Krawatten-Fragen:
Wie lang? Welche Farbe? Warum überhaupt?
In Führungsetagen ist der Schlips immer seltener zu sehen, und selbst Politiker demonstrieren neue Ungebundenheit. Befreit von all den Zwängen darf die Krawatte deshalb ihr modisches Comeback erleben. Hier finden Sie die wichtigsten
Stilregeln rund um das männlichste aller Accessoires. Von Claudia Pientka und Cathrin Wißmann
Brit-Rocker wie Mark Ronson, Pete Doherty und Franz Ferdinand tragen schmale Krawatten zu noch schmaleren Anzügen. Dabei gilt: Je zierlicher der Schlips, desto niedriger sollte der Body-Mass-Index des
Trägers sein. Männer mit Bäuchlein lassen besser die Finger von XS-Bindern, schließlich will man die Problemzone verdecken, nicht betonen. Wer trotzdem nicht auf modische Binder verzichten möchte, für
den empfehlen sich als Alternative Schalkrawatten
mit auseinanderfallenden Enden, wie sie das Pariser Modelabel Lanvin zeigte. Das wirkt edel und kaschiert.
Fast alle, außer sie stammen aus der Feder Walt Disneys. Denn: Je ulkiger der Schlips, desto langweiliger der Träger. Auf der sicheren Seite ist man mit
diagonal verlaufenden Streifen, Paisleys oder Karos. Kleingemustertes wirkt vornehmer als Großgemustertes. Vorsicht jedoch beim Designmix:
Wer das karierte Hemd mit Blumen-Binder kombiniert, wird strafversetzt in Dirk Bachs Dschungelcamp.
Kräftige Töne wie Dunkelblau, Weinrot und Braun gehören zu den beliebtesten Farben, weil sie
unauffällig sind. Schwierig wird es bei gelben Krawatten.
Wer nicht zur FDP gehört oder zum Vorstand von Borussia Dortmund, sollte lieber die Finger davon lassen.
Flecken auf der Krawatte sind peinlich. Schlimmer aber ist der Anblick eines Mannes, der den Schlips wie
einen Rüssel im Hemd versteckt. Krawattennadeln
können ihn zwar vom Tellerrand fernhalten, aber sie sind in etwa so sexy wie eine Büroklammer. Wer Tischmanieren beweisen will, nimmt die Krawatte
beim Essen ab und steckt sie zusammengerollt(!)
in die Sakkotasche. Alternative: die Minischlipse von Prada und Dior Homme, die nur bis zur Brust reichen. Damit tunkt man bestimmt nicht in die Soße.
Beim Umtrunk im Hobbykeller des Cousins darf man getrost auf die Krawatte verzichten. Bei Hochzeiten gilt: Weiß, Champagner und Silber sind dem Bräutigam
vorbehalten. Dafür darf der männliche Gast auch schlipsfrei erscheinen. Aber nur in edlem Hemd, perfekt sitzendem Sakko und Einstecktuch in der Brusttasche. Einer Beerdigung allerdings wohnt man immer nur im schwarzen Anzug und schwarzer Krawatte bei.
Es kommt ganz darauf an, welcher Dresscode auf der Einladung steht. Bei "Smart Casual" darf die Krawatte im Kleiderschrank bleiben. Ist "Black Tie" gefragt,
sollten Sie im Smoking samt Kummerbund und schwarzer Fliege erscheinen. Bei Bällen und Staatsempfängen gibt die Kleiderordnung "White Tie" vor. Das bedeutet einreihiger Frack, dazu Weste und weiße Fliege. Wenn Sie unsicher sind, hören Sie
auf Ihre Frau. Das macht auch Günter Netzer so, dessen Gattin Elvira alle Outfits zusammenstellt.
Wenn Sie sich nicht gerade in einer Kinderkrippe oder im Schnellimbiss bewerben, gehören Jackett und Krawatte zum guten Ton. Stoff und Farbe sollten
unaufdringlich und aufeinander abgestimmt sein. Einen guten Eindruck hinterlassen Sie besser mit Lebenslauf und messerscharfen Antworten als mit Ihrem Outfit.
