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27. Oktober 2009, 21:04 Uhr

"Bei uns gibt es keine Bombenbauer"

Abschiebung nach 17 Jahren in Deutschland: Dieses Schicksal droht einer palästinensischen Großfamilie aus Hessen. Die Behörden gehen mit äußerster Härte vor. Noch ist der Kampf aber nicht verloren. Von Malte Arnsperger

Abschiebung, Palästinenser, Khateeb, AG Wohlfahrt, Hessen

Kämpfen gegen die Abschiebung: die Familie Khateeb© Kontraste

Amal Khateeb lebt aus dem Koffer. Der steht vor ihrem Bett. T-Shirts, Jeans und Schmuck hat die 17-Jährige eingepackt. Auch Fotos ihrer Klassenkameraden aus der 12. Klasse der Theodor-Heuss-Oberschule. Für den Fall, dass sie keinen von ihnen wieder sehen wird. Dann, wenn sie abgeschoben ist. So wie ihr Vater.

Amal Khateeb ist Palästinenserin. Zusammen mit zwei Schwestern, vier Brüdern und der Mutter wohnt sie im hessischen Dietzenbach. Ihre Eltern waren 1992 aus Palästina geflüchtet und leben seitdem in Deutschland. Obgleich die Familie nach der Ablehnung ihres Asylantrags nur geduldet wird und bis vor kurzem keiner von ihnen arbeiten durfte, baute sie sich ein Leben in Deutschland auf. Die Kinder sind Mitglieder in Sportvereinen und gehen zur Schule, der älteste Sohn Hasan studiert mittlerweile Jura. Zuhause sprechen sie meist Deutsch, das die Kinder wesentlich besser als arabisch beherrschen. Weihnachten und Ramadan feiern die Khateebs mit Menschen verschiedener Religionen, eine Kopftuchpflicht gibt es bei ihnen nicht. Mit dem Gesetz gerieten sie nie in Konflikt. Eine perfekt integrierte Familie, die in Deutschland ihre Heimat gefunden hat. Sie hofften auf eine dauerhafte Zukunft. Doch diese Hoffnungen platzen im Jahr 2006.

Razzia im Morgengrauen

Ein Morgen im Juli 2006. Die damals 14-jährige Amal wird gegen fünf Uhr von ihrer Mutter geweckt. Polizeibeamte stehen vor der Tür und wollten in die Wohnung. Kurze Zeit später steht die weinende Amal mit ihren Geschwistern und den Eltern in der Küche, während die Beamten mehrere Stunden lang alle Zimmer durchsuchen. "Wir sind keine Terroristen, bei uns gibt es keine Bombenbauer. Es muss sich um ein Missverständnis handeln", fleht der 19-jährige Hassan. Doch er, sein zwei Jahre jüngerer Bruder Haitham, Schwester Amal und die Eltern müssen mit zur Polizeiwache.

Dort erklärt man ihnen den Grund für die Razzia: Vater Majed und Mutter Najah hätten bei ihrer Einreise nach Deutschland falsche Angaben gemacht. Sie seien keine staatenlosen Palästinenser, sondern Jordanier, die man nach der Ablehnung des Asylantrags sofort abschieben dürfe. Allen werden Fingerabdrücke abgenommen, den Kindern wird vorgeworfen, sie hätten von dem angeblichen Betrug gewusst, obwohl offensichtlich ist, dass fünf der Geschwister erst nach der Flucht geboren wurden – in Deutschland. Auch Amal: "Ich hab mich gefühlt wie eine Verbrecherin, obwohl ich überhaupt nicht wusste, was die von mir wollten."

Hinter der Polizeiaktion steckt eine im Jahr 2006 eingesetzte Arbeitsgruppe der Ausländerbehörde des Kreises Offenbach und der Polizei. Ihr Name: "AG Wohlfahrt". Ziel dieser Gruppe ist es, angeblichen palästinensischen Sozialhilfebetrügern auf die Schliche zu kommen. Beiden Behörden scheint diese Arbeit aber mittlerweile eher peinlich zu sein. Weder der Kreis noch die Polizei nahmen Stellung und schoben sich die Verantwortung für die Beantwortung von Fragen gegenseitig zu. Am Ende verwies man auf alte Pressemitteilungen.

Deal mit den Behörden

Darin heißt es, "intensive Recherchen" hätten ergeben, dass es sich bei mehr als 200 angeblich staatenlosen Palästinensern um jordanische Staatsangehörige handele. Durch die ungeklärte Staatsangehörigkeit und ihre Passlosigkeit sei aber ein "faktisches Abschiebehindernis" geschaffen worden. Die Menschen müssten deshalb auch nach der Ablehnung ihres Asylverfahrens geduldet werden. Offenbachs Polizeipräsident Heinrich Bernhardt: "Die bislang aufgedeckten Fälle machen deutlich, dass die Verdächtigen mit hoher krimineller Energie jahrelang unberechtigt Sozialleistungen bezogen und damit schwerwiegende Betrugshandlungen begangen haben." Der Schaden belaufe sich auf mehrere Millionen Euro. Inzwischen seien mehr als hundert Personen abgeschoben worden oder hätten das Land "freiwillig" verlassen.

Die Khateebs leben seit 2003 in einem tristen Industriegebiet in Dietzenbach. Viel Platz hat die Groß-Familie nicht. Die sieben Geschwister müssen sich zwei Schlafzimmer teilen. Die Wände sind kahl, fast alle Bilder haben sie 2006 abgehängt und in ihren Koffern verstaut. "Wir leben seit drei Jahren ein Leben auf Abruf, ein Leben ohne Perspektive, ohne zu wissen, was morgen passiert", sagt Hassan. "Aber ich bin stolz auf meine Familie, dass wir das alles zusammen durchstehen." Hassan ist mit seinen 22 Jahren zum Kopf der Familie geworden, seitdem sein Vater 2007 abgeschoben wurde.

Seite 1: "Bei uns gibt es keine Bombenbauer"
Seite 2: Vater wird abgeschoben
 
 
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