Sie ist 63, besucht im Jahr 600 Modenschauen - und schreibt über fast alle. Die Vorstellung, dass die Kritikerin Suzy Menkes in Rente gehen könnte, sorgt in der Modewelt für Nervosität. Von Stefanie Rosenkranz

Arbeitsplatz in der ersten Reihe: Menkes auf einer Bill Blass-Modenschau mit Ann McNally© Peter Kramer/Getty Images
François-Henri Pinault, dem unter anderem Gucci, Yves Saint Laurent und Balenciaga gehören, küsst ihre Hand, Bernard Fornas, Präsident von Cartier, küsst ihre Wange und nennt sie "ma chère Süzy". Der Modemacher Hussein Chala- yan umarmt sie, sein Kollege Rifat Ozbek kniet vor ihr nieder und seufzt: "O Suzy!"
Die Dame, der diese Huldigungen zuteil werden, ist klein, mollig und 63, hat ein strenges Gesicht und trägt auf dem Kopf neben einer artig geschnittenen kinnlangen Frisur eine Art Klorolle aus rötlichem Eigenhaar, durch die man blicken kann wie durch ein Fernglas. Gewandet ist die Mutter von drei erwachsenen Söhnen in einen golddurchwirkten Brokat-Mantel, unter dem ein Pleats-Please Issey-Miyake-Rock hervorlugt. Das Gesamtbild ist eine Kreuzung aus kompliziertem Törtchen, barockem Sessel und rundlicher Matrone - Suzy Menkes eben, seit fast 20 Jahren Moderedakteurin der "International Herald Tribune" und als solche die Domina des Designs sowie des schönen Scheins.
Als ihre Zeitung kürzlich ihre alljährliche "Luxus-Konferenz" abhielt, diesmal in Istanbul, war klar, dass die Moderatorin Menkes auch der Star war. Ihretwegen waren sie alle gekommen - die bereits genannten sowie Angelo Zegna, Chef des Männermodenhauses Ermenegildo Zegna, oder auch Gianfranco Ferré und natürlich sämtliche Türken, die teure Dinge produzieren oder vertreiben. Das "leicht verrückte Tantchen" (Kate Moss) mit messerscharfem Verstand führte gebildet und scharfzüngig durch die Veranstaltung; langatmige Fragen aus dem Publikum schmetterte sie gnadenlos ab: "Was Sie sagen, ist ziemlich konfus, der Nächste bitte!"
Ihre Geduld hat enge Grenzen, sonst würde sie ihr immenses Pensum nicht bewältigen. Die rasende Großmutter ohne festen Wohnsitz - sie pendelt zwischen Paris und London hin und her, wenn sie nicht gerade rastlos um die Welt reist - hat einen phänomenalen Output. "Sie ist meine Lieblingsjournalistin und arbeitet härter als jeder andere", sagt ihr Chefredakteur Michael Golden. La Menkes, auch "Samurai Suzy" genannt, besucht rund 600 Modenschauen pro Jahr und schreibt über fast alle. Gelegentlich verfasst sie auch Bücher, über die englischen Kronjuwelen etwa oder über Strickwaren und über die Liebe der Aristokratie zum Landleben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 07/2007