. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
8. März 2009, 20:21 Uhr

"Plötzlich hat man nichts mehr"

32 Jahre hat Manfred Reimer in der Kölner Severinstraße gewohnt. Sohn Florian verbrachte in dem Haus sein gesamtes Leben. Als in unmittelbarer Nachbarschaft das Kölner Stadtarchiv einstürzte, verloren die beiden Männer ihre Heimat, aber nicht ihr Leben. Chronologie eines Totalverlustes. Von Frank Gerstenberg

Köln, Stadtarchiv, Reimer,

Ein Leben in Umzugskisten: Manfred (l.) und Florian Reimer konnten nur das Nötigste retten© Theodor Barth

Als das Handy am 3. März um 14 Uhr klingelt, ist Manfred Reimer mit der Arbeit fertig. Der Fernmeldetechniker hatte eine Störung bei einem Kunden im Kölner Norden behoben und freut sich jetzt auf einen gemütlichen Feierabend. Seit 32 Jahren lebt der 60-Jährige in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss der Severinstraße 232 und kann sich "nichts Schöneres vorstellen". Das Umfeld, die Nachbarn - alles ist so, wie es sein soll.

Er braucht kein Auto, seine Arbeitsstelle ist zehn Minuten entfernt, seine Stammkneipe, "Björns Treff", liegt um die Ecke. Die Miete ist mit 440 Euro günstig. Auch Sohn Florian (29), der mit dem Vater zusammenlebt, fehlt es an nichts. Er ist in der Severinstraße 232 geboren, im Stadtteil Veedel aufgewachsen, zur Schule gegangen. In seiner Freizeit spielt er gerne Dart in der Kneipe um die Ecke. Die einzige Belästigung für die beiden ist die neue U-Bahn, an der direkt vor ihrer Haustür seit mehr als vier Jahren gebuddelt wird. Risse im Haus hat er zwar keine entdeckt. "Aber manchmal kann man abends zuschauen, wie sich das Wasser im Glas kräuselt". Doch Vater und Sohn sehen auch dies auf typisch kölsche Art positiv: "Dafür haben wir es nachher umso schöner." Der stinkende laute Busverkehr direkt vor dem Küchenfenster sei schließlich auch nicht gerade angenehm; durch die neue U-Bahn wäre dieses Problem beseitigt.

Ende der Veedel-Idylle

Doch die Veedel-Idylle wird erschüttert. Die Anruferin, eine Nachbarin, klingt panisch: "Hier passiert etwas. Da fallen Häuser zusammen. Jetzt stürzt schon wieder eine Wand ein." Manfred Reimer wollte ohnehin nach Hause, jetzt fährt er "etwas schneller". Doch er kommt nicht weit. An der Rheinuferstraße ist bereits alles abgesperrt. Reimer, ein Kölner Gemütsmensch mit lachenden, dunklen Augen, schwarzen Haaren und schwungvollem Backenbart, ist ungewohnt nervös. Im Radio hört er, dass im Severinsviertel Häuser eingestürzt sind. Reimer stellt sein Auto irgendwo ab. Er will in seine Wohnung, rennt zu Fuß einiger hundert Meter, wird jedoch an einer Absperrung am Georgsplatz endgültig gestoppt. "Kein Zutritt, Einsturzgefahr", signalisieren Heerscharen von Feuerwehrleuten und Polizisten. Aus hundert Metern Entfernung kann er seine Wohnung sehen, das Haus steht noch. Es ist 14.30 Uhr, Reimer ruft seinen Sohn an. Der gelernte Parkettleger steht in dem Moment, in dem sein Haus wackelt, auf einem Gerüst und streicht eine Decke.