Haben Sie Josef Ackermann schon einmal ohne Krawatte gesehen? Eben. Der Binder gehört zum Banker wie der Stempel auf den Überweisungsträger. Dabei gilt die Regel: je dunkler Anzug und Krawatte,
desto höher die Position. Doch was mit dem Casual Friday, dem zwanglosen Freitag ohne Schlips, begann, hat sich nun auch als "Smart Casual" in vielen Führungsetagen durchgesetzt. Selbst Politiker
verzichten heutzutage gern auf Schlips, um
Volksnähe und Jugendlichkeit zu demonstrieren.
Barack Obama gab seine Präsidentschaftskandidatur
krawattenlos bekannt, Nicolas Sarkozy zeigte sich selbst
nach seinem Wahlsieg ungebunden.
Das ist wie mit den Unterhosen: mindestens sieben. Besser sind zehn, neben den Wochentagen sollte man auch eine für Beerdigungen, den Opernbesuch und die
eigene Hochzeit parat haben. Statistisch gesehen, kauft sich der deutsche Mann nur etwa alle zwei Jahre eine neue Krawatte, für 29 bis 130 Euro.
Es gibt über 80 verschiedene Weisen, eine Krawatte zu binden, fanden zwei Physiker der Universität Cambridge heraus. Aber keine Panik: Es reicht, wenn Sie eine Art beherrschen - die aber ordentlich! Gut gebunden ist man mit dem halben Windsor - der volle Windsor hat in etwa das Volumen eines Pfirsichs. Oder dem Four-in-Hand, auch als einfacher Knoten bekannt. Vor allem Letzterer passt sich fast jedem Krawattenstoff und jeder Kragenform an.
Umschnallkrawatten sind wie Lätzchen: Ab einem gewissen Alter sieht man damit aus wie ein Riesenbaby. Wer nicht als Muttersöhnchen gelten will, dem bleibt nichts anderes übrig, als fleißig vor dem
Spiegel zu üben.
Selbst beim dicksten Schmerbauch kann man den Binder auf Idealmaß trimmen. Die Spitze endet immer auf Höhe des Gürtels und nicht, wie oft gesehen, am Nabel oder, noch schlimmer, am Hosenschlitz.
Selbst Sonny Crockett und Ricardo Tubbs von "Miami Vice" wussten, dass höchstens auch der zweite Knopf geöffnet werden darf. Damit kann man die Schwiegereltern besuchen, ohne durchzufallen, oder
wie Frank Plasberg und Johannes B. Kerner im öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderieren. Alles, was darüber hinaus aufklafft, sieht prollig aus. Einzige Ausnahme:
Tom Ford. Der texanische Modedesigner hat der Frauenwelt so viele sexy Dekolletés beschert, dass er seinen gestählten Oberkörper jederzeit zur Schau
stellen darf.
Derzeit viele. Trendsetter in Sachen Seidenschal
war Jogi Löw, der das Adels-Accessoire sogar stadiontauglich machte. Dank simpler Bindetechnik kommt damit selbst ein Mode-Nerd zurecht: einfach die
Enden durch die Lasche ziehen. Von Amrum bis zur Zugspitze tragen unter 40-Jährige derzeit die schmalen Jerseyschals von American Apparel. Auf dem Laufsteg dagegen zeigte Miuccia Prada den doppelten
Hemdkragen für Männer, und Christopher Bailey verbarg die Knöpfe hinter einer geschwungenen Zierleiste.
Eine Sorge, die viele Männer plagt. Zu Unrecht. Immerhin gilt das Seidentuch als Vorläufer der
Krawatte. Französische Soldaten schauten sich das Accessoire bei den Kroaten ab, die es als Staub- und
Kälteschutz trugen. Übrigens ist das Seidentuch nicht
das einzige Kleidungsstück, das aus der Militärmode
stammt: Auch Trenchcoat, Parka und Cargohosen
traten von dort aus ihren Siegeszug in die Herrengarderobe an. Seidenschals sind also nicht
nur etwas für Schöngeister, sondern auch für echte Kerle.
Schwierig. Durch prominente Träger wie den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und den
ehemaligen Hobbythek-Moderator Jean Pütz sind Fliegen leider etwas in Verruf geraten. Dabei sieht man an den aktuellen Kollektionen von Bottega Veneta, Etro
und Neil Barrett, wie edel Fliegen sein können.