Er hat sich vom Underground-Berserker zu einem der geachtetsten Regisseure des Landes entwickelt. Dann traf ihn die Diagnose Krebs. Christoph Schlingensief sprach mit dem stern über den Kampf gegen die Krankheit und über die Kraft, die ihm die Kunst gibt.

Der Regisseur auf der Bühne seiner "Mea culpa"-Inszenierung. Im Hintergrund sieht man ihn auf der Leinwand, weinend© Peter Rigaud
Es ist der Morgen nach der Premiere seines neuen Stücks "Mea culpa" am Burgtheater in Wien. Er werde gegen Mittag im Café Landtmann sein, hatte Christoph Schlingensief am Telefon gesagt, und dort die Eltern seiner Verlobten Aino Laberenz treffen. Danach habe er Zeit. Er ist schmaler geworden, ernster. Das Haar steht weiter wild um seinen Kopf herum, nur spröder und grauer ist es geworden. Schlingensief bestellt Tafelspitz. Aber er isst kaum davon. Er redet unaufhörlich. Über das Glück des vergangenen Abends. Über Nike Wagner, die ihm Geschmacklosigkeit vorwerfe, weil er Isoldes Liebestod von einer 82-jährigen, längst pensionierten Wiener Opernsängerin singen lässt (einer der schönsten Momente von "Mea culpa"). Solche Kritik regt ihn auf: "Es geht doch um Menschen! Und Menschen singen das auch noch mit 82." Dann kommen wir zu dem, was das Leben des Künstlers und Regisseurs Christoph Schlingensief seit 15 Monaten von Grund auf verändert hat.
Die Metastasen sind weg. Ich nehme eine Tablette, die das Zellenwachstum hindert und manchmal, wie bei mir, die Metastasen sogar zum Verschwinden bringt. Dafür richtet sie Schäden an den Haaren an, die Fußnägel entzünden sich. Man kriegt Pickel im Gesicht, Borken. Das kann man aber verkraften. Es gibt Patienten, denen es tausendmal schlechter geht als mir.
Ich habe leider keinen richtigen Appetit. Die Tablette mag keinen Tafelspitz. Die mag so gut wie gar nichts. Alles schmeckt nach Pappe. Ich bin sehr oft depressiv und melancholisch.
Es ist schon besser geworden, aber jede Woche gibt es einen Zusammenbruch. Da kommen alle Ängste wieder hoch. Als wäre man gefangen. Kein Ausgang, kein Funken Zuversicht. Und diese wahnsinnige Traurigkeit, warum das passieren musste. Dann ist alles hoffnungslos, der Bauch dreht durch, das Heulen geht wieder los. Haben Sie auf der Bühne die kleine Leinwand gesehen? Das bin ich. Ich habe einen Freund gebeten, mich beim Heulen zu filmen. Ich wollte wissen, wie es aussieht. Das hilft mir, fast wie eine Therapie. Es sieht komisch aus. Und klingt wie Wale, die quietschen.
Es ist toll, nur in glückliche Gesichter zu gucken! Das gibt Kraft. Als ich Ende Februar nach Wien kam, ging es mir gar nicht gut. Aber durch die vielen Freunde und die tolle Zusammenarbeit mit den Künstlern und Technikern wurde es jeden Tag besser. Man braucht das Gefühl, geliebt und gebraucht zu werden. Dass man rauskommt aus dieser Einsamkeit.
Wenn man sieht, wie die Leute dem Burgtheater die Tür einrennen, merkt man, dass es eine ziemliche Nachfrage nach solchen Zumutungen gibt. Ich zeige etwas, was viele Menschen auf der ganzen Welt durchleben, bloß die meisten schweigen. Die Zumutung wird verdrängt. Ich schweige nicht. Ich halte es mit Joseph Beuys, der sagt: "Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt."
Davon wusste ich doch gar nichts. Ich war gerade operiert worden und stand unter Morphium. Meine Freundin Aino kam damals aus der Intensivstation, draußen liefen Fotografen rum, und ein großes kluges Wochenmagazin rief bereits 30 Minuten nach der Operation beim Chefarzt an. Da wusste Aino sich nicht anders zu helfen. Ich fand das im Nachhinein gut, weil ich über die Informationen immer noch selber bestimmen möchte.
Als der Arzt in Oberhausen es mir gesagt hat, war mir heiß, ich habe gekocht regelrecht. Später habe ich geschrien und gewütet. Ich bin zum Grab meines Vaters gerannt und habe gebrüllt, warum er nichts tut, warum er das mit mir passieren lässt.
Ja. Er war vollkommen blind zuletzt. Und sehr depressiv. Kurz nach seinem Tod kriegte meine Mutter einen Schlaganfall, sie konnte sich nicht mehr artikulieren. Dann kam meine Diagnose. Ich dachte, mein Vater zieht an mir, er hat mir mit seiner Depression diesen Schleim auf die Lunge gelegt. Er will, dass wir nachkommen. Ich hab ihm lange sehr viel übel genommen. Das erleben auch andere, man sucht nach einem Schuldigen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 15/2009