Sie ist eine Erfolgsfrau. Nervensäge. Ein Sexsymbol. Domina. Eine Mutti für die Kinder. Eine Hexe für die Nachwuchsmodells. Germany's best Geschäftsmodel ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Aber wer ist diese Heidi Klum wirklich? Eine Spurensuche. Von Christine Kruttschnitt

Sie schuf ihr eigenes Lifestyle-Imperium: Heidi Klum ist zur globalen Marke geworden© Peter Foley/EPA
Der Kunde in "Joe's Pizza"-Laden In Los Angeles erkannte die Berühmtheit Ganz und gar nicht. Sie hatte ihm gerade Eine Pizza-Ecke verkauft und Tänzelte in Röhrenjeans und knappem weißem T-Shirt vor ihm, streckte ihm den flachen Bauch entgegen. "Die Leute sagen, ich hab eine tolle Figur", zwitscherte die Berühmtheit. "Findest du das auch?" - "Hm, ja, klar", nuschelte der Mann und mampfte seine Pizza. "Ich könnte bestimmt eine Menge Geld in einem Striplokal verdienen!", plapperte die Blonde weiter und klatschte sich mit der flachen Hand auf den Hintern. "So an der Stange rumtanzen, huuuiiii!" - "Dazu braucht es schon ein bisschen mehr", belehrte sie vollmundig der Kunde. "Mehr Busen zum Beispiel." - "Meine Freunde sagen, ich sehe aus wie Heidi Klum", schmollte die Verkäuferin, aber der Mann kaute nur: "Näh, die ist viel üppiger als du."
Kurz darauf wurde der Scherz aufgelöst. Als ein Fernsehteam dem Imbissgast eröffnete, dass er in einer dieser Shows mit versteckter Kamera gelandet war und dass es sich bei dem ungeschminkten Pizza-Girl tatsächlich um Heidi Klum handelte, zuckte er nur die Achseln. "Für mich sah sie aus wie eines dieser ganz normalen, typischen Los-Angeles-Girls, die einem tierisch auf die Nerven gehen."
Damit lag der unaufmerksame Pizza-Esser natürlich völlig falsch. Und traf doch irgendwie ins Schwarze. Denn ganz klar ist Heidi Klum eines jener typischen Los Angeles-Girls: Die Brünette aus Bergisch Gladbach, die vor Jahren schon kalifornisch golden erblondete und pünktlich zur Obama-Wahl amerikanische Staatsbürgerin wurde, strotzt vor genau dem gesunden, sonnengefluteten, munteren Sex-Appeal, für den Amerikas Westküste mit seinen Surfer-Chicks und Hollywood-Starlets berühmt ist. Auch "ganz normal" sah sie in dem Fernsehstreich aus - so wie auf den meisten Paparazzi-Fotos: nicht glamourös, sondern lässig, mit Gummiband in den Haaren und ähnlich dehnbarer Mimik, Schnute hier, dreistöckiges Lachen dort, eine Stirn zum Runzeln, eine Nase zum Kräuseln - Botox, nein danke. Und dass Heidi Klum tierisch nerven kann, das hat Amerikas berühmteste Deutsche dieser Tage wieder mal in der alten Heimat erfahren.
Wenn am 21. Mai im Finale von "Germany's next Topmodel" zum vierten Mal ein ebensolches ermittelt wird (das, seien wir ehrlich, weder Germany noch die World so richtig braucht), hat die Moderatorin der Show in einer Preisklasse Ärger und Häme über sich hereinbrechen sehen, wie sie hierzulande eigentlich nur wirklich Großen vorbehalten ist.
Vor gut drei Jahren noch als fröhliche Anti-Diva gepriesen - die Heimat im Herzen und Muttis Sauerkrautsuppe im Magen -, gilt die Klum heute als sadistische Zerstörerin, die mit den Tränen der "GNTM"-Elevinnen das eigene Ego aufpoliert. Hat laut Karen Heumann, Chefstrategin der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt und Deutschlands führende Markenexpertin, früher "die deutsche Volksseele die Daumen gedrückt" für Heidis globalen Aufstieg - wie auch immer sie das angestellt hat, die arme Seele -, so entlädt sich jetzt eine ganz andere Stimmung ins Internet und in die Medien. In der Comedy-Reihe "Switch" zum Beispiel wird die Model-Mama als quiekende Kommandeuse eines heulenden Hühnerhaufens parodiert, in Live-Blogs zur Erfolgsshow lästern Zuschauer über Klums cool vorgetragene Erinnerungen an die eigene Glanzzeit als Model: "Damals ist Heidi noch mit ohne Schuhe 30 Kilometer durch den 5 Meter hohen Schnee gestampft, um ihr Bikini-Shooting zu machen. 36 Stunden am TAG!" Ein anderer: "Schnauze, Heidi!"
In Berichten über die Castingshow, die dank der perfiden "Challenges" fürs modelnde Frischfleisch immer mehr dem Dschungel-Camp ähnle, fallen Begriffe wie "Gouvernante" und "Domina" - für unsere einst so schnuckelige Vorzeige-Germanin. Der Fernsehnation schwant, es käme nun deren "wahrer Charakter zum Vorschein", nämlich "die beinharte, egozentrische Businesslady", die Hexe, die ihre heranwachsende Konkurrenz zusammenstaucht auf Heulkrampf komm raus.
Da befand auch Modemacher Wolfgang Joop, es sei an der Zeit, das Erfolgsmodell Klum abzuwatschen, und verhöhnte sie als "Werbegirl mit Dauergrinsen". Sein Kollege Karl Lagerfeld setzte bedeutungsvoll eins drauf: "Sie ist mehr auf Bling-Bling als auf heutige Mode!" Und es empörte sich Alice Schwarzer: "Einfach widerlich", erklärte sie nach Sichtung genau einer Folge von "GNTM", seien "die Kälte und Arroganz", mit der die rheinische Rohnatur Klum "diese naiven jungen Mädchen vorführt"; als hätten sich jene für einen Ikebana-Kurs angemeldet und wären fälschlich vor einer Jury gelandet, die Kommentare über ihr Aussehen abgibt, echt fies.
25 Prozent Marktanteil erzielt Heidis Maiden-Revue allwöchentlich, das sorgt für Champagnerlaune bei Pro Sieben. Und da kann es der Quotenfee - die das Format produziert - auch ziemlich wurscht sein, ob sie gelobt oder gejoopt wird. "Du bist ja sehr beliebt hier in Amerika", sagte der US-Talkmaster Jimmy Kimmel zu Heidi Klum. "Aber in Deutschland bist du wahrscheinlich Königin?" - "Klar!", rief Heidi und lachte mindestens vierstöckig. "Ich fahre auf Festwagen durch die Stadt und winke ins Volk!"
Winkt es zurück? Derzeit eher nicht. Das Volk ist verdrossen. Zum einen über Heidis mit Lust vorgetragene Bosheit. Ist sie, wie Hobby-Psychologen mutmaßen, etwa so barsch zu ihren Mägdlein, weil es ihr selbst ebenso erging, als sie im Gewerbe anfing und sich unter all den Gazellen abmeiern lassen musste als zu kräftig, zu allerweltshübsch, don't call us, we call you? Und jetzt muss die Nation zusehen, wie sich fatale Psycho-Muster replizieren: Die einst Gedemütigte gibt die Schläge an ihre Kinder weiter. Nö, danke.
Und dann kommt zum Ver- der Überdruss: Kimmels "Queen of Germany" ist in Wahrheit Werbekönigin, zu bewundern an jeder Straßenecke, in Heftchen, im Fernsehen, überall. Sie strahlt und lockt für Rasierer und Burger und Birkenstock und auch noch für Haarprodukte und Autos und Klamotten. Sie macht alles, traut sich alles, posiert und singt und malt und entwirft und verziert. "Mein Kopf", schnurrte sie kürzlich, angesprochen auf ihre Kreativitätsschübe, "ist einfach immer am Denken!" Kein Zweifel: Heidi Klum, die vor knapp 17 Jahren für die Kamera entdeckt und vor fast elf Jahren auf einem "Sports Illustrated"-Titelblatt zum Sexsymbol erkoren wurde, ist, da haben die Herren Joop und Lagerfeld schon recht, kein Model mehr. Heidi Klum ist eine Marke.
Drüben in Amerika haben die das längst kapiert. Da sei Heidi "ein Sonnenschein, jeder liebt sie", wie Elaine D'Farley es erklärt. Sie hat damals als Stylistin die legendären "Sports Illustrated"-Aufnahmen auf den Malediven betreut, mit sandigen Schönheiten im Bikini, die nicht leicht zu finden gewesen seien. Die Models jener Zeit "waren meist der Typ verwahrlostes Kind", hohlwangig und elegisch. Nicht so Heidi from Germany: Die war laut D'Farley "positiv und glücklich, mit toller Haut, schönem Körper und gutem Lachen". Alle schwärmten von der Zusammenarbeit, die Katalog-Emse aus Deutschland sei so professionell und unkompliziert, konnte zuhören, mitdenken, warf sich in die Brust und in die Brandung mit nimmermüdem Elan. Und sprach, kaum dass der Indische Ozean auf ihrem Luxuskörper getrocknet war: "Ich brauche eine Publizistin." Denn der Heidi, so erklärt Elaine D'Farley, war schon damals klar, dass sie was Großes werden würde.
Ein "Powerhouse" nämlich, ein Kraftwerk. Ein "Supermogul". Ein "household name", jedem Kind bekannt. Dies alles sind Beschreibungen für Heidi - in den Staaten, wo so was respektvoll gemeint ist (hierzulande gelten Global Player ja eher als verdächtig). Auch wenn sie es nie ganz nach oben in die Adelsklasse der Supermodels geschafft hat: Eisern heiter baute Heidi Klum drüben ihr eigenes Lifestyle-Imperium auf: Als Fachkundige für Modisches - sie ist immerhin dienstältestes Dessous-Model auf dem Laufsteg von "Victoria's Secret" - moderiert sie eine erfolgreiche und hochgelobte Castingshow für Nachwuchsdesigner, entwickelt als Produzentin neue Fernsehformate, bringt eigenen Schmuck auf den Markt. Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" hat ausgerechnet, dass La Klum im vergangenen Jahr 14 Millionen Dollar verdient hat.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2009