Die Angst geht um in Norddeutschland, der Schwarze Mann scheint wieder da zu sein. Die Entführung eines Zehnjährigen aus einer Jugendherberge in Rheine erinnert frappierend an einen Sexualstraftäter, der bereits vor Jahren den kleinen Dennis entführte und umbrachte. Der stern berichtete 2001 ausführlich über den unbekannten Serien-Triebtäter. Von Bernd Volland

Die Phantombildzeichnung des "Schwarzen Mannes" basiert vor allem auf der Beschreibung eines Kindes, das von ihm missbraucht wurde© DPA
Anfang September verschwand der kleine Dennis aus einem Schullandheim bei Bremen. 14 Tage später fand man seine Leiche. Offenbar wurde auch er Opfer eines geheimnisvollen Triebtäters, der schon seit Jahren Jagd auf Jungen macht. Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Niemand! Und wenn er aber kommt?
Dann glaubt keiner daran. Dies ist die Geschichte vom kleinen Jungen Dennis und dem Schwarzen Mann. Es ist eine traurige Geschichte, und sie ist wahr. Vielleicht gerade deshalb wahr geworden, weil es Erwachsenen so schwer fällt, an den Schwarzen Mann zu glauben.
Man könnte die Geschichte beginnen lassen am Nachmittag des 3. Mai 1992. Im Stadtwald von Verden scharren Hunde einen Körper frei. Ein totes Kind, 13 Jahre alt, nackt der Unterleib, die Hände auf den Rücken gefesselt. Es ist Stefan Jahr. Fünf Wochen zuvor, in der Nacht zum 31. März 1992, war er aus seinem Zimmer im Internat in Scheeßel verschwunden.
Über 300 Spuren wird die Polizei untersuchen, der Täter wird nicht gefasst. Da Stefans Schlafanzug in einem Nebenraum lag, vermuten die Ermittler, er habe sich umgezogen und freiwillig das Internat verlassen.
Dennis ist zu diesem Zeitpunkt drei Monate alt. In Scharmbeckstotel, 45 Kilometer entfernt von Verden, wächst er auf. Unweit von Bremen, 1800 Einwohner, drei alte Gasthäuser und eine Bäckerei samt Tante-Emma-Laden, wo sich die Scharmbeckstoteler mit Mettwurstbrötchen, Zahnpasta oder Waschmittel versorgen. Dennis lebt in einem Mehrfamilienhaus aus Klinkerstein mit kleinen Balkonen, putzigen Dachgauben, einer Schaukel und zwei Sandkästen im Garten. Einziger Sohn einer normalen Scharmbeckstoteler Familie, vor Jahren zugezogen, gut aufgenommen.
Hepstedt, 22 Kilometer von Scharmbeckstotel, Wilhelm-Berger-Schullandheim, Ausflugsort vor allem für Bremer Grundschulklassen, 3. März 1992: Eine Lehrerin überrascht nachts im Gebäude einen Unbekannten. Der Mann flieht. Die Polizei sucht Gebäude und Umgebung ab, ergebnislos.
29. April 1992: Kinder erzählen am Morgen, ein Mann sei durch die Gänge geschlichen, er habe mit einer Taschenlampe in die Zimmer geleuchtet. Alle Türen und Fenster sind verschlossen. Die Lehrer vermuten, es handele sich um Fantasien nach dem Lagerfeuer am Vorabend. Die Polizei wird nicht verständigt.
Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?
Alle Kinder auf Schullandheim-Ausflügen. Kleine Mädchen. Und kleine Jungs, die in ihren Stockbetten liegen und sich erzählen von Mördern und dunklen Gestalten, die durch die Gänge schleichen und Kinder rauben. Und dann, wenn sie die Augen schließen und Heimweh bekommen, tritt der Schwarze Mann in ihren Schlaf, wird wahr, ein Albtraum.
Oft bleibt er bis zum nächsten Morgen. Dann berichten verstörte Kinder von schlimmen Ereignissen der Nacht. Lehrer beruhigen sie, erklären ihnen, sie hätten nur geträumt. "Man versucht, zu erforschen, wo der Grund liegt. Vielleicht gibt es Probleme zu Hause", sagt Reinhard Brüning, 59, seit 35 Jahren Lehrer, über 30 Klassenfahrten. Er ist Vorsitzender des Trägervereins des Schullandheims Hepstedt. Gelegen in der Gegend um das Teufelsmoor, wo dunkle Wälder zwischen tiefen Mooren und hohen Getreidefeldern im Wind rauschen. Ein großer Bau, eingeschossig, links eine Weide, dahinter ein Maisfeld, sonst nur Wald, dichtes Gehölz.
Schullandheim Hepstedt, 25. August 1992: Schüler berichten, ein Mann sei in ihrem Zimmer gewesen, auch auf dem Flur wurde er gesehen, groß, dunkel, Bart. Er habe erzählt, er sei nur ein "Nachtgespenst". Türen und Fenster waren verschlossen. Die Polizei findet keine Spuren.
Hepstedt, 11. September 1992: Ein Junge sagt, er habe nachts einen großen dunklen Mann im Haus gesehen. Da Türen und Fenster des Heims verschlossen waren und es keine Spuren gibt, verfolgen Heimleitung und Polizei den Vorfall nicht weiter.
Hepstedt, 24. September 1992, 1.30 Uhr nachts: Ein Schüler läuft zur Lehrerin, ein Mann hätte vor dem Bett gestanden, maskiert. Das Aussiedlerkind spricht in gebrochenem Deutsch von einem "Doktor". Als die Lehrerin mit ihm aufs Zimmer geht, ist nichts zu sehen. Die Türen waren verschlossen. Sie vermutet, er habe eine schwere Zeit hinter sich, schlecht geträumt. Die Polizei wird nicht verständigt.
Und wenn er aber kommt?
Wenn der Schwarze Mann tatsächlich da war, ein Mensch, der vor den Stockbetten steht, irr, raffiniert und gefährlich? Wer glaubt den Kindern? Die Geschichten klingen morgens immer gleich. "Es ist schwer zu unterscheiden, ob ein Kind etwas erlebt hat oder ob es nur schlecht geträumt hat", sagt Heim-Vorsitzender Brüning. Dennoch wurden in Hepstedt im Zuge der Vorfälle Ketten an den Türen angebracht, alle Schlösser ausgewechselt, bis auf das des neu errichteten Mittelbaus.
Hepstedt, 29. Oktober 1992: Nachts betritt ein Mann nacheinander mehrere Zimmer. Er spricht mehrere Jungen an, fasst einem unter die Decke, legt vor einem anderen an sich selbst Hand an. Einen dritten zwingt er, ihm zu folgen. Er hat ein Messer gezogen, 20 Zentimeter lang, schwarzer Griff, missbraucht das Kind im Aufenthaltsraum. Die Kinder sagen, der Mann sei groß gewesen, dunkel gekleidet und habe eine schwarzweiße Maske getragen. Die Kripo vermutet, der Täter sei durch ein Fenster eingestiegen. Der Vorsitzende hingegen ist überzeugt, dass er einen Schlüssel zum Mittelbau hatte, es müsse einer sein, der sich mit Landheimen und Kindern auskennt. Die Polizei wendet sich mit einer Täterbeschreibung an die Öffentlichkeit. Die Ermittlungen werden ergebnislos eingestellt. Die Schließanlage wird komplett ausgetauscht, Bewegungsmelder werden installiert. Danach gibt es keine weiteren Vorfälle in Hepstedt.
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Kindesentführung in Rheine Nach der nächtlichen Entführung eines Zehnjährigen aus einer Jugendherberge im Münsterland ermittelt die Polizei weiter auf Hochtouren. Der Junge war am frühen Samstagmorgen im Schlaf von einem unbekannten mutmaßlichen Kinderschänder verschleppt worden. Der Zehnjährige musste sich im Wald ausziehen, konnte dann aber fliehen. Die Ermittler vermuten, dass es sich bei dem Täter um den Schwarzen Mann handelt. Jenen Serien-Sexualstraftäter, der zwischen 1992 und 2001 immer wieder in Schullandheimen eindrang und Jungs missbrauchte. Die hier veröffentlichte Reportage stammt aus dem Jahr 2001, erschienen im stern Nr. 46.