Sie ist die erfolgreichste Sängerin aller Zeiten. Nun will sie den Armen helfen - und fuhr zum Kindershopping nach Afrika. Nur eine PR-Aktion? stern-Reporter reisten auf den Spuren von Madonna nach Malawi - und enthüllen die Hintergründe einer umstrittenen Adoption. Von Uli Hauser

Vater und Sohn: Yohane Banda, Bauer aus einem Dorf in Malawi, zeigt das Bild von sich und David, wenige Monate nach der Geburt. Seine ersten beiden Söhne starben an Malaria© Hardy Müller
Der Mann in der Hütte, was soll er sagen? Eine reiche Frau hat seinen Sohn mitgenommen, Madonna Louise Veronica Ritchie, 48, geborene Ciccone, die erfolgreichste Sängerin aller Zeiten. Yohane Banda, 32, Bauer aus Malawi, weiß bis heute nicht, was ihm da vor wenigen Wochen widerfuhr. Er war überfordert mit einer Entscheidung, die andere längst für ihn gefällt hatten. Und deren Tragweite er bis heute kaum begreift.
Yohane Banda hat den Besuchern Stühle hingestellt, seine Mutter setzt sich dazu, auch die Schwester mit ihrem Jüngsten. Vor der Tür drängeln Kinder, barfuß und mit Löchern in den Hemden. Sie lachen und sind neugierig. Die Fremden haben Fotoapparate und Süßigkeiten mitgebracht. Aufregend ist das.
2000 Menschen leben zwischen grünen Hügeln an der Grenze zu Sambia. Es gibt eine Schule mit acht Klassen und einen Brunnen mit 41 Meter Tiefe. Zum Distrikt-Krankenhaus sind es sechs Stunden mit dem Rad und zehn zu Fuß. Bei einer guten Ernte verdient der reichste Mann 10.000 Kwacha mit sechs Ochsenkarren voll Mais, etwa 56 Euro. Auf den Feldern wachsen Bohnen, Erdnüsse, Kartoffeln. Einmal am Tag kochen die Frauen Maisbrei. Sonst passiert nicht viel in Lipunga, dem nun bekanntesten Dorf Malawis.
Hier wohnt der Vater des derzeit berühmtesten Babys der Welt. Yohane Banda besitzt ein Foto von seinem Sohn, es ist vom vielen Herumzeigen zerknittert: ein stolzer Papa mit seinem Kind im Arm, David, geboren am 24. September 2005, in einer Hütte aus Lehm und Stroh. Es war eine traurige Geburt. Die schwerkranke Mutter hatte dem Kleinen mit letzter Kraft das Leben geschenkt, sie litt seit dem sechsten Schwangerschaftsmonat unter Blutarmut. Der Familie fehlte das Geld für einen Arzt. Auch Naturheiler konnten Marita nicht helfen. Sie starb sieben Tage nach Davids Geburt; Yohane Banda war gerade mit dem Rad los, um Medikamente zu organisieren. Seine Frau wurde 28 Jahre alt.
Auch der kleine David kämpfte ums Überleben. Er konnte seine Arme nicht bewegen und hatte eine schwere Lungenentzündung. Yohane Banda radelte ins 36 Kilometer entfernte Waisenhaus, seine Mutter saß auf dem Gepäckträger, sie trug das Kind in einem Tuch auf dem Rücken. Im "Home of Hope" in Mchinji sollten sich Kinderschwestern um den Jungen kümmern.
Das "Haus der Hoffnung" rettete schon vielen Kindern das Leben. Bauern geben hier Babys ab, die sie auf Feldern finden, von ihren Müttern ausgesetzt. Schwestern aus dem Provinzkrankenhaus bringen Neugeborene. Das Kinderheim ist das Lebenswerk eines gottesfürchtigen Mannes, der selbst mit 15 Jahren Waise geworden war. Pastor Thompson Chipeta, 77, hat es vor acht Jahren mit Unterstützung internationaler Geldgeber gebaut. Er betet mit seinen Gästen, bevor er zum Rundgang durch sein Paradies bittet. Auf 120 Hektar wachsen Kassaba und Bananen, Kartoffeln und Reis. Zweimal im Monat gibt es zu Mittag Fisch aus eigener Zucht. Am Fuße eines Hügels sprudelt klares Wasser. "Dank Gott fanden wir eine Quelle hier", sagt der Pastor.
492 Waisen leben in Mehrbettzimmern, die ältesten sind 20 Jahre alt. Sie gehen in den Kindergarten und in die Schule, in den Ferien schickt sie der Pastor in die Dörfer zurück, damit sie nicht vergessen, wo ihre Wurzeln sind. Seine Schüler, sagt Thompson Chipeta selbstbewusst, seien unter den Besten des Landes. "Wenn ein Kind intelligent genug ist, ermöglichen wir ihm die bestmögliche Ausbildung. Das ist keine Frage des Geldes."
Hier fand der kleine David ein Zuhause auf Zeit. Er wehrte die Lungenentzündung ab und Malaria-Attacken. Sein Vater kam einmal die Woche und brachte Eier und Erdnussbutter. Manchmal blieb er über Nacht. Er werde eine neue Frau finden und das Kind wieder zu sich holen, dachte der Vater. Auch die Oma besuchte den Enkel. Mehrmals im Monat lief sie die weite Strecke zu Fuß. David hat so schöne schwarze Haare, sagt die Großmutter.
Madonna sagt das auch. Sie sah den Kleinen zum ersten Mal auf Bildern, die ihr Mann aus Malawi mitgebracht hatte. Der kleine David im "Haus der Hoffnung", auf dem Arm eines achtjährigen Mädchens. Madonnas Mann, der Regisseur Guy Ritchie, 38, arbeitet seit Anfang des Jahres an einer Dokumentation über die Not von Waisenkindern. Er fragte sie, was ihnen am meisten fehle, ob sie das Land verlassen würden, was sie über ihre Eltern dächten. Madonna besuchte später einige dieser Kinder, es waren anrührende Momente. Ein blonder Engel in Afrika. Das gab schöne Aufnahmen. Madonna hatte ihre eigenen Fotografen mitgebracht. Manche hatten sich mehr erhofft. Zum Beispiel Mupheso Nguluwe, 11, aus dem Dorf Kaphesi, etwa 50 Kilometer westlich der Hauptstadt, die beste Schülerin in ihrer Klasse. Sie möchte Krankenschwester werden. Die Kleine guckt heute traurig, wenn Leute mit Kameras kommen. Madonna habe ihr versprochen zu helfen. Und doch ein anderes Kind ausgesucht.
In Malawi leben Hunderttausende Kinder, deren Eltern an Aids gestorben sind. Waisenhausbesuche sind herzzerreißend. Die Kleinen nehmen die Gäste an die Hand, sorglos, vertrauensvoll, man will sie beschützen und nicht mehr loslassen. Und auf der Stelle mitnehmen.
Das geht nicht. Nur wer mindestens 18 Monate im Land wohnt, kann in Malawi Kinder adoptieren. So sagt es das Gesetz. Madonna aber will die Welt retten. Und ihre Ehe. Britische Blätter drucken seit Monaten Krisenberichte, unter die jüngsten Gerüchte fallen Besuche beim Paartherapeuten. Guy Ritchies Vater soll gesagt haben, die beiden seien nur noch wegen der Kinder zusammen. Rocco John, 6, und Lourdes Maria, 10, Vielflieger seit Geburt. Madonna sagte, sie habe ein schlechtes Gewissen, weil für die Kinder wenig Zeit bleibe. Zwischen Karriere und Kabbala, Tourneen und Fitnessraum.
Seit mehr als 20 Jahren beherrscht Madonna das Musikgeschäft. Sie war Heilige und Hure, Jungfrau und Vamp. Jetzt hat Madonna eine neue Passion. Auf der Bühne hängt sie am Kreuz und trägt eine Dornenkrone. Anfang Juni 2006 meldeten sich Madonnas Leute im malawischen "Ministry of Women and Child Development", dem zuständigen Ministerium für Adoptionsfragen. Ein Weltstar auf Babysuche; Malawi fühlte sich sehr geschmeichelt.

Familienbande: Davids Vater Yohane mit seiner Schwester, seiner Cousine und Davids Großmutter (l.) im Heimatort Lipunga. 2000 Menschen leben hier an der Grenze zu Sambia© Hardy Müller
"Sie macht unser Land in der Welt bekannt", sagt Penston S. Kilembe, Direktor für Wohlfahrtsangelegenheiten. "Das ist eine einmalige Chance für uns, für den Tourismus, für die Wirtschaft." Er sitzt in einem viel zu großen Anzug in einem großen Büro in der Hauptstadt, seine Sekretärin bringt Kaffee. Auf einer Wandkarte ist vermerkt, wie viele unterernährte Kinder in den einzelnen Distrikten leben. Die Prozentzahlen schwanken zwischen 20 und 46. Genaue Daten, sagt Kilembe, haben wir nicht. Grob geschätzt, komme in manchen Gegenden auf 400.000 Einwohner ein Arzt und auf 100 Kinder ein Lehrer. In den Krankenhäusern sind 60 von 100 Stellen unbesetzt, viele Mediziner verdienen ihr Geld im Ausland. Wer es sich leisten kann, geht. Es fehlt an Moskitonetzen und Medikamenten und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Für die fühlt sich nun Madonna zuständig. Anfang dieses Jahres hatte sie eine Stiftung gegründet, "Raising Malawi". Sie versprach drei Millionen Dollar für Waisenhäuser, mit knapp einer Million wolle sie den Dokumentarfilm ihres Mannes finanzieren. Madonna kündigte an, auch mit dem Präsidenten über ihre Pläne zu sprechen. So geriet ein Herzenswunsch zur Staatsaffäre.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 51/2006
Nachgefragt Fünf Dollar für ein Leben
Adoption oder Entwicklungshilfe? Rolf Bach, Leiter der Adoptionsstelle in Hamburg, über Alternativen, ein Kind zu retten.
Viele Promis adoptieren Kinder aus der Dritten Welt. Ist das eine gute Tat?
Eine Adoption muss immer das letzte Mittel sein. Der Promi-Status der Bewerber darf keine Rolle spielen. Nur wenn es wirklich keine andere Möglichkeit für das Kind im Heimatland gibt und nationale sowie internationale Gesetze eingehalten werden, dann ist die Adoption eine gute Tat. Allerdings für beide Seiten. Denn auch die Adoptiveltern erweisen sich eine Wohltat, weil sie sich einen Herzenswunsch erfüllen.
Laut Unicef sterben jährlich mehr als zehn Millionen Kinder. Wäre es nicht wünschenswert, wenn noch mehr Kinder adoptiert würden?
Ein Argument, das man immer wieder hört. Aber 80 Prozent dieser Kinder sterben an einfachen Kinderkrankheiten, wie Keuchhusten, Diphtherie, Scharlach oder an Durchfallerkrankungen. Jedes dieser Kinder könnte für einen Gegenwert von fünf US-Dollar gerettet werden. Außerdem leben die meisten dieser Kinder in ihren Familien und sind gar nicht zur Adoption freigegeben.
Was hat das für Konsequenzen?
Der Run auf Adoptivkinder ruft kriminelle Kinderhändler auf den Plan, die horrende Summen für ein Kind kassieren. Wenn man die Beträge, die für "Privat- oder Selbstbeschaffungsadoptionen" gezahlt werden, den Familien dieser Kinder geben würde, müssten diese Menschen keine Not mehr leiden - von der Geburt bis zum Tod.
Interview: Kerstin Schneider
Rolf P. Bach ist Leiter der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle in Hamburg und Autor des Buches "Gekaufte Kinder. Babyhandel mit der Dritten Welt"