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28. Oktober 2009, 21:55 Uhr

Die Ohnmacht des Richters

"Sie stirbt, sie stirbt!"

Er sagt: "Ich habe registriert, dass sich W. eine Tasche auf den Schoß gelegt hat. Ich hörte den Reißverschluss." Und er sagt: "Ich habe gesehen, dass Alex plötzlich aufsprang, er hat mit den Fäusten auf sie eingeschlagen, wie eine Maschinengewehrsalve. Ich habe nur die Schläge gehört, nur diese dumpfen Geräusche - und bin aufgesprungen." Er sagt: "Und ich bin hingerannt und wollte ihn greifen - in dem Moment..." und er stockt, er ringt nach Atem, man hört seine unterdrückten Tränen - "... da sehe ich, dass er in der rechten Hand ein Messer hat."

Tom Maciejewski erzählt an diesem Vormittag, wie er auf den Flur hinaus rannte und um Hilfe schrie. Wie sich Alexander W. mit dem Messer in der Hand gegen ihn wandte. Wie er wieder in den Saal rannte und sich neben den Ehemann, der ebenfalls von Alexander W. mit 16 Stichen niedergemetzelt worden war, in die Blutlache kniete. Wie er seine Hände hielt. "Er hat seine Finger in meine Hände gekrallt und er hat immer wieder gesagt: 'Sie stirbt, sie stirbt.' Ich habe gesagt: 'Sie stirbt nicht, denk an das Kind, du musst tapfer sein.' Ich habe ihn zuerst noch gesiezt, aber dann habe ich das Du benutzt. Dann hat er plötzlich gesagt: 'Ich krieg keine Luft mehr' und ich habe irgendein Verbandszeug genommen aus einem Arztkoffer, der neben ihm irgendwie stand, und habe ihm den Mund ausgewischt. Herr Okaz hat immer wieder gesagt: 'Doch, sie stirbt, sie stirbt.' Und ich: 'Nein, das verspreche ich dir. Sie stirbt nicht.'"

Die Schuld der deutschen Gesellschaft

Doch Tom Maciejewski hat an diesem Vormittag sein Versprechen nicht halten können. Marwa al-Schirbini starb. Und dieser routinierte Richter ist seit diesem ersten Sonnentag im Juli kein Richter mehr. Er ist krank geschrieben. Er wurde angezeigt. Weil er nicht geholfen hat. Weil er aus dem Saal rannte. Weil er zu spät den Alarmknopf betätigte. Doch - hat er das? Hat er einen Fehler gemacht? Und wer will sagen, was falsch ist und was richtig in einem solchen Moment?

In dem quälenden Auftritt dieses Mannes im Zeugenstand zu Dresden zeigt sich das ganze Grauen dieses Prozesses. Natürlich geht es in diesem Prozess vor allem um die zweifelsfreie Schuld, die Alexander W. mit diesem rassistisch motivierten Mord an der Ägypterin auf sich geladen hat. Doch - und das spüren alle im Gerichtssaal furchtbar klar - es geht eben immer auch um die Schuld der deutschen Gesellschaft. An diesem Vormittag in der Person dieses deutschen Richters. Am Nachmittag in Person der deutschen Staatsanwältin. In den nächsten Tagen in Person der Wachleute, Sanitäter und Polizisten. Es geht um die Fragen: Warum musste Marwa al-Schirbini sterben? Warum konnte ihr keiner helfen? In einem deutschen Gericht? Im Herzen des deutschen Rechtsstaats?

Es geht auch um Geld

Diese Fragen stellen sich nicht nur wegen der Moral. Wie immer geht es jenseits von Moral auch um Geld. Um Schmerzensgeld. Die Nebenkläger, die die Verwandten der Ermordeten vertreten, werden gegen Tom Maciejewski und den Gerichtspräsidenten des Dresdner Landgerichts juristisch vorgehen. Es geht um Schuld. Es geht um die Verletzung der Fürsorgepflicht des deutschen Staates. Und so wittert Tom Maciejewski die Unterstellung zu Recht, als ihn die Anwälte der Nebenklage fragen: "Sie haben erwähnt, dass in Sachsen eine Diskussion über die Sicherheit in den Gerichten statt gefunden hat. Und dass es kein Geld für mehr Sicherheitsmaßnahmen gab. Hat Sie das beeinflusst?" Und ein anderer fragt: "Haben Sie keinen Anlass dazu gesehen, im Vorfeld Wachpersonal für den Prozess zu fordern?" Und ein weiterer: "Haben Sie den Notknopf getätigt oder die Sekretärin?" Irgendwann sagt Maciejewski: "Ich möchte dazu nichts sagen. Ich möchte mir nichts in den Mund legen lassen."

Es gibt Sekunden, die verändern das Leben vom Jetzt zu etwas ganz anderem. Vom Gefühl der vollkommenen Sicherheit - zu bodenloser Ohnmacht. Von der Belanglosigkeit des Alltags - zum Erwachen in der Monstrosität. Von einem gewöhnlichen, behäbigen Sitzungstag - zur nie wieder weichenden Vorhölle.

Von Franziska Reich
Seite 1: Die Ohnmacht des Richters
Seite 2: "Sie stirbt, sie stirbt!"
 
 
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