Wie in einem schlechten Film

"Ich habe erst gedacht, der will mich verarschen. Das Haus steht da, solange ich lebe", sagt Florian Reimer. Doch sein Vater macht keine Witze. Der Arbeitskollege macht einen Kaffee, der 29-Jährige hört die Nachrichten. Auch er hat keine Chance, in seine Wohnung zu kommen, am Neumarkt ist Schluss. Wie das Gefühl ist, nicht in seine eigene Wohnung zu dürfen? "Ätzend". Er habe sich "wie in einem schlechten Film" gefühlt.

Sein Vater macht rund 500 Meter entfernt, vom Balkon eines Nachbarn aus, gegen 15 Uhr eine schlimme Beobachtung: In einem Auto, das mit einer dicken Staubschicht bedeckt ist, sitzt einer seiner Nachbarn. Im Schlafanzug, mit Pantoffeln und leerem, apathischem Blick. Als sein Nachbar im Haus 232 ihn beim Mittagsschlaf weckte, hatte er keine Zeit, seine Habseligkeiten mitzunehmen. Rund um das Auto liegen Trümmer. Das Historische Archiv ist komplett eingestürzt. Das Nachbarhaus, Severinstraße 230, steht nur noch zur Hälfte. Aus dem offenen Teil des fünfstöckigen Hauses flattert ein blauer Teppich, im dritten Stock hängt ein Waschbecken an einer grünen Kachelwand. "Der Anblick des Nachbarn und des Trümmerfeldes hat mich geschockt", sagt Manfred Reimer. In diesem Moment ist der Kölner davon überzeugt, dass es bei dem Unglück viele Tote gegeben haben muss. "Um diese Zeit ist die Straße voll von Menschen." Vor allem Schüler des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums stehen nach der 6. Stunde, die um 13.30 Uhr endet, vor dem Kiosk, der Pizzeria oder der Bäckerei. Und in dem Archiv, davon war Reimer immer überzeugt, müssten mindestens um die 50 Menschen arbeiten.

Köln, Stadtarchiv, Reimer,

Die Nachbarhäuser des Stadtarchivs wurden stark beschädigt© Hermann J. Knippertz/AP

Reimer erinnert sich jetzt an einen Zwischenfall vor fünf Monaten: Vom 5. Stock des eingestürzten Hauses Nr. 230 krachten im Herbst plötzlich dicke Putzbrocken auf die Erde. Der Hinterhof wurde gesperrt, ein Gerüst ragt seitdem bis zum Dachstuhl. Ein Zusammenhang mit dem U-Bahn-Bau, der vor vier Jahren die wenige Meter entfernte Kirche durch Bodenabsenkungen zum "schiefen Turm von Köln" machte? "Dazu will ich mich nicht äußern", sagt Manfred Reimer.

Die Heimat im Veedel verloren

3. März, 16.00 Uhr Die Kölner Innenstadt ist ein einziges Heereslager aus Polizei, Feuerwehr, Rot-Kreuz-Sanitätern. Mischmaschinen füllen 1400 Kubikmeter Beton in die Baugrube unter dem Trümmerkegel, um zu verhindern, dass das Grundwasser steigt und noch weitere Häuser umstürzen. Zu dem Zeitpunkt macht das Gerücht die Runde, unter dem Schutt befänden sich mindestens 30 Menschen. Fest steht, dass 20.000 Urkunden und andere historische Kostbarkeiten aus 1000 Jahren Kölner Geschichte in Dreck und Schlamm liegen, darunter die Nobelpreisurkunde Heinrich Bölls oder wertvolle Bibeln und Gebetbücher. Florian und Manfred Reimer wissen nicht, wie es weitergehen soll, wo sie heute Nacht schlafen sollen. Es deutet sich an, dass sie vielleicht nie wieder in ihr Haus dürfen. Manfred Reimer fühlt sich "mies". Was er verloren hat? "Meine Heimat, die Nachbarn". Möbel, Kleidung seien zu ersetzen, "die Lebensqualität im Veedel nicht". Man kennt sich mitunter seit Jahrzehnten, feiert miteinander, besucht sich, hilft sich. "Es ist wie eine große Familie", sagt der Fernmeldetechniker, der seit vielen Jahren von seiner Frau geschieden ist. Eigentlich wollte er den "Rest seines Lebens" im Haus 232 verbringen. Jetzt ist alles zerstört, die Nachbarschaft, die Sicherheit. Manfred Reimer ist erstmals im Leben ohne festen Wohnsitz.

Auf einmal hat man nichts mehr

3. März, 17 Uhr Vater und Sohn müssen bei Polizei, Feuerwehr und Rotem Kreuz ihre Personalien angeben. Ein Mitarbeiter des Wohnungsamtes fragt die beiden, ob sie schon eine Unterkunft hätten. Manfred Reimer könnte eine Nacht bei einem Freund wohnen, "aber ich habe mir schon gedacht, dass das hier keine kurzfristige Sache ist und wollte keinem zur Last fallen". Es regnet. Florian und Manfred Reimer sind "pitschnass". Zum ersten Mal wird ihnen bewusst, dass sie keine Schuhe und keine Jacke zum Wechseln haben. "Plötzlich fällt einem auf, dass man seine Schuhe nicht putzen kann und keine Zahnbürste und kein Geld hat", sagt der Vater. Die EC-Karte hatte er in der Wohnung liegen lassen, nur den Führerschein und den Personalausweis hatte er zur Arbeit mitgenommen. Florian hat Gott sei Dank seine Karte dabei. Dafür melden sich die Handys ab. Die Reimers haben kein Ladegerät. Gegen 17.30 Uhr reicht es den beiden. Sie gehen zu "Björn", ein Bier trinken, einen Kaffee, die Nachrichten schauen. Der Wirt findet ein Ladegerät für das Handy.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie Vater und Sohn in den Trümmern nach ihren Habseligkeiten suchen

Seite 1: "Plötzlich hat man nichts mehr"
Seite 2: Zahnpasta im Katastrophenschutzzentrum
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
sophisticated (09.03.2009, 09:50 Uhr)
Dieses "Schicksal" wünscht man niemandem!
Es ist schlimm, mit dem nackten Leben davongekommen zu sein, und seinen ganzen Besitz, seine Erinnerungen in Form von Fotos und persönlichen Kleinigkeiten verloren zu haben. Ich möchte aber gleichzeitig daran erinnern, dass durch dem 2. Weltkrieg hunderttausende von Deutschen das gleiche "Schicksal" ereilte. Damals war dieses Schicksal so massenhaft, dass es niemanden weiter interessierte, teilweise bis heute nicht.
Graf_Zahl (09.03.2009, 09:16 Uhr)
kleiner Vertipper
Zitat:
"[...]wertvolle Bibeln und Gebetbücher mit illuminierten Handschriften."
sind die Handschriften wirklich beleuchtet gewesen, oder waren vielleicht doch nur Illustrationen drin?
Mir scheint, der Autor hat zu oft Dan Brown gelesen - nicht in jedem Archiv lauern die Illuminaten.
MEHR ZUM ARTIKEL
Kölner Stadtarchiv "Er hatte null Chancen"

Die Kölner Verkehrsbetriebe haben sich bei den Opfern und Betroffenen des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs entschuldigt. Am Morgen hatten die Rettungskräfte die Leiche des 17-jährigen Bäckerlehrling Kevin geborgen. "Er hatte null Chancen", sagte Feuerwehrchef Stephan Neuhoff. mehr...

Kölner Stadtarchiv "Holt sie endlich raus"

Die Bergungsarbeiten in Köln gestalten sich weiterhin schwierig: Spezialisten aus Japan und den USA konnten nicht helfen. Es gibt kaum noch Hoffnung, die beiden vermissten jungen Männer noch lebend zu finden. Unterdessen wurde bekannt, dass ein Gutachten bereits 2004 "Hohlraumbildungen" auf Grund der Tunnelarbeiten feststellte. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe