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25. Juli 2011, 18:15 Uhr

Die Angstmacher

Was trieb den Massenmörder von Norwegen zu seiner Irrsinnstat? Ein Klima der Überfremdungsangst, das in Westeuropa auch von Intellektuellen geschürt wird. Ein Kommentar von Hans-Hermann Klare

Norwegen, Anschläge, Oslo, Anders Behring, Breivik, Henry M. Broder, Islamismus, Muslime, Fremdenhass

Brandstifter: Anders Behring Breivik wurde von Autoren inspiriert, die Ängste vor dem Islam schüren© Jon-Are Berg-Jacobsen/Reuters

Das Manuskript des Attentäters über sich und seine Tat mag krude gewesen sein. Es war nicht dumm. Und es bezieht sich auf Autoren, welche die Angst vor dem Islam nicht bloß haben, sondern sie auch schüren.

Der in Deutschland wohl bekannteste dieser Autoren ist zugleich einer der klügsten und ironischsten: Henrik M. Broder. Sein Buch "Hurra, wir kapitulieren" stand vor fünf Jahren auf der Bestseller-Liste und passte auch dem norwegischen Attentäter in die Argumentation.

Natürlich trägt Broder keine Verantwortung dafür, dass ihn einer liest, zitiert, in seine Gedankenwelt einbaut und zur Rechtfertigung nutzt. Keiner wird zum Amokläufer, weil er Ballerspiele im Internet spielt. Keiner zum Massenmörder, weil er Broder liest. Zugleich aber gilt: Ohne Ballerspiele könnte keiner so gut simulieren, was er dann in der Wirklichkeit umsetzt. Ohne Bestseller, die unsere liberale Gesellschaft als schwächlich im Umgang mit ihren Feinden beschreiben, käme kein Massenmörder so schnell auf die Idee, für eine schweigende Mehrheit zur Tat zu schreiten.

Die diffuse Angst vor dem Islam

Unter dem Eindruck von Nine-Eleven in New York, von Seven-Seven in London, im Erschrecken über die Anschläge von Madrid und Bali bestimmt die Angst vor dem Islam unser Denken, sobald irgendwo eine Terror-Tat passiert. Oder wie es eine fiktive, ahnungslose TV-Reporterin in der Pro-Sieben-Sendung "Switch" ausdrückt: "Al Qaida. Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation."

Die reale Angst nutzen die einen längst zum politischen Vorteil wie Blocher in der Schweiz, Le Pen in Frankreich oder Wilders in den Niederlanden. Die anderen, die intellektuellen Kombattanten, spielen diese Angst gegen die Gesellschaft aus, in der sie leben. Ihnen gilt jedes Minarett in deutschen Landen als Beleg des Einknickens vor dem Feind. Mit dem Etikett "politisch korrekt" diffamieren sie jeden, der von Toleranz gegenüber Fremden redet. Wer sich im Krieg mit der anderen Religion und ihren Werten wähnt, hält Differenzierung für Schwäche, hält den Versuch zu verstehen für Verrat.

Ein Klima für Verschwörungstheorien

Das ist das Klima, in dem Verschwörungstheorien gedeihen. Und intelligente Menschen mit kruder Persönlichkeitsstruktur von großen Heldentaten träumen. In einem solchen Klima fürchtete ganz Israel 1995 einen Terror-Angriff der Palästinenser auf seine politische Elite, während ein religiöser jüdischer Fanatiker die Chance hatte, den Ministerpräsidenten und Friedens-Nobelpreisträger Jitzhak Rabin umzubringen. In einem Klima, das den fernen Staat in Washington und die Uno in New York für Zentralen einer großen Unterdrückungsmaschine hielt, konnte der rechtradikale Timothy Mc Veigh 1996 ein Regierungsgebäude in Oklahoma in die Luft sprengen und damit 186 Menschen töten.

In einem solchen Klima exekutierte jetzt Anders Behring Breivik 92 Jugendliche in Norwegen, die den Sommer genießen und in einem Zeltlager der Sozialdemokraten über eine gerechtere Welt diskutieren wollten. Bis an die Zähne bewaffnet, schritten die Täter zur Tat, erfüllt von den Gedanken ihrer vermeintlichen intellektuellen Bundesgenossen, die Liberalität und Toleranz als größte Schwäche unserer Gesellschaften identifiziert haben. In Wahrheit werfen sie damit dem Westen dasselbe vor wie ihre größten Feinde - die islamischen Fundamentalisten.

Hans-Hermann Klare
 
 
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