch über Ihre Wiederentdeckung
der Religion geschrieben.
Ja. Weil mir aufgefallen ist, wie viel
Meinung zum Thema Glauben existiert -
und wie wenig Wissen. Und wie viele
Klischees.
Gutes Stichwort! Stehen Sie immer noch auf
Krankenhausserien?
Und wie! Im Moment gehört "Grey's
Anatomy" zu meinen absoluten Favoriten.
Auch wenn mein Interesse da selbstverständlich
vorrangig gesundheitspolitischer
Natur ist.
Interview: Christoph Wirtz
stern-Artikel aus Heft 27/2008
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