. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
27. Oktober 2009, 21:04 Uhr

"Bei uns gibt es keine Bombenbauer"

Abschiebung nach 17 Jahren in Deutschland: Dieses Schicksal droht einer palästinensischen Großfamilie aus Hessen. Die Behörden gehen mit äußerster Härte vor. Noch ist der Kampf aber nicht verloren. Von Malte Arnsperger

Abschiebung, Palästinenser, Khateeb, AG Wohlfahrt, Hessen

Kämpfen gegen die Abschiebung: die Familie Khateeb© Kontraste

Amal Khateeb lebt aus dem Koffer. Der steht vor ihrem Bett. T-Shirts, Jeans und Schmuck hat die 17-Jährige eingepackt. Auch Fotos ihrer Klassenkameraden aus der 12. Klasse der Theodor-Heuss-Oberschule. Für den Fall, dass sie keinen von ihnen wieder sehen wird. Dann, wenn sie abgeschoben ist. So wie ihr Vater.

Amal Khateeb ist Palästinenserin. Zusammen mit zwei Schwestern, vier Brüdern und der Mutter wohnt sie im hessischen Dietzenbach. Ihre Eltern waren 1992 aus Palästina geflüchtet und leben seitdem in Deutschland. Obgleich die Familie nach der Ablehnung ihres Asylantrags nur geduldet wird und bis vor kurzem keiner von ihnen arbeiten durfte, baute sie sich ein Leben in Deutschland auf. Die Kinder sind Mitglieder in Sportvereinen und gehen zur Schule, der älteste Sohn Hasan studiert mittlerweile Jura. Zuhause sprechen sie meist Deutsch, das die Kinder wesentlich besser als arabisch beherrschen. Weihnachten und Ramadan feiern die Khateebs mit Menschen verschiedener Religionen, eine Kopftuchpflicht gibt es bei ihnen nicht. Mit dem Gesetz gerieten sie nie in Konflikt. Eine perfekt integrierte Familie, die in Deutschland ihre Heimat gefunden hat. Sie hofften auf eine dauerhafte Zukunft. Doch diese Hoffnungen platzen im Jahr 2006.

Razzia im Morgengrauen

Ein Morgen im Juli 2006. Die damals 14-jährige Amal wird gegen fünf Uhr von ihrer Mutter geweckt. Polizeibeamte stehen vor der Tür und wollten in die Wohnung. Kurze Zeit später steht die weinende Amal mit ihren Geschwistern und den Eltern in der Küche, während die Beamten mehrere Stunden lang alle Zimmer durchsuchen. "Wir sind keine Terroristen, bei uns gibt es keine Bombenbauer. Es muss sich um ein Missverständnis handeln", fleht der 19-jährige Hassan. Doch er, sein zwei Jahre jüngerer Bruder Haitham, Schwester Amal und die Eltern müssen mit zur Polizeiwache.

Dort erklärt man ihnen den Grund für die Razzia: Vater Majed und Mutter Najah hätten bei ihrer Einreise nach Deutschland falsche Angaben gemacht. Sie seien keine staatenlosen Palästinenser, sondern Jordanier, die man nach der Ablehnung des Asylantrags sofort abschieben dürfe. Allen werden Fingerabdrücke abgenommen, den Kindern wird vorgeworfen, sie hätten von dem angeblichen Betrug gewusst, obwohl offensichtlich ist, dass fünf der Geschwister erst nach der Flucht geboren wurden – in Deutschland. Auch Amal: "Ich hab mich gefühlt wie eine Verbrecherin, obwohl ich überhaupt nicht wusste, was die von mir wollten."

Hinter der Polizeiaktion steckt eine im Jahr 2006 eingesetzte Arbeitsgruppe der Ausländerbehörde des Kreises Offenbach und der Polizei. Ihr Name: "AG Wohlfahrt". Ziel dieser Gruppe ist es, angeblichen palästinensischen Sozialhilfebetrügern auf die Schliche zu kommen. Beiden Behörden scheint diese Arbeit aber mittlerweile eher peinlich zu sein. Weder der Kreis noch die Polizei nahmen Stellung und schoben sich die Verantwortung für die Beantwortung von Fragen gegenseitig zu. Am Ende verwies man auf alte Pressemitteilungen.

