Ein Studium ist immer ein Abenteuer: neue Stadt, neue Freunde, eigenes Leben. Jeder, der dazu die Möglichkeit hat, sollte es wagen. Denn ein Studium eröffnet viele Chancen und schützt vor Arbeitslosigkeit. Akademiker werden gesucht. Die stern-Jobampel zeigt, welche Fachrichtungen in Zukunft besonders gefragt sind. Von Catrin Boldebuck

Jonathan Kirchner sucht in der Bibliothek der philosophischen Fakultät Literatur für seine Hausarbeit über Nietzsche© Enno Kapitza
Die gute Nachricht gleich vorweg: Ein Studium lohnt sich. Immer. Es ist der Königsweg zum Job. Die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Das Ticket zur Karriere. Die Chance, später einmal gut zu verdienen. Und einen Job zu finden, in dem man sich selbst verwirklichen kann. Deshalb sollte jeder, der die Chance bekommt, an eine Universität oder Fachhochschule gehen. Gerade in einer schweren Wirtschaftskrise. Denn Bildung ist eine Währung, deren Kurs nicht fällt.
Der Blick zurück zeigt: Akademikern erging es auf dem Arbeitsmarkt auch in der Vergangenheit besser als dem Rest der Beschäftigten. Im Boomjahr 2000 herrschte bei Hochschulabsolventen Vollbeschäftigung, nur 2,9 Prozent waren auf Jobsuche. Die Arbeitslosenquote betrug damals insgesamt fast zehn Prozent. Auch wenn es in der Wirtschaft schlecht läuft, wie 2005 oder heute, sind die gut Ausgebildeten besser dran. Sabine Klinger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg erklärt das so: "Jobs für Geringqualifizierte hängen stärker von der Konjunktur ab. Sie werden schneller gestrichen. Hochqualifizierte sind dagegen schwerer zu ersetzen. Deshalb haben Unternehmen großes Interesse daran, diese Kräfte zu halten."
Und der Bedarf an guten Leuten bleibt groß. Die Arbeitswelt verändert sich, weil sich die gesamte Wirtschafts- und Lebensweise wandelt, weg von der Industrie- und hin zur Wissensgesellschaft. Die Experten vom IAB beobachten schon seit Jahren, dass die Zahl der einfachen Jobs sinkt, die Zahl der anspruchsvollen Tätigkeiten in Forschung und Entwicklung, Beratung und Lehre aber steigt. In ihren Berichten raten die sonst eher vorsichtigen Berufsforscher ganz klar: "Für junge Menschen heißt das: Ein Studium lohnt sich, in Zukunft noch mehr als bisher."
Eine wichtige Einschränkung allerdings gibt es: Es kommt auf das Studienfach an. Viele künftige Ingenieure beispielsweise haben bereits vor dem Abschluss einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Anglisten oder Historiker hangeln sich hingegen oft jahrelang von einer befristeten Stelle zur nächsten.
Keiner weiß das so genau wie Michael Weegen. Er analysiert seit mehr als neun Jahren die Jobchancen von Hochschulabsolventen. Weegen leitet die Forschungsstelle ISA, das "Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt" an der Universität Duisburg-Essen. Auch er sagt: "Etwas Besseres als ein Studium gibt es nicht." Aber Weegen warnt davor, sich einfach mal für irgendein Fach einzuschreiben: "Das Studium ist eine Investition fürs ganze Leben. Deshalb sollte jeder Studienanfänger bei seiner Fächerwahl Neigung und Arbeitsmarktchancen abwägen."
Doch woher sollen Studienanfänger und ihre Eltern wissen, wie sich der Arbeitsmarkt entwickeln wird? Wo es einen Bedarf an Hochschulabsolventen geben wird und wo ein Überangebot? Zur besseren Orientierung hat Arbeitsmarktforscher Weegen gemeinsam mit dem stern die Jobampel entwickelt. Sie zeigt die Aussichten für die 26 beliebtesten Studienfächer. Dazu untersucht Weegen drei zentrale Bereiche:
• Absolventen: Wie viele Studenten
schreiben sich ein? Und wie viele halten bis zum Abschluss
durch?
• Erwerbstätige: Wie viele Akademiker
werden in den nächsten
Jahren in Rente gehen? Und wo
tun sich neue Berufsfelder auf?
• Arbeitslose: Wie viele ältere
Absolventen einer Fachrichtung
suchen bereits erfolglos einen
Job? Und wie hoch ist der Anteil
der Jüngeren?
Weegens Analyse ergibt eine klare Aufteilung der Fächer nach den jeweiligen Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Gewinner sind Ingenieure, Mediziner und viele Naturwissenschaftler. Sie werden heute und morgen dringend gesucht. Auch Absolventen in Fächern wie Wirtschaft, Pharmazie oder Lehramt haben gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Dagegen müssen Geistes- und Sozialwissenschaftler mit Problemen beim Einstieg rechnen und flexibel sein, um Beschäftigungsnischen zu finden. Verlierer unter den Akademikern sind Architekten, Biologen, Germanisten und Juristen: In ihren Fächern herrscht großer Andrang, aber es gibt wenig gute Jobs.
Zurzeit studieren zwei Millionen junge Menschen in Deutschland - so viele wie lange nicht mehr. In den nächsten Jahren könnte die Zahl auf 2,5 Millionen steigen. Schüler, die in den kommenden fünf Jahren ihr Abitur machen, werden daher in überfüllten Hörsälen sitzen. Und auch danach auf dem Arbeitsmarkt wird es vorübergehend eng werden.
Das Gedränge hat verschiedene Gründe: Immer mehr Schüler machen Abitur. Weil in vielen alten Bundesländern die Gymnasialzeit verkürzt wird, erlangen in den kommenden Jahren gleich doppelte Jahrgänge die Hochschulreife. Zudem werden durch die neuen Bachelor-Studiengänge, die meist nur drei Jahre dauern, die Studenten schneller fertig.
Kleiner Trost: Von 2015 an werden sich Hochschulen und der Arbeitsmarkt allmählich wieder leeren. Es ist sogar ein Mangel an Fachkräften abzusehen, denn es werden mehr Akademiker in Rente gehen, als junge nachkommen.
Doch nicht nur die Wahl des Studienfachs ist wichtig. Ob man sich für eine große Universität in einer Metropole oder für eine kleine Fachhochschule in der Provinz entscheidet, hat erhebliche Auswirkungen auf das Studentenleben. Mancher wagt sogar den Sprung und geht zum Studieren ins Ausland. Dort sind allerdings die Studiengebühren meist viel höher als in Deutschland.
Welche Hochschule, welches Fach passt zu welchem Typ?
Für ein Studium an einer Massenuni in einem Massenfach muss man pragmatisch sein, selbstständig arbeiten und auf Menschen zugehen können. So wie Helena Jost. Die 21-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre (BWL) an einer der größten Universitäten Deutschlands, der Albertus Magnus Universität zu Köln. 44 300 Studenten sind hier eingeschrieben, fast 5000 allein in BWL.
Wie Urlauber, die sich schon morgens mit dem Handtuch die Liege am Pool sichern, belegen Kölner Studenten Plätze im Lesesaal der Universitätsbibliothek: Mit Heften, Büchern und Laptops markieren sie ihr Revier. Mittags reicht die Schlange der Hungrigen oft bis ins Treppenhaus der Mensa. Zur Übung über Makroökonomik erscheint Helena eine Viertelstunde vor Beginn, um auch ja einen guten Platz zu bekommen. Persönlich spricht sie den Dozenten selten - Kontakt hält sie per E-Mail.
Für Helena, die aus Bacharach kommt, einem romantischen 2000-Seelen-Dorf bei Koblenz, war der Alltag an der Massenuni zunächst ein Schock. "Die ersten Wochen waren grässlich, ich kannte niemanden", erzählt sie. Sie war nach Köln gegangen, weil der Fachbereich Wirtschaft einen guten Ruf genießt. Schnell merkte sie, hier ist Eigeninitiative gefragt: "An einer großen Uni muss man auf Leute zugehen, sonst ist man verloren. Und man muss sich selbst disziplinieren, weil es keinen kümmert, ob man zur Übung kommt oder nicht."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2009