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14. Januar 2009, 21:00 Uhr

Sehnen und Sterben im Netz

Er nennt sich Riddick, verspricht das Glück und wird zum Mörder. Sie nennt sich Sonnscheinregi, sucht Liebe und wird zum Opfer. Eine Geschichte aus der irrsinnigen Welt des Internets. Von Gerd Elendt und Bernd Volland

Chat, Internet, Mord, Mörder, Riddick, Sonnenscheinregi

Riddick, so heißt Christian G. aus Hamburg im Online-Chat© Marcus Vogel

Riddick, der Krieger, sitzt vor seinem Bildschirm. Er sitzt dort in der Nacht, und er sitzt am Tag. Stark ist Riddick, wenn er hier sitzt, und zugleich einfühlsam und liebevoll. Groß gewachsen ist er, aber auch etwas pummelig. Riddick hat Pausbacken. Draußen in der anderen Welt, die man Wirklichkeit nennt, heißt er Christian G. Moin, schreibt Riddick300, World Wide Web, Knuddels.de. Ein Chatraum. Hier können Menschen per Computertastatur über Hunderte Kilometer hinweg unter Pseudonymen Gespräche führen. Hier ist der Bildschirm lila. Hier heißen Frauen Baby oder Maus oder Engel oder Teufelchen und Männer Boy oder Bär oder Lover oder Warrior, Krieger.

guten morgen, antwortet Sonnscheinregi. wie geht es ihnnen so, fragt Riddick300. dut und dir, antwortet Sonnscheinregi. Alles ist sehr leicht, nichts spielt eine Rolle, kein Status, keine Rechtschreibung. 9. Juni 2008, 9:52 Uhr, so lernen sie sich kennen. Auf Riddicks Homepage kann Sonnscheinregi Bilder von ihm sehen. Stechend versucht er zu blicken, mit sonderbar aufgerissenen Augen, entschlossen wie der Action-Star Vin Diesel, der als "Riddick" im Kino Monster und Menschen schlachtete. Es gibt einige bei Knuddels, die gerne Riddick wären und sich so nennen, darum musste Christian G. die 300 dranhängen. Riddick sei sein Vorbild, er kämpfe wie er "für das Gute und gegen das Böse", wird er später in abstürzenden Zeilen auf Papier krakeln, später, JVA Essen, Trakt A, verdächtigt des zweifachen Mordes.

Tragische Vorgeschichte

Christian G., 27: eine Jugend in den Neunzigern und 2000ern, aufgewachsen unter den Sternen von Sony, Nintendo und AOL - Handys, Spielkonsolen und vor allem dem Internet. Unterhaltung oder Ablenkung sind so real wie nie zuvor und vor allem "interaktiv": Man wird Teil des Ganzen, schlägt online in Spielen mit anderen Schlachten, führt im Chat so etwas wie Gespräche. "Im Internet zu Hause", wirbt AOL, "This is living", wirbt Sony, "Der programmierte Wahnsinn", sagt die Werbung von Sega.

und bist du zingel, fragt Sonnscheinregi. jap, tippt Riddick. Christian G. lebt mit seiner Freundin in einer kleinen Wohnung in Hamburg-Harburg. Er wurde 1981 in dieser Stadt ins Leben geworfen und seitdem herumgestoßen. Mit zwei Jahren wird er erstmals für ein paar Monate ins Heim gesteckt. Die Eltern trennen sich. Die Mutter wird bald von einem anderen Mann schwanger, immer wieder büxt Christian G. aus. Mit acht ins nächste Heim. Mit 15 zurück zur Familie. Bald darauf in eine Jugendwohnanlage, von dort in die nächste. Und irgendwann nennt man ihn dann erwachsen, einen 18-Jährigen, der in der vierten Klasse zum ersten Mal durchfiel, nach der achten die Hauptschule ohne Abschluss verließ, kifft und Pillen einwirft, keinen Beruf gelernt hat und fortan nur von Arbeitslosengeld und Gelegenheitsjobs lebt.

Jetzt sitzt er hier zwischen gammelndem Müll und dreckiger Wäsche am Computer und versucht in zerrütteter Orthografie verführerische Worte zu formulieren. Er schreibt häufig Frauen an, und manchmal trifft er sie auch. Den Zungenkus tu ich erwidern, schreibt Sonnscheinregi. Riddick hat ihr gerade gezeigt, wie man Knutschsymbole schickt.

Regina B., so heißt Sonnscheinregi im echten Leben, das eher grau ist. Aber hier im Netz klingt ihr Name bunt, nach "Sunshine Reggae", einem Sommerhit aus den Achtzigern, als sie ihre Jugend in einer Sozialsiedlung im Ruhrgebiet in Marl-Sinsen verlebte. Man kann sagen: Wer hier wohnt, will vor allem hier weg. Regina, 39, ist hier geboren und noch immer da.

Chat-Profi

Ihr Leben scheint auf einem Gleis zu rollen, das im Kreise verläuft, ohne Weichen, ohne Abzweigungen. Der Vater schlug und soff, ihr erster Mann schlug und soff. Arbeitslos, mit 18 schwanger, drei Kinder, Sorgerecht entzogen. Asthma, dazu rund 30 Selbstgedrehte am Tag. Sie lispelt, was daran liegt, dass sie keine Zähne mehr im Mund trägt, sie sind verfault, weil sie solche Angst vor dem Zahnarzt hat. Sie steht unter Betreuung, ihre Intelligenz ist leicht gemindert, und sie leidet unter einer "abhängigen Persönlichkeitsstörung": Es fällt ihr schwer, einen eigenen Willen zu entwickeln, sie braucht andere, die ihr Leben für sie führen, Männer zumeist. Man kann sagen: Sie ist krankhaft sehnsüchtig.

ich neme dich im arm und drücke dich doll, tippt Sonnscheinregi. Riddick ist ein Profi, mit Hunderten von Frauen hat er schon gechattet. Er weiß, dass sich hier die Türen schneller öffnen als im wirklichen Leben, wo sie ihm nur zu oft vor der Nase zugeknallt wurden. Früher als Teenager machten die Mädchen hinter seinem Rücken Witze, ob der wohl mal eine abbekommt? Dabei sei Christian G. einer gewesen, der gemocht werden wollte. Den Mädchen gab er öfter eine Cola aus, die nahmen sie gern an, aber er bekam dafür keine Küsse. Wenn man die Liebe als Wettkampf betrachtet oder gar als Schlacht, ist er der Verlierer.

Und was sollte die Liebe anderes sein? Christian G.s Vater prügelte Mutter wie Kind. Manchmal zerrt er den Sohn nachts aus dem Bett, auf dass er der Demütigung der Mutter beiwohne. Beziehung und Bindung, erlebt der Junge, der bald ein 1,93 Meter großer Mann sein wird, ist eine Frage der Macht. In der Liebe gibt es nur Sieger oder Verlierer. Herrscher oder Untertan. Täter oder Opfer.
ich libe dich Riddick300 ganz doll, mein Herz das ist mit den Gefühlen für dich ganz voll, schreibt Sonnscheinregi nach zwei Stunden Chat. Bisher hat Riddick noch gar nichts Persönliches von sich preisgegeben, nur ein paar Spaßküsse, und vielleicht ist dieses Gedicht auch noch ein Spaß, man weiß das im Chat nie so genau. das ist schön zu hören, antwortet er.

Das Leben in der Nachbarschaft

Regina ist einem Versprechen ins Netz gegangen: dass das Leben größer und großzügiger wird, begibt man sich nur in das Web, das weit wie die Welt sein soll. Und die Verlockung wird nicht kleiner, wenn man überzeugt ist, draußen in der echten Welt vor der Haustür erwarte einen wenig.

Sie hat etliche Freunde, Verwandte und Bekannte, fast alle aus ihrer Siedlung, man bleibt meist unter sich. Und manche Leben ähneln sich hier stark, Gewalt in der Familie, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, frühe Schwangerschaften, Scheidungen. Die Geschichten verknüpfen sich durch Ehen, Partnerschaften und Freundeskreis kreuz und quer.

Regina heiratet nach der Trennung von ihrem ersten Mann den Vater des Freundes ihrer ältesten Tochter. Der Mann stirbt 2007 an Krebs. Fortan werden ihr Affären mit Nachbarn oder Kollegen aus Ein-Euro-Jobs nachgesagt, alles wechselt schnell und bleibt doch gleich.
wo wohnnst du denn, fragt Riddick - ich wohn in Mahl und du - hamburg. Sonnscheinregi fragt: wolltes du forbei kommen - mal seh ja, schreibt Riddick, zweieinhalb Stunden Chat.

Mit 16 hat Christian G. seine erste Freundin. Er wird fortan nie wieder richtig allein sein, aber auch nie wirklich verbunden. Dass er immer verarscht worden sei von den Frauen, klagt er neuen Freundinnen öfter, nicht selten, um dann auch von der Neuen mit demselben Gefühl verabschiedet zu werden. Schnell spricht er von Ehe, Familie, und schnell ist alles vorbei. Wenig hält länger als ein paar Monate. Manche Freundinnen sind erst 14 oder 15, mit einer knutscht er auf dem Spielplatz, da ist er 21. Dreimal wird er Vater, dreimal setzen ihn die Frauen vor die Tür. Er vermutet, dass es daran liegt, dass er kein Geld hat; das sei es, was für Frauen zählt.

Ein klammernder Untertan

Die Frauen seines Lebens erzählen heute meist die gleichen Geschichten. "Er machte alles, was ich ihm sagte", sagt die Mutter seiner zweiten Tochter. In der Beziehung sei er ein klammernder Untertan gewesen, es wurde ihr schnell langweilig. Nach zwei Wochen trennte sie sich, da war sie bereits schwanger. Nach der Geburt des Kindes stand er eine Woche lang täglich vor der Tür, es war ihr nicht klar: Geht es ums Kind oder um sie oder um irgendwas? Dann zog er weiter.

Auf seiner Homepage im Netz können alle sehen, wie stark Riddick, der Krieger, ist, dessen Filmplakat Christian G. seitenfüllend als Homepage-Hintergrund gewählt hat. Sie können sehen, wie beliebt Riddick300 ist, eine Frau hat ihm mit Rautenzeichen ein Bärchen in das Gästebuch getippt, das jetzt vor dem Filmplakat des messerschwingenden Monsterschlächters schwebt. Und feinfühlig ist er wie ein Poet. "Du bist Teil meines Lebens, Teil meines Ich's/ Du bist vieles für mich, Schwester, Freundin, Verbündete", so hat er es für alle lesbar einer "kleinekatze86" ins Gästebuch ihrer Knuddels-Seite gestellt. Das Gedicht findet sich auf zahlreichen anderen Homepages, jeder, der möchte, kann es sich kopieren und sich mit ein paar Klicks ein tiefes Gefühl bauen, so machen das viele hier.

kleinekatze86 ist der Nickname seiner festen Freundin Kathleen, eineinhalb Jahre währt die gemeinsame Hilflosigkeit schon, beide unfähig, sich ein Heim zu schaffen, das man nicht Katastrophe taufen muss. Auch sie hat er bei Knuddels kennengelernt, sie chatteten, dann nannten sie sich irgendwann verliebt, und eines Tages stand er mit einer Plastiktüte voller Klamotten vor dem Haus ihrer Eltern in Magdeburg, wo sie lebte, er für einige Monate einzog und schwer vom Familien-Computer wegzubekommen war. Sie verlobten sich bald und zogen nach Hamburg.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 03/2009

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
acaloth (15.01.2009, 00:36 Uhr)
irgendwie pervers
Ich muss meinem Vorredner recht geben, das was das ganze spektakulär macht und den Stern online zum Artikel animiert ist 1. das das Internet eine wichtige Rolle spielt und das 2. die Geschichte schlecht ausging (im sinne von "bad news are good news")
Wenn etwas derartiges positiv ausgeht ist es keine zeile wert. Wenn das Internet nichts damit zu tun hätte , hätte der Täter zumindest den Kopf abhacken müssen ums zum Artikel zu schaffen.
Das mag jetzt polemisch klingen .....aber bei genauerem nachdenken wird dem geneigten Leser vielleicht die Perversion bewusst.
Pengolodh (14.01.2009, 23:57 Uhr)
Ja... ähm...
Ich habe auch schon von Mördern gelesen, die keinen Computer angeschaltet bekommen würden. Ich kenne Leute, die sich im Internet kennengelernt haben, und jetzt im realen Leben zusammen glücklich sind. Und ich kenne Leute, die dazu kein Internet brauchten. Bloß: welche dieser 4 Geschichten wird veröffentlicht? In einer Welt, wo die Presse (auch online) schon gleichgeschaltet ist, und das restliche Internet noch nicht ganz, ist die Antwort zumindest des gleichgeschalteten Online-Angebots ziemlich klar.
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