Deal mit den Behörden

Darin heißt es, "intensive Recherchen" hätten ergeben, dass es sich bei mehr als 200 angeblich staatenlosen Palästinensern um jordanische Staatsangehörige handele. Durch die ungeklärte Staatsangehörigkeit und ihre Passlosigkeit sei aber ein "faktisches Abschiebehindernis" geschaffen worden. Die Menschen müssten deshalb auch nach der Ablehnung ihres Asylverfahrens geduldet werden. Offenbachs Polizeipräsident Heinrich Bernhardt: "Die bislang aufgedeckten Fälle machen deutlich, dass die Verdächtigen mit hoher krimineller Energie jahrelang unberechtigt Sozialleistungen bezogen und damit schwerwiegende Betrugshandlungen begangen haben." Der Schaden belaufe sich auf mehrere Millionen Euro. Inzwischen seien mehr als hundert Personen abgeschoben worden oder hätten das Land "freiwillig" verlassen.

Die Khateebs leben seit 2003 in einem tristen Industriegebiet in Dietzenbach. Viel Platz hat die Groß-Familie nicht. Die sieben Geschwister müssen sich zwei Schlafzimmer teilen. Die Wände sind kahl, fast alle Bilder haben sie 2006 abgehängt und in ihren Koffern verstaut. "Wir leben seit drei Jahren ein Leben auf Abruf, ein Leben ohne Perspektive, ohne zu wissen, was morgen passiert", sagt Hassan. "Aber ich bin stolz auf meine Familie, dass wir das alles zusammen durchstehen." Hassan ist mit seinen 22 Jahren zum Kopf der Familie geworden, seitdem sein Vater 2007 abgeschoben wurde.

Seite 1: "Bei uns gibt es keine Bombenbauer"
Seite 2: Vater wird abgeschoben
 
 
KOMMENTARE (10 von 46)
 
Averroes (29.10.2009, 00:43 Uhr)
Warum dauerte das Abschieben solange?
Warum werden Sozialhilfebetrüger nur so zögernd abgeschoben? Es ist doch bekannt, dass dieser Betrug System hat und viele Asylbewerber sich hier unberechtigt einschleichen und Millionen (wenn nicht Milliarden) zu Unrecht kassieren? Soll das solange dauern, bis der Staat endgültig pleite ist?
Administrator (28.10.2009, 15:38 Uhr)
@ umseme
Vielen Dank für Ihren Beitrag. Ein solches Posting darf natürlich nicht stehen bleiben.

Allerdings lassen wir jeden Kommentar zunächst online gehen und lesen die Debatten dann mit. Wir möchten unseren Lesern eine schnelle Diskussion ermöglichen, daher kontrollieren wir erst später. Dass es dabei leider dazu kommt, dass einige sich nicht an die Regeln halten, müssen wir in Kauf nehmen und löschen entsprechende Postings. Wir möchten ungern, nur weil einige sich nicht an die Regeln halten, alle strafen, indem wir jeden Kommentar vor Veröffentlichung prüfen.

Je nach Beitragsaufkommen kann es allerdings sein, dass es ein bisschen dauert, bis wir alle Diskussionen gelesen haben und entsprechend bleibt ein solches Posting hin und wieder auch schon mal eine Stunde online.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
Administrator (28.10.2009, 15:33 Uhr)
@Robbespierre
Unsere Stellenausschreibungen haben wohl kaum etwas mit dem Thema des Artikels zu tun. Ihr Beitrag wurde daher gelöscht.

Die Beleidigung gegen Sie sowie die sich daauf beziehenden Antworten haben wir ebenfalls entfernt.
Administrator (28.10.2009, 15:32 Uhr)
@Dieter37
Ihr Beitrag wurde gelöscht. Beleidigungen anderer Leser nehmen wir nicht hin. Bitte diskutieren Sie sachlich und zum Thema.
De_Goude (28.10.2009, 14:33 Uhr)
...
Es ist wirkich erschreckend welche Kommentare hier geschrieben werden!!! gerade die ersten beiden, ich kenne diese Familie persönlich, und eure Lügenunterstellungen lassen mich echt schmunzeln, woher wollt ihr wissen ob sie die Staatsbürgerschaft verschleiert haben??!!
Es gibt tausende Fälle in denen Palästinenser dieses Laissez-Passer ausweise bekommen haben um ausreisen zu können! Man muss sich das so vorstellen, dass Jordanien von Flüchtlingen uafgesucht wurde und die Palästinenser dort nicht gerne gesehen wurden! Den Flüchtlingen die Ausreisen wollten hat man diese Bescheinigung gegeben um sie los zu sein!!!
Diese Familie ist das Muster-Beispiel für eine integrierte Familie!!! Die Familie hat uns zum Fastenbrechen eingeladen mit uns den. Advent gefeiert usw. und so fort!
Die Tochter hat am Tag nach der Nacht in dem der erste Abschiebeversuch dank des Piloten vereitelt wurde, ihr Realschul-Präsentationsprüfung gehabt und mit 2 Bestanden! Hassan hat sein Abitur und studiert die nächsten zwei sind uch dabei ihr Abitur zu machen...und gerade jetzt wo diese Familie dem staat was zurückzahlen könnte durch Steuern usw. soll sie abgeschoben werden?!
Wieso hat man der Familie 17Jahre lang verweigert zu arbeiten, wieso hat man ihr keine Arbeitserlaubnis erteilt? was kann die Familie dafür?!
Es ist einfach lächerlich! Und diese AG Wohlfahrt, hat unter diesem Namen auch schon mal zwischen 1933-1945 existiert mit einer ähnlichen Ideologie!!!
Gisella (28.10.2009, 14:05 Uhr)
keine abschiebung
nicht straffällig geworden-alle gut geraten. Diejenigen abschieben, die es wirklich verdienen. Und-wo war denn die richtige kontrolle unserer behörden -vor 17 jahren?????
Robbespierre (28.10.2009, 12:23 Uhr)
Bürgert die richtigen aus!
Wenn man einige der hier geposteten zynischen, ausländerfeindlichen und menschenverachtenden Kommentare liest, wird schlagartig klar, wo die wirklichen Probleme dieser Republik liegen: In der nach wie vor hohen Idiotenquote. Wahrscheinlich wäre allen mit einer Ausbürgerung dieser rechten Exemplare am besten gedient. Die Familie Khateeb sollte bleiben dürfen, denn sie stellen mit Sicherheit mehr Bereicherung für unser Land dar als jeder der genannten Poster, die feige vom Sessel aus die Abschiebung anderer fordern.
umseme (28.10.2009, 12:05 Uhr)
Entsetzt
nicht der Artikel hat mich sprachlos gemacht, sonder manche Kommentare die hier geschrieben wurden. Ich wünschen allen die solche menschenverachtenden Kommentare schreiben, das sie selber sowas durchmachen müssen.
sportartmakler (28.10.2009, 11:58 Uhr)
wen wunderts
beamte sollen schließlich nicht denken, nur handeln, und das nach vorschrift...auch nach 17jahren.

ob die eltern vor 17j falsche angaben gemacht haben interessiert doch gar nicht mehr. zumal diese eventuelle notlüge aus sicht der familie wahrscheinlich notwenig war. nun sollen die kinder dafür mit abgestrafft werden? menschlicher und ökonomischer schwachsinn.

warum wird für staatenlose bzw. menschen mit ungeklärter zugehörigkeit nicht nach einer frist von 2,3... jahren eine endgültige entscheidung getroffen? asuweisung an das entsprechende land oder arbeitserlaubnis? wir stellen uns mit solchen regelungen in sachen ausländerpolitik selber eni bein.

"AG Wohlfahrt"?? da haben sich die leute ja wirklich gedanken gemacht wie man das ganze verharmlosend kommuniziert. AG Brechstange hätte es natürlich besser getroffen.
artbond (28.10.2009, 11:56 Uhr)
Es sollte doch wohl normal sein...
... das Leute, die in einem Land leben wollen, die Sprache lernen und am sozialen Leben neben teilnehmen. Das sich hier auch noch eine gute Ausbildung abschließen läßt, ist ja ein Benefit des Landes...
Warum diese Selbstverständlichkeiten irgend einen Grund liefern damit irgend ein illegaler bleiben kann, verstehe ich nicht...
So was gibt es nur in Deutschland, andere Länder machen da gar keine Anstalten.
MEHR ZUM ARTIKEL
Kriegsverbrechen bei Gaza-Offensive UN-Menschenrechtsrat verurteilt Israel

Die meisten westlichen Staaten waren dagegen, Russland dafür: Der UN-Menschenrechtsrat in Genf hat Israel im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg mit knapper Mehrheit verurteilt. Die Resolution soll nun dem Weltsicherheitsrat vorgelegt werden - doch Konsequenzen muss Israel kaum fürchten. mehr...

Amnesty-Bericht Israel verweigert Palästinensern ausreichend Wasser

Schwerer Vorwurf an Israel: Das Land beanspruche mehr als 80 Prozent des Grundwassers unter dem Westjordanland, kritisiert Amnesty International. Während Israelis sich Swimmingpools leisteten, hätten viele Palästinenser nicht einmal fließend Wasser. Israel wies den Bericht zurück. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe