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Wolfgang Joop auf der Fashion Week: Ein Wunderkind braucht keinen Starrummel

Er braucht keine Promis, denn er ist selbst einer: Designer Wolfgang Joop höchstpersönlich hat in seiner Boutique in Berlin seine Wunderkind-Kollektion präsentiert. Dabei belächelte er die Fashion Week vor zwei Jahren noch als "forcierte Aktion".

Von Julia Mäurer, Berlin

"Wat is'n dette für ein Auflauf? Und das alles wegen ein paar Fummel", sagt ein Berliner Passant und schaut ungläubig auf die verglaste Eck-Boutique am Gendarmenmarkt. Ältere Herren in feinen Anzügen drängeln sich dort neben modischen Mädchen in Sommerkleidern. Mit einer schwarz-goldenen Eintrittskarte fächern sich viele Luft zu. Es ist die Eintrittskarte zu Wunderkind, der Marke von Wolfgang Joop.

Der Designer hat im Rahmen der Berliner Fashion Week zu einer Kollektionspräsentation in sein Geschäft geladen. Ein kleines Wunder, denn noch vor zwei Jahren sagte der Modeschöpfer, er wolle das Image seiner Marke bei dieser "forcierten Aktion" nicht aufs Spiel setzen. Mit der "forcierten Aktion" meinte er die Berliner Fashion Week, die im Juli 2007 erstmals in der deutschen Hauptstadt ausgetragen wurde. Mittlerweile muss auch Joop zugeben, dass das Modespektakel an Ansehen und Internationalität gewonnen hat. Für ihn jedoch noch lange kein Grund, sich an dem üblichen Zirkus aus Premieren, Partys und Promis zu beteiligen. "Vielen, die hier her kommen, geht es doch mehr um Partys als um Mode", sagt Joop.

Joop begrüßt Freunde mit Küsschen

Für die Präsentation ist er persönlich erschienen. Er trägt, wie soll es anders sein, Wunderkind. Wunderkind Men, um genau zu sein. Joop macht jetzt auch Herrenmode. An seiner Seite: Freunde und Familie. Seine Tochter Jette, die erst vor gut drei Wochen ihr zweites Kind bekommen hat. Sein Schwiegersohn Christian Elsen, Ehemann von Jette. Seine Mutter Charlotte, eine elegante Dame von 93 Jahren. Es ist eine sehr familiäre Atmosphäre. Man kennt sich, man schätzt sich. Joop begrüßt gute Freunde mit Küsschen und Umarmungen.

Als Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit auftaucht ruft Joop: "Mein Assistent ist da." Einen hochkarätigen Gast verpasst der 64-Jährige allerdings: Suzy Menkes. Die ebenso einflussreiche wie gefürchtete Modekritikerin der "International Herald Tribune" schaut nur kurz vorbei. Bewaffnet mit Block und Bleistift lässt sie sich von Wunderkind-Pressesprecher Oliver Jacobs durch den Laden führen. Macht sich Notizen, fertigt Skizzen. Nach gut 20 Minuten verlässt Menkes den Laden. Kommentare zur Kollektion mag sie nicht abgeben. Als Wolfgang Joop eintrudelt, ist Menkes schon weg.

Stücke werden in Handarbeit gefertigt

Ebenso entspannt wie die Atmosphäre, ist die Präsentation der Kleidung. An rund 30 Schneiderpuppen sind Teile aus der Herbst-Winter-Kollektion 2009/2010 drapiert. Weitere Modelle hängen auf Kleiderstangen in dem 425 Quadratmeter großen Laden. Man kann die Kleider anfassen, die edlen Stoffe fühlen, die filigranen Schnitte bewundern. Und einen Blick auf das Preisschild werfen. Kleider kosten um die 1800 Euro, der Preis für Mäntel bewegt sich zwischen 2500 und 3000 Euro. Nicht viele Menschen verstünden seine Art, Mode zu machen, sagt Joop. Die es tun, schätzen sie dafür umso mehr. Joop geht es beim Entwerfen um Kunst, nicht um Kommerz. Seine Kleider sind aufwendig gefertigte Einzelstücke. In seiner Potsdamer Villa, gleichzeitig Firmensitz von Wunderkind, werden die Kollektionen entwickelt und von Näherinnen in Handarbeit gefertigt. Es ist höchste Schneiderkunst, wie man sie heute nur noch selten findet.

Für seine Entwürfe lässt sich Joop immer wieder von Künstlern inspirieren. In dieser Saison ist es der Hamburger Fotograf Gregor Törzs. Seine Bilder zieren die Wände der Berliner Boutique. Es sind düstere Naturmotive im Grenzbereich des fotografischen Negativs. Fünf dieser Motive finden sich auf diversen Stoffen der Kleider für die Herbst-Winter-Kollektion wieder. In der Mitte der Boutique thront ein meterlanger weißer Tisch. Unter der Glasplatte ist verborgen, was Joop "Genesis of a dress" nennt, die Geburt einer Kleides. "Ich wollte zeigen, wie meine Kollektionen entstehen. Das ist ein anstrengender und langwieriger Prozess, der mich ein halbes Jahr lang jeden Tag fordert", sagt Joop. Ein Grund, warum Joop eine Show bei der Berliner Fashion Week bisher ablehnt. "Ich werde in Berlin keinen Laufsteg betreten. Den betrete ich zweimal im Jahr in Paris. Das ist Herausforderung genug."

Trotz vollem Terminkalender und erfolgreichen Shows in Paris, sagt Joop: "Ich habe eigentlich keine Zeit, aber die Aufgabe als Kreativdirektor bei Escada würde mich sehr reizen."