29. Oktober 2009, 15:33 Uhr

"Die Schönheit ist das Weiterleben"

Wie lebt es sich mit Brustkrebs? Mit Lust, sagt Uta Melle, ohne Angst und ohne sich zu verstecken. Sie hat beide Brüste verloren und hat von ihrem neuen Körper grandiose Bilder machen lassen. Von Sophie Albers

Brustkrebs, Uta Melle, Amputation, Madonna, Marilyn Monroe, David Bowie

"Dein altes Leben ist vorbei. Aber es kommt ein neues", sagt Uta Melle©

An der Tür prangt ein kleiner, steinerner Schutzgott mit Elefantenkopf. Hinter der Tür, auf einem Regal, sitzt ein afrikanischer Wächtergeist aus schwarzem Holz. In der Ecke im Flur wartet eine weiße Engelsskulptur. Wenn man mit dem Tode ringt, wird man gläubig, denke ich. Dann begrüßt mich Uta Melle, die keine Götter braucht, weil sie auf sich selbst aufpassen kann. Nur weiß ich das in diesem Augenblick noch nicht.

Uta Melle ist eine grazile Frau von 40 Jahren. Ohne Haare, ohne Brüste und mit größtanzunehmender Lebensliebe. Deshalb bin ich hier. Als Uta Melle im April 2009 mit dem Befund Brustkrebs konfrontiert wurde, entschloss sie sich zu einer Totalamputation, obwohl nur in einem Busen ein Knoten gefunden worden war. "Ich hatte wirklich tolle Brüste, ich mochte die", sagt sie und lacht. Melles Mundwinkel zeigen von Natur aus nach oben. Daran hat auch der Krebs nichts ändern können. Und der begleitet sie schon ihr halbes Leben lang. Nur wenige Tage, bevor sie sich operieren ließ, starb ihre Mutter nach 20 Jahren Kampf mit der Krankheit, die jedem vierten Deutschen das Leben nimmt. Für Frauen ist Brustkrebs die gefährlichste der Krebsarten, gab das Statistische Bundesamt vor drei Jahren bekannt. Im Jahr 2008 sind in Deutschland jeden Tag fast 50 Frauen an Brustkrebs gestorben.

Also hat Uta Melle Abschied genommen von ihren schönen Brüsten. Mit einem Fotoshooting. Eine befreundete Fotografin hielt den unversehrten Körper auf Bildern fest. Darauf zu sehen ist Schönheit nach Modelmaß: Modelbauch, Modelarme, Modelbusen. Uta Melle trägt einen schwarzen Slip, schwarze Handschuhe und eine schwarze Tätowierung unter dem Nabel. Sie lächelt ein Lächeln, das ein bisschen wehtut. "Es stand nie zur Debatte, die Brust zu erhalten. Wegen der Erfahrung mit meiner Mutter wusste ich, was zu tun ist", sagt die Frau, die mit ihrem Mann und zwei Töchtern im Alter von neun und sechs Jahren in Berlin hinter der Tür mit den Schutzgöttern lebt. "Es war wirklich dieses Gefühl: Das muss weg! Der Krebs ist wie eine Assel, eine Made, die sich durch deinen Körper bohrt." Der Operation folgten vier Monate Chemotherapie, von der sich Uta Melle langsam wieder erholt. Die Haare wachsen nach, aber der Arztbesuch gehört noch immer zum Alltag.

Tabuthema Krebs

Der öffentliche Umgang mit Krebs, das hat auch die hitzige Debatte über die Erfahrungsberichte von Prominenten wie Jürgen Leinemann und Christoph Schlingensief gezeigt, ist in Deutschland ein Tabuthema. Dabei kennt jeder jemanden, der erkrankt ist oder war, der damit lebt oder daran gestorben ist. Krebs ist eine Volkskrankheit, und dazu eine chronische. "Das müssen die Leute endlich begreifen", sagt die ewig lachende Uta Melle. Dann wird sie mit einem Mal sehr ernst und erzählt die Geschichte einer krebskranken Frau, die sich ihrem eigenen Mann nie ohne Perücke gezeigt hat. "Ich will niemanden angreifen, aber in der Zeit der Krebstherapie lernt man eigentlich, dass sich etwas für immer verändert. Du bist nicht geheilt. Das gibt es nicht. Es wird nie wieder so, wie es vorher war. Das darf man nicht verstecken", sagt sie mit aller Härte auch gegen sich selbst. "Dein altes Leben ist vorbei. Aber es kommt ein neues."

Um zu zeigen, wie dieses neue Leben aussehen kann, hat sich Melle nach Operation und Chemotherapie noch einmal vor die Kamera gestellt. Im wahrsten Sinne des Wortes oben ohne. Denn: "Die Schönheit liegt darin weiterzuleben", sagt sie, die nie Perücke getragen hat und die vorwurfsvolle Blicke anderer Mütter auf dem Spielplatz, die das Kaschieren erwarten, nicht verstehen kann und will. "Du musst mit deinen Kindern reden, ihnen erklären, dass man eine schwierige Phase durchstehen kann. Wie sollen sie sonst verstehen, dass es nichts mit ihnen zu tun hat, wenn du einen schlechten Tag hast."

Informationen Erste Antworten auf Fragen zum Thema Brustkrebs finden Sie im stern.de-FAQ
Für weitere Informationen empfiehlt Uta Melle die Website Mammazone, die jedes Brustkrebs-Thema nah am Leben behandle

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
sabbel77 (30.10.2009, 13:12 Uhr)
WOW
Liebe Frau Melle,
wow ... das war alles was mit zu Ihren Bildern eingefallen ist! Wunderschön! Ich weiß nicht, ob ich den Mut zu solchen Bildern hätte, Ihr Lachen ist einfach überwältigend.
Die Mutter und Tante meiner Freundin hatten Brustkrebs (beide haben OP und Chemo überstanden) und sie hat jetzt auch unglaublich Angst davor, diese Bilder könnten ihr Mut machen.
Danke!
Liebe Grüße
Sabine
paulali (30.10.2009, 12:55 Uhr)
Liebe Uta,

vielen Dank für's Teilen !!

ich habe gerade nicht mehr Worte ...

alles Gute und ich wünsche dir, dass die nächste Station in in deinem Leben etwas sanfter ist.

paula
whismerh2 (29.10.2009, 19:29 Uhr)
@FrauMelle
Kann Ihnen nur zustimmen, die wahre Liebe und Zuneigung für eine Parterschaft, mit viel Glück für immer, kommt vom Inneren.
Ihren Mut und die Überzeugung, wie Sie das an die Öffenetlichkeit tragen, Hut ab.
Wünschen Ihnen alles erdenkliche Gute.
Der Krebs ist ein Bestndteil unseres Leben.
Zellen wollen sich nur vermehren, das ist Ihre Aufgabe, sonst würden wir nicht größer werden und der Gleichen mehr.
Die Erbinformation die dahinter steckt, mit vielleicht Ihren kleinen Fehler, denke ich mir macht die Sache so verzwickt.
Ich habe momnetan Glück, obwohll ich in meinen engsten Familienkreis, dieses Bedrängniss schon erfahren musste.

undjetztnochder (29.10.2009, 19:09 Uhr)
@FrauMelle
Respekt!
EineGuteFreundin (29.10.2009, 18:17 Uhr)
Große Bewunderung
Liebe/r undjetznochder, liebe Uta,
ich als sehr gute Freundin von Frau Melle kann nur sagen: Ich habe die größte Bewunderung für Sie und die Familie und ja, diese Art der Bewältigung ist mehr als authentisch! Jeder geht mit dieser Diagnose so um, wie er es für richtig und gut hält und wenige Menschen haben die Stärke damit so offen umzugehen. Frau Melle sah keinen Anlass sich zu verstecken und das ist GUT so. Danke dafür, danke das du anderen Menschen zeigst, wie das Leben auch seien kann. Danke für deinen Mut und danke, dass du über die Blicke die sagten "wie kann die nur" oder solche Fragen nach Selbstdarstellung souverän begegnen kannst.
Wie kann man ernsthaft annehmen, eine Krebsdiagnose als Selbstdarstellungsmöglichkeit zu betrachten?
Herzlichst EineGuteFreundin
FrauMelle (29.10.2009, 17:43 Uhr)
Antwort auf Ambivalent von "undjetztnochder"
Lieber "undjetztnochder"!
Danke für die Grüsse an meine Familie - ich teile die Bewunderung! Der Bericht ist authentisch. Die Fotos hatte ich eigentlich nur für mich gemacht, um zu sehen, wie sehr FRAU ich noch bin. Das Ergebnis war so schön, dass ich es teilen wollte! Um die Schlagzeile ging es mir definitiv nicht! Ich will damit Mut machen und zeigen, dass die Schönheit im Inneren steckt und nicht in Brüsten oder tollen Haaren.
Liebe Grüsse von Uta Melle
undjetztnochder (29.10.2009, 16:45 Uhr)
Ambivalent
Zunächst einmal finde ich es bewundernswert, wie positiv und optimistisch die Dame mit ihrer schweren Erkrankung umgeht, wenn das, was im Bericht steht, wirklich autentisch ist. In diese Bewunderung schließe ich ausdrücklich den Ehemann und die Familie mit ein. Fotos von sich machen zu lassen ist natürlich auch O.K., ob es Nacktfotos sein müssen für den privaten Gebrauch, kann jeder selbst entscheiden. Ob man sich allerdings so zur Schau stellen muss? Um anderen Mut zu machen oder doch nur eine Form der Selbstdarstellung? - Es war klar, dass die Medien so ein Bild(er)-Thema aufgreifen und man es damit sogar in die oberste Schlagzeile schafft.